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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 16:08

Jean-Baptiste Andreae: Die mechanische Welt

29.07.2010

Ein Käfig voller Narren

Eine märchenhafte Fantasy-Abenteuerreise mit der Flucht aus dem goldenen Käfig als Ausgangspunkt – das ist Die mechanische Welt. Jean-Baptiste Andreae strapaziert dafür seine gesamte Farbpalette. Von CHRISTIAN NEUBERT

 

Das Traumschiff sozusagen, aber ohne Sascha Hehn und Klaus-Jürgen Wussow – es muss das Paradies sein: Jeden Tag herrscht eine ausgelassene Stimmung auf dem gewaltigen Ozeanriesen „Mekaton“. Es wird getanzt und getrunken, und alle Reisenden – Menschen, Halbandroiden und skurrile Tierwesen – feiern, als ob es kein Morgen gäbe. Der Morgen wiederum bringt die nächste Feier, und das Tag für Tag, seit Generationen schon.

 

Ein schwimmendes Alcatraz

Die Wesen an Bord sind also im Grunde gar keine Reisenden, denn das Schiff wird niemals eine Küste ansteuern. Und die täglich stattfindende Party ist Pflichtveranstaltung für jedermann. Kein Wunder, dass es da irgendwann einen gibt, dem das alles zu viel – weil zu wenig – wird: Phileon, das sprechende Rhinozeros, will eines Tages nicht mehr an dem Mummenschanz teilhaben und das Schiff verlassen. Zum ersten Mal muss also die Sondertruppe in Aktion treten, um den Abtrünnigen an seinem merkwürdigen Vorhaben zu hindern – das ist nämlich verboten.

 

Phileon möchte die Welt sehen, die es außerhalb der Bordwände des gewaltigen Schiffes geben muss. Es heißt zwar, dass dort der sichere Tod lauert, doch wenn dem wirklich so ist, warum dann das Verbot, das Schiff zu verlassen? Fragen wie diese sind es, die das Nashorn zur Flucht veranlassen. Unterstützung findet es bei dem ähnlich denkenden Teenager Bruno, bei dessen Mutter Edmée, die stets tief blicken lässt, beim früheren Kapitän des Schiffes, der von dem machthungrigen Feinvogel seines Amtes enthoben wurde, und schließlich bei einem stummen Mädchen, dass sich als blinder Passagier unter der Feiergesellschaft bewegt. Der Ausbruch aus dem Partydampfer führt das ungleiche Quintett in eine postapokalyptische Welt, die einige Gefahren birgt – und Fragen aufwirft, die an Bord der "Mekaton" nicht von Belang waren. Zum Beispiel die, wie alles soweit gekommen ist.

 

Die mechanische Welt ist in drei Kapitel eingeteilt – in Oceanica, Antarctica und Urbanica, die – nomen est omen – stellvertretend für das Setting stehen, in dem sich die Abtrünnigen jeweils bewegen. Die Flucht von der "Mekaton" führt die Ausreißer zunächst ins ewige Eis, wo sie auf eine Dorfgemeinschaft von Menschen treffen, die sich durch eine Schar marodierender Roboter bedroht sieht. Eine zusätzliche Gefahr stellen auch die von Feinvogel entsandten Häscher dar, die nach den Flüchtigen trachten. Das Finale der Endzeit-Mär findet schließlich in Mechapolis statt, wo dem Leser ein typischerweise überraschendes Ende geboten wird, das die Geschichte auf gelungene Weise auflöst.

 

Kunterbunte Postapokalypse

Jean-Baptiste Andreae, der sich bereits mit der Trilogie Herzfresser und dem zweibändigen Werk Wendigo einen Namen gemacht hat, präsentiert mit Die mechanische Welt eine wilde Mixtur aus Elementen der Fantasy, des Märchens und der klassischen Abenteuergeschichte. Je nach Kapitel dominieren zwar verschiedene Farben das Szenario – in der Arktis zum Beispiel flächiges Weiß und kühle Blautöne. Insgesamt ist das Werk jedoch ziemlich bunt gehalten, aber niemals aufdringlich grell. So sind Zeichnungen und Farbgebung ein Trumpf des Comics, obwohl hier nicht gerade besonders innovativ ans Werk gegangen wurde. Doch die Detailfülle, die die eigenwilligen Protagonisten inklusive aller Nebenfiguren sowie die Low-Tech-mäßige Endzeitwelt bieten, ist auf jeden Fall positiv hervorzuheben.

 

Die Handlung von Die mechanische Welt ist zwar keineswegs ohne Anspruch, doch Tiefgang kann man ihr auch nicht bescheinigen. Kombiniert mit den ihrer Motivation nach klar zwischen gut und böse unterscheidbaren Charakteren ist der Comic ein eher trivialer Lesestoff. Das Lesevergnügen wird dadurch, solange man sich an einer insgesamt gelungenen Abenteuergeschichte erfreuen kann, jedoch nicht sonderlich beeinträchtigt, zumal das Werk wohl auch und gerade auf ein jüngeres Publikum als Zielgruppe abzielen soll. Aber Vorsicht: Trotz strenger Dichotomie bei den Charakterbeschreibungen geht das einzige Todesopfer des Bandes doch tatsächlich auf Kosten der, nun ja, Helden. Und von einem Unfall kann hierbei nicht die Rede sein ...

 

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