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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 13:40

Tommi Musturi: Unterwegs mit Samuel

08.07.2010

Ein Kessel Buntes

Eine ganz besondere Wanderschaft unternimmt man als Leser, wenn man Unterwegs mit Samuel ist, denn die Reise, auf die einen Tommi Musturi schickt, führt einen vom Ursprung des Seins über das Ende der Zivilisation wieder ins Hier und Jetzt ... oder so ähnlich. Von CHRISTIAN NEUBERT

 

Der finnische Zeichner Tommi Musturi ist als Herausgeber der Anthologie Glömp zwar kein unbeschriebenes Blatt mehr in der europäischen Comic-Landschaft. In seinem ersten größeren Werk, das nun in Deutschland vorliegt, lässt er dennoch die Blätter unbeschrieben – in Unterwegs mit Samuel werden keine Worte verloren, sein textloser Comic ist im Grunde ein Bilderbuch.

 

Ohne Worte

Als Leser weiß man lediglich durch den Titel, dass das einsame Strichmännchen, das scheinbar ebenso unbeeindruckt wie unbeirrbar durch eine – unsere – farbenfrohe Welt spaziert, auf den Namen Samuel hört. Rastlos, aber ohne Eile durchschreitet er die Landschaft, gelangt in Gegenden, wo er auf Kreaturen trifft, die ihm in Form und Farbgebung gleichen, obwohl bestimmte Merkmale seines Äußeren sich in der ganzen belebten wie auch unbelebten Natur wiederfinden. Ob es damit wohl etwas auf sich hat?

 

Fragen über Fragen

Wer ist dieser Samuel, und was will er? Will er überhaupt irgendwas? Und wohin führt er uns? Wozu soll das überhaupt alles führen? Dies sind Fragen, die sich einem auftun, wenn man Samuel auf seiner Reise begleitet. Nur Samuel scheint kein Interesse an Antworten, ja nicht mal an Fragen zu haben. Er läuft einfach weiter. Und weiter. Und weiter.

 

Unterwegs mit Samuel erinnert ein wenig an Lewis Trondheims A.L.I.E.E.N., nur mit satteren Farben und eben gar keinem Text. Außerdem ist Samuels Welt nicht so feindselig wie Trondheims Außer-Erde. Obwohl: Auch Samuel wird Zeuge und sogar Urheber von Gewalt, auch offensichtlich unbegründeter, sogar ein regelrechtes Blutbad bleibt dem Leser nicht erspart, nur dass dies Samuel anscheinend nicht besonders kümmert. Emotionen sind ihm zwar nicht unbekannt, doch Samuels überaus sensible Gefühlsregungen deuten auf eine Nähe zum Nirwana hin, die selbst buddhistischen Würdenträgern spottet. Er schnuppert an Blumen, während um ihn herum Zivilisationen entstehen und vergehen. Er bereichert die bunte Welt mit weiteren Farben, die er ihr durch Flötenklänge zuführt oder die er einfach in die Gegend furzt. Einmal lastet das Gewicht der gesamten Welt auf ihm. Und manchmal hat der nackt Umherwandernde, der gern mal eine raucht, auch einen ordentlichen Ständer.

 

Musturi hat - wie er im Nachwort erklärt - seinen zum Bilderbuch gebundenen Farbrausch „nichts anderem gewidmet als der Freiheit, sich zu sagen: Alles ist ein grosses Wunder.“ Und durch dieses Wunder führt einen die stoische Titelfigur, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. Auch nicht durch Eingriffe von Außen, wenn eine aus dem Nichts hereintretende Macht Samuel die Nase ins Gesicht drückt oder den Fluss der Farben, die das Dunkel der Welt überstrahlen, mit bloßen Händen aufhält.

 

Was soll das nun alles? Schon wieder so eine Frage. Vermutlich kann man dem Werk mit Fragen einfach nicht beikommen. Zumindest nicht zureichend. Genießen kann man es aber allemal. Man kann sich an den Farben der auf den ersten Blick chaotischen Welt, die im Grunde jedoch strengen Formprinzipien gehorcht, ergötzen. Und sich Gedanken machen. Deutungsversuche sind mit Sicherheit gewünscht, aber genauso sicher dazu verurteilt, eben ein Versuch zu bleiben. Dass dies gar nichts macht - darin liegt eventuell das Geheimnis von Samuel, seiner Reise und der Welt, die er durchwandert.

 

„Nimm alles an. Bleib in Bewegung. Keine Angst. Keine Erwartungen. Bleib rein. Pass auf dich auf“, rät einem der Autor am Ende des Comics. So ganz ohne Worte kommt er also doch nicht aus – wenn ihm dieser Anhang nicht wichtig gewesen wäre, hätte Musturi ihn bleiben gelassen.

 

Das Leben geht weiter

Keine Angst, Unterwegs mit Samuel steckt nicht in der Esoterik fest. Wenn überhaupt eine formulierbare Erkenntnis vermittelt werden soll, dann die, dass alles seinen Lauf nimmt. So wie Samuel. Vermutlich ist Samuel ein Sinnbild für das Leben. Obwohl, nein, er ist nicht einfach nur eine Allegorie für das Leben, er ist das Leben selbst. Und als solches geht er natürlich einfach immer weiter.

 

Das ist zumindest der Eindruck, den ich gewonnen habe. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, findet in Musturis bunten Bildern genügend Raum für eigene Spekulationen.

 

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