Gaiman/Kubert/Isanove: Marvel 1602
06.05.2010
Brave neue Welt
Seine Comic-Serie Sandman machte Neil Gaiman zu Recht zu einem der größten Comicautoren unserer Zeit. Nun erfindet der Meister der Träume, gemeinsam mit den Zeichnern Andy Kubert und Richard Isanove, in 1602 das Marvel-Universum nicht neu, sondern "alt". Doch so einfach geht das nicht. Von DANIEL WÜLLNER
Die Verwendung von alternativen Welten hat in amerikanischen Comics seit jeher Tradition: In Marvels What if … ? und DCs Elseworlds bekamen bekannte Superhelden neue Identitäten, abweichende Entstehungsgeschichten oder standen einfach mal von den Toten wieder auf. In Marvel 1602 hingegen findet sich das halbe Personal aus dem "Haus der Ideen" im Europa des siebzehnten Jahrhunderts wieder, gemeinsam mit der heiligen Inquisition und dem europäischen Adel. Im Vollbesitz ihrer Superkräfte werden sie als Hexenbrut abgestempelt. Wie einst die Pilgerväter vor ihnen entfliehen die Ausgestoßenen den Intrigen des alten Europas und suchen Zuflucht im jungen Amerika.
Epigonale Figuren, diagonale Schraffuren
Damit Neil Gaimans Arbeit sich richtig entfalten kann, muss man ihm Freiraum für seine Ideen geben. In Sandman hat er sich diesen Freiraum selbst geschaffen; sein Protagonist Morpheus durchstreift sowohl die Träume der Figuren wie auch die Historie und die Weltliteratur. Dabei reimaginiert Gaiman nicht nur Mythen, sondern verbindet sie mit seinen Comicwelten und erfindet sie so neu. An selbigem postmodernen Spiel versucht sich Gaiman auch in Marvel 1602 und beginnt sofort mit der Verteilung von Rollen: Magneto wird kurzerhand zum Großinquisitor ernannt und Daredevil verdingt sich als Spion. Die antiquierte Sprache und die realen Figuren, wie zum Beispiel Queen Elizabeth I., erzeugen einen stimmigen Hintergrund für diese Metamorphosen.
Um dieser Welt den richtigen Anstrich zu verpassen, hat Kubert seine Bleistiftzeichnungen ohne Zwischenstation beim Inker direkt zum Kolorieren weitergegeben. Der Effekt dieser Technik ("enhanced pencils") bringt eine feinere Linie zum Vorschein, die anschließend noch digital nachbearbeitet wurde. Bei der Kolorierung wurden diagonale Schraffuren in fast jedem Panel eingefügt, die das Gefühl eines gemalten Bildes noch verstärken. Wie Rembrandts bekanntes Gemälde Die Nachtwache von 1642, das durch den Rauch und Russ eines Amsterdamer Kamins erst seine nächtliche Stimmung erhalten hat, so besitzen auch die grafischen Darstellungen in Marvel 1602 eine gewisse Patina, die sie von anderen Comiczeichnungen abhebt. Durch ein ähnliches Prozedere hätte man auch die glänzendweißen Sprechblasen ins siebzehnte Jahrhundert überführen können.
Was nicht passt, wird passend gemacht
Alle Zutaten für eine spannende Lektüre scheinen in diesem Comic vorhanden zu sein, doch beim Lesen schwindet der Eindruck schnell. Zu stark sind die Eigenheiten der Superhelden, so dass Gaiman sich am Ende doch hinreißen lässt, die Aushängeschilder vom Marvel Verlag als solche zu präsentieren. Das postmoderne Spiel mit der Fiktion, das sich bei Sandman so bewährt hat, will mit den populären Charakteren nicht funktionieren. Immer wieder entkommt Peter Parquagh dem Biss der Spinne und ohne Unterlass sinniert die elisabethanische Variante von Reed Richards über die Relativitätstheorie. Die Helden mutieren wieder zu den Mutanten zurück, die sie schon immer waren. Die einzige, wohltuende Ausnahme ist Sir Nicolas Fury, für den sich Gaiman extra viel Zeit genommen hat; seine Stärken und Schwächen werden gezeigt, er wächst innerlich und reflektiert über seine Handlungen: "Weißt du, der andere Fury, den du kanntest … Ich bin nicht er." Genau diese Spannung zwischen dem Marvel-Universum und Marvel 1602 fehlt bei all den anderen Figuren oder wird von Gaiman übertrieben eingesetzt.
Überdeutlich wird Gaimans fehlgeleitete Vision in Marvel 1602 durch die Figur des Indianers Rojahz. Da dem Alter Ego von Captain America (Steve Rogers) der Schild fehlt, um sich daran festzuhalten, nimmt er die Pose des stoischen Indianerhäuptlings ein und spielt brav den noblen Wilden. Erst gegen Ende des Comics bricht er seine wortkarge Pose und damit auch sein Schweigen: "Wir sind hier … bei der Geburt einer Nation … eines Traums …". Auf die Frage, wen er beschütze wolle, antwortet er "die Siedler", "mein Volk". Es findet keine Reflektion über den Status der Indianer statt; einzig und allein die pilgernden Superhelden dürfen den amerikanischen Traum träumen. Durch die Flucht ins siebzehnte Jahrhundert entkommt Gaiman der Politisierung der Superhelden nicht; bis hierhin wird Amerika von seiner eigenen Geschichte verfolgt und scheint aus seinen Fehlern kein Stück gelernt zu haben.
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