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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 16:07

Chauvel/Collette: Alice im Wunderland & Gregory/Bonk/Leister: Wonderland

29.04.2010

Die doppelte Alice

Gleich zwei Comicadaptionen von Lewis Carrolls Vorwegnahme dessen, was die Surrealisten später als das Absurde der Realität brandmarken sollten, versuchen sich an einer zeitgenössischen Transformation des Stoffes – mit völlig unterschiedlichen Methoden. Von SVEN JACHMANN

 

Das französische Gespann David Chauvel und Xavier Collette orientiert sich an der recht sklavischen Werktreue. Der Handlungsverlauf und die Dialoge entsprechen, von geringfügigen Straffungen und gelegentlichen Modifikationen abgesehen, weitestgehend dem Original, und somit gilt das Prinzip der narratologischen Endlosschleife: Alice gelangt durch den Kaninchenbau ins Wunderland, gerät an ein Ensemble skurriler Figuren und wird Leidtragende riskanter und im besten Sinne unlogischer Szenarien, die allseits bekannt sein dürften.  

 

Deshalb codiert die Erzählung über bildgewaltige Farbnuancen all das, was als viktorianische Absurdität literarisch erfasst wurde. Die Figuren heben sich deutlich vor den Hintergründen ab, aber ihre Konturen werden über Farben, nicht mittels eines Strichs gebändigt. Das hat einen äußerst zarten Effekt, der die Gefahr, die den meisten Situationen früher oder später innewohnt, zwar zu bannen suggeriert, es aber nicht vollends schafft. Manchmal sind die Farben von Alice und ihrer Umgebung identisch. Das ist keine Frage danach, inwiefern sich ein Lichtschein nach den Gesetzen des Realismus auf der Figur spiegelt. Manchmal mutiert Alices Körper - und er mutiert schließlich oft dank des zahlreichen Naschwerks - zu einem Dekorationsstück des Panels. Dann wird es völlig unklar, was in diesem Wunderland mit all seinen grotesken Gesetzen einer erwachsenen Logik eigentlich mehr attackiert werden soll: der Körper oder der Verstand?

 

Augenscheinlich aber wird der - wenn man ihn in diesem Sammelsurium der pervertierten Vernunft denn ausmachen will - metaphorische Kern der Vorlage: Der Körper und der Verstand des Kindes Alice drohen unweigerlich erwachsen zu werden, und das Wunderland ist der Ort, an dem dieser unumgängliche Konflikt entweder ausgefochten oder beklagt werden muss. Entweder als Initiation – denn schließlich ist es Alice, die all die Prüfungen erfolgreich meistert – oder als kindliche Imagination dessen, wie viel Angst der Eintritt in die Welt der Erwachsenen einem Kind bereiten kann – denn schließlich funktioniert hier nichts nach den Gesetzen und Regeln, die die kindliche Vorstellung zumindest diffus als von Erwachsenen geschaffene identifiziert.

 

Dies ist sicher auch der Grund, weswegen die literarische Vorlage für beide Lebenswelten, Erwachsene und Kinder, gleichermaßen reizvoll ist: Die Angst vor dem Verlust der Kindheit ist für beide drängend, aber die Orte, aus denen sich diese Angst speist, könnten nicht unterschiedlicher sein. In diesem Sinne ist es Chauvels und Collettes Adaption eindrucksvoll gelungen, die Ambivalenz der Vorlage in den Comic zu übertragen. Neue Lesarten ringen sie ihr jedoch nicht ab.

 

Alice mit Titten

Das erledigt umso ambitionsbefreiter Wonderland. Rückkehr ins Wunderland, eine siebenbändige Miniserie, an deren Realisierung gleich sieben Kreative beteiligt waren und die nun  als Sammelband vorliegt. Von Ambivalenz zeugt hier höchstens der gedeckelte Puritanismus, der vom Klappentext zwar als „verstörende Reise ins Märchenland des Grauens“ gepriesen wird, an sich aber bloß dadurch verstört, dass er sich grenzgängerisch geriert, obwohl er nur die langweiligsten Schauwerte des Horrorgenres reproduziert - indem er sie schlicht anwendet, ohne ihnen etwas abzuverlangen. Titten und Splatter müssen da als behauptete Transzendenz genügen.

 

Für Sexploitation zu feige und für dramatisierte Pervertierung zu dumm platziert der Plot Alice als erwachsene Mutter mitten in die Gegenwart, wo sie die traumatischen Erinnerungen ans Wunderland vollends dem Wahnsinn verfallen lassen, der von ihrem Suizidversuch zu Beginn der Story eingeleitet wird. Das ist der Startschuss für ihre Tochter Calie, stellvertretend für die Mutter ungewollt eine weitere Reise durchs Wunderland anzutreten. Derweil lässt sich Alices Ehemann mit Vorliebe von seiner Geliebten in harten S/M-Spielen traktieren, was den jugendlichen Sohn wiederum dermaßen erbost, dass er die beiden kurzerhand umbringt.  

 

Das Wunderland ist also in eine Schieflage geraten, proportional zum mörderisch geratenen Familiensegen. Seine Bewohner sind blutrünstige Monstren, seine Besucher unsympathische Psychopathen. Der Plot ist insofern vorgegeben, dass er die doppelte Lesart, eine für Kinder eine für Erwachsene, nicht mehr zulässt. Die anvisierte Schockwirkung des düster gegen den Strich gebürsteten Materials könnte jedoch biederer nicht sein: Voluminöse Brüste und zerfetzte Leiber werden akkurat in den Splashpanels positioniert, ein auch in den zeitgenössischen Superheldenstorys gängiges Verfahren, und die gelegentliche Symbiose von Sex und Gewalt soll wohl deshalb anrüchig erscheinen, weil sie sich an einem eben auch für die kindliche Welt geöffneten Stoff austobt.

 

Alles strebt nach Eindeutigkeit; selbst die Existenz des Wunderlandes wird final durch den Lovecraft-Mythos erklärt. Die Gegenwart: Sie ist so drastisch, dass jeder Anflug von Ambivalenz durch einen tosenden Blutmatsch hinweg gefegt und durch Bausteine der Zitation ersetzt wird. Zitate etwa aus The Matrix und John Carpenters In the Mouth of Madness kommentieren das Geschehen ähnlich hilflos, wie die Auszüge aus den Tagebüchern von Alice oder die Blogeinträge ihrer Tochter Calie für die Ausstaffierung ihrer Charaktere folgenlos bleiben. Im Prinzip ließe sich darin die surrealistische und unerklärte narrative Sogkraft der Vorlage bestens aufheben. Nur: Der Plot bemüht sich unentwegt Sinnangebote zu stiften und suhlt sich dummdreist in Schauwerten, die so alt sind, wie das Genre selbst.

 

Der Gestus: coole Provokation. Das Resultat: verschämte Kicherei, weil man es gewagt hat, Sex und Gewalt zusammen zu denken. Mit dieser angestrebten Melange und der genrespezifischen Selbstreflexion befindet sich die Erzählung etwa auf einem Stand, den der Horrorfilm bereits in den frühen 90er Jahren hinter sich ließ, als er mit Wes Cravens Scream nach neuen Anschlussmöglichkeiten für die konform geratenen Erzählmodelle suchte. Genrehistorisch ist dieses Werk also reizlos und inhaltlich Beavis and Butt-Head. Vermisst die irgendjemand?

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