Alice mit Titten
Das erledigt umso ambitionsbefreiter Wonderland. Rückkehr ins Wunderland, eine siebenbändige Miniserie, an deren Realisierung gleich sieben Kreative beteiligt waren und die nun als Sammelband vorliegt. Von Ambivalenz zeugt hier höchstens der gedeckelte Puritanismus, der vom Klappentext zwar als „verstörende Reise ins Märchenland des Grauens“ gepriesen wird, an sich aber bloß dadurch verstört, dass er sich grenzgängerisch geriert, obwohl er nur die langweiligsten Schauwerte des Horrorgenres reproduziert - indem er sie schlicht anwendet, ohne ihnen etwas abzuverlangen. Titten und Splatter müssen da als behauptete Transzendenz genügen.
Für Sexploitation zu feige und für dramatisierte Pervertierung zu dumm platziert der Plot Alice als erwachsene Mutter mitten in die Gegenwart, wo sie die traumatischen Erinnerungen ans Wunderland vollends dem Wahnsinn verfallen lassen, der von ihrem Suizidversuch zu Beginn der Story eingeleitet wird. Das ist der Startschuss für ihre Tochter Calie, stellvertretend für die Mutter ungewollt eine weitere Reise durchs Wunderland anzutreten. Derweil lässt sich Alices Ehemann mit Vorliebe von seiner Geliebten in harten S/M-Spielen traktieren, was den jugendlichen Sohn wiederum dermaßen erbost, dass er die beiden kurzerhand umbringt.
Das Wunderland ist also in eine Schieflage geraten, proportional zum mörderisch geratenen Familiensegen. Seine Bewohner sind blutrünstige Monstren, seine Besucher unsympathische Psychopathen. Der Plot ist insofern vorgegeben, dass er die doppelte Lesart, eine für Kinder eine für Erwachsene, nicht mehr zulässt. Die anvisierte Schockwirkung des düster gegen den Strich gebürsteten Materials könnte jedoch biederer nicht sein: Voluminöse Brüste und zerfetzte Leiber werden akkurat in den Splashpanels positioniert, ein auch in den zeitgenössischen Superheldenstorys gängiges Verfahren, und die gelegentliche Symbiose von Sex und Gewalt soll wohl deshalb anrüchig erscheinen, weil sie sich an einem eben auch für die kindliche Welt geöffneten Stoff austobt.
Alles strebt nach Eindeutigkeit; selbst die Existenz des Wunderlandes wird final durch den Lovecraft-Mythos erklärt. Die Gegenwart: Sie ist so drastisch, dass jeder Anflug von Ambivalenz durch einen tosenden Blutmatsch hinweg gefegt und durch Bausteine der Zitation ersetzt wird. Zitate etwa aus The Matrix und John Carpenters In the Mouth of Madness kommentieren das Geschehen ähnlich hilflos, wie die Auszüge aus den Tagebüchern von Alice oder die Blogeinträge ihrer Tochter Calie für die Ausstaffierung ihrer Charaktere folgenlos bleiben. Im Prinzip ließe sich darin die surrealistische und unerklärte narrative Sogkraft der Vorlage bestens aufheben. Nur: Der Plot bemüht sich unentwegt Sinnangebote zu stiften und suhlt sich dummdreist in Schauwerten, die so alt sind, wie das Genre selbst.
Der Gestus: coole Provokation. Das Resultat: verschämte Kicherei, weil man es gewagt hat, Sex und Gewalt zusammen zu denken. Mit dieser angestrebten Melange und der genrespezifischen Selbstreflexion befindet sich die Erzählung etwa auf einem Stand, den der Horrorfilm bereits in den frühen 90er Jahren hinter sich ließ, als er mit Wes Cravens Scream nach neuen Anschlussmöglichkeiten für die konform geratenen Erzählmodelle suchte. Genrehistorisch ist dieses Werk also reizlos und inhaltlich Beavis and Butt-Head. Vermisst die irgendjemand?