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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 16:08

Joachim Heinzle: Die Nibelungen

06.05.2010

Sagen-haft

Der Marburger Germanist Joachim Heinzle veröffentlicht eine tadellose, reich bebilderte und zudem erschwingliche Einführung in das komplexe Themengebiet der Nibelungendichtung. Von SEBASTIAN KARNATZ

 

Wie kaum ein anderer literarischer Stoff haben die Nibelungen jenes schwammige Etwas, das man als das kulturelle Gedächtnis der deutschen Nation(en) bezeichnen könnte, geprägt. Die Geschichte der Nibelungenrezeption reicht von der harmloen Wiederentdeckung im Kreis des Schweizer Gelehrten Johann Jakob Bodmer, über die nationalistische Vereinnahmung des Stoffes im Kampf gegen die französische Bestie Napoleon bis hin zur katastrophalen Apostrophierung der Nibelungentreue, die in die Verheerungen des Ersten Weltkrieges münden sollte.

Hätten die Protagonisten jener emphatisch beschworenen Treue jedoch das mittelhochdeutsche Heldenepos tatsächlich einmal gelesen, so wäre wohl auch ihre Begeisterung für jene bedingungslose Standhaftigkeit etwas geringer ausgefallen – die Nibelungentreue führt notwendigerweise in den Tod, schlimmer noch: in die vollkommene Vernichtung. Das Nibelungenlied liefert eben keine Anleitung für nationales Heldentum, sondern viel eher – wie es Jan-Dirk Müller paradigmatisch formuliert hat – Spielregeln für den Untergang.

 

Siegfrieds Ermordung in der Nibelungenhandschrift K (1480-90) Siegfrieds Ermordung in der Nibelungenhandschrift K (1480-90)

Die Nibelungen im Quadrat

Aufgrund dieser heiklen Rezeptionsgeschichte ist das Anliegen des Primus-Verlags ohne Zweifel durch und durch begrüßenswert: In der Reihe „Wissen im Quadrat“ bündelt der Verlag knapp die wichtigsten die Informationen zu jeweils einem größeren Themenkomplex. Nichts würde also näher liegen, als dem Leser auch das Nibelungenlied in einem reich bebilderten Band in all seinen Facetten näherzubringen.

Doch die Skepsis wächst bei der ersten Ansicht des Bandes. „Liebe, Rache und Verrat“ verspricht uns der Buchumschlag vollmundig. Zudem findet sich unter den angeblich in diesem schmalen, knapp hundert Seiten zählenden Büchlein beantworteten Fragen auch noch die folgende: „Warum das Lied große Literatur ist und was es so spannend macht.“ Größere – und komplexere Fragen – vermag man sich kaum auszumalen.

 

Trotz aller Skepsis und aller berechtigten Kritik an der reißerischen Aufmachung des Buches ist „Die Nibelungen“ für die deutsche Sachbuchlandschaft ein nahezu unschätzbarer Gewinn. Der Verlag konnte mit dem Marburger Germanisten Joachim Heinzle einen ausgewiesenen Kenner der Materie als Autor gewinnen. Und Heinzle wiederum ließ sich – dies kann man gar nicht genug loben – auf das gewagte Unternehmen des Verlags ein: Er beleuchtet knapp, bündig und präzise das Nibelungenlied in all seinen schillernden Facetten. Mit leichter Hand skizziert er die Handlung, zeigt die oralen Ursprünge des Lieds auf, weist auf frühe bildliche Umsetzungen hin, referiert Interpretationsvarianten und deutet zu guter Letzt kurz das fatale Nachleben des Stoffes in den modrigen Eingeweiden des deutschen kulturellen Gedächtnisses an.

 

Germanistische Mediävistik für alle

Dies alles trägt Joachim Heinzle maßvoll und kompetent vor, ohne den Forschungsdiskurs allzu breit zu treten, allerdings auch ohne unnötig zu verknappen. So ist ihm das Kunststück gelungen, eine kundige und gut lesbare Einführung in ein schwieriges Themengebiet zu verfassen, die den Leser weder grundlos unter- noch überfordert. Der Fachkundige wird von Albert Lords Epenentstehungstheorien über Jan-Dirk Müllers gewitzter Dekonstruktion des Heldenideals bis hin zu den kunsthistorischen Forschungen über die bildliche Umsetzung des Stoffes alles finden, was sein Herz begehrt, der interessierte Laie wird staunend und gut anleitet die tatsächliche Komplexität jener mittelalterlichen Heldendichtung begreifen, die wohl nur allzu tumbe Gemüter zum allein seligmachenden Nationalepos hochstilisieren konnten.

 

Und ganz nebenbei beweisen Joachim Heinzle und der Primus-Verlag, dass auch klar gegliederte, reich bebilderte Sachbücher zur Einführung sowohl ihrem Gegenstand als auch dem Bildungshunger ihrer Leser gerecht werden können. So würde man sich dies als bescheidener Leser eigentlich immer wünschen.

 

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