Pratt/Manara: Ein indianischer Sommer
10.06.2010
Böse neue Welt
Im zweiten Band der Werkausgabe von Milo Manara macht sich der Großmeister des erotischen Comics gemeinsam mit seinem Landsmann Hugo Pratt auf, um die neue Welt und die ihr innewohnenden Ambiguitäten zu erkunden. Von DANIEL WÜLLNER
Nach einem Übergriff auf eine junge Siedlerin kommt es in den Kolonien zum bewaffneten Konflikt zwischen den Ureinwohnern Amerikas und den puritanischen Siedlern, zu einem Clash of Cultures. Inmitten dieser blutigen Auseinandersetzung befindet sich die Familie Lewis; ausgestoßen von der Gesellschaft, lebt sie in der Grauzone zwischen den Kulturen, an der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis. Diese Gegensätze spiegeln sich auch im Wechselspiel von Pratts detailliert ausgearbeitetem Szenario – angelehnt an Nathaniel Hawthornes Der scharlachrote Buchstabe – und Manaras sinnlichen Landschaften und Frauen wieder. Sie erzeugen so ein sehr zweideutiges Bild der "bösen" neuen Welt.
Schamesröte
Die ersten neun Seiten von Ein indianischer Sommer spiegeln die gesamte Handlung des Comic-Romans wieder. Ein Strand, zwei Indianer, eine keusche Siedlerin und ein von der Gesellschaft Ausgestoßener. Ganz ohne Worte spitzt sich die Handlung schnell zu. Ein freundliches Lächeln wird zu einem wilden Grinsen, und schon ziehen die beiden Indianer das Fräulein gewaltsam hinter die Düne und vergewaltigen sie. Anstatt nach dem Akt davonzulaufen, tollen sie wie junge Hunde in der Brandung, bis sie durch das Gewehr des Lewis-Jungen bestraft werden. Diese intensiven Szenen werden erst nach 14 Seiten vereinfachend in Worte gefasst, die den Handlungen zwar entsprechen, ihre Tragweite aber nicht fassen können: "Sie ist von den Indianern vergewaltigt worden!" Wie stark Pratt seinen Partner bei diesen ersten Szene beeinflusst hat, lässt sich an der Gestaltung des Strands und der Möwen ablesen, die stark an ähnliche Szenen in Corto Malteses erstem Abenteuer Die Südseeballade erinnern.
Einzig und allein die Overknee-Strümpfe und das üppige Dekollete der Puritanerin trotzen der stimmigen Abenteuergeschichte. Die Erotik im Comic wirkt zunächst wie ein Fremdkörper, welcher der Geschichte übergestülpt wurde, obwohl sie den Ursprung der Auseinandersetzung darstellt. Im wieder gibt Pratt seinem Zeichnerkollegen Manara Raum, um den Konflikt mit leicht bekleideten Frauen weiter anzuheizen: Puritanische Blondinen ersuchen um Vergebung, und Damen mit gelocktem Haaren bewegen sich feenhaft durch Jugendstil-Wälder, die Alfons Muchas Gemälden in nichts nachstehen. Auf jeder neuer Seite möchte man mit dem Finger auf die schamlosen Damen zeigen, die Schuldigen so brandmarken, und doch erhebt man dabei die Hand nur gegen die Opfer der männlichen Begierde.
Scharlachröte
Die einzelnen Parteien im jungen Amerika sind in Ein indianischer Sommer ausnahmslos damit beschäftigt, Schuldige zu suchen. Doch bestraft werden nur die Frauen, denen es nicht gelingt, sich gegen das männliche Eindringen zur Wehr zu setzen. Grafisch explizit positioniert Manara seine Frauen, er lässt sie zögern und kokettieren, doch am Ende kommt es fast immer zum Akt. Im Gegensatz zu anderen Comics, die von Manara gezeichnet wurden, kann sich der italienische Künstler dank dem aufwendig ausgearbeiteten Skript seines Landsmannes Hugo Pratt ganz auf die grafische Darstellung konzentrieren.
Auf eine bizarre Weise scheinen sich Manaras Erotikpassagen und Pratts ausgeklügelte Adaptionen von Der scharlachrote Buchstabe und den populären Romanen von James Oliver Curwood im Wege zu stehen. Doch wenn man Ein indianischer Sommer nur als Abenteuercomic mit erotischen Zwischenspielen liest, dann tut man den beiden Italienern unrecht, da diese beiden Komponenten direkt ineinandergreifen: Neben dem sexuellem Übergriff zu Beginn des Comics entblößt die schüchterne Puritanerin die verborgene Unzüchtigkeit des Pfarrers auf sehr explizite Art und Weise. Die weibliche Jungfräulichkeit steht metaphorisch für das junge Amerika. Das blühende Land, mit seinen grünen Kornfeldern und seinen weitläufigen Flussläufen, das Manara immer wieder stimmungsvoll einbindet, liegt vor den Siedlern, aber auch vor den Indianern, und beide Parteien vergehen sich schamlos daran.
Die Werkausgabe von Panini, die hinter dem Schutzumschlag einen schamroten Einband zum Vorschein bringt, macht Lust zum Blättern. Eine ausführliche Einleitung von Sergio Rossi mit anschaulichen Skizzen und informativen Hintergrundinformationen verspricht eine erste Interpretation des Stoffes. Doch sollte man sich gerade wegen der immanenten Ambiguität des Comics, seiner starken Gegensätze aus Abenteuer und Erotik, eigene Gedanken machen, denn genau dazu regt Ein indianischer Sommer an.
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