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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 16:09

The Exploding Girl

06.05.2010

Distanz zum Eigenen

Die Erzählung entfaltet sich langsam und bedächtig und ist gerade deshalb bezaubernd. Auch die Schauspieler agieren bestechend: Es gelingt Ihnen, jeden einzelnen Augenblick des Films mit Leben zu füllen. Von SASCHA ORMANNS

 

The Exploding Girl beginnt und endet mit einer Autofahrt. Am Anfang photographiert die Kamera durch die Frontscheibe, Bäume spiegeln sich darin, Sonnenstrahlen werden reflektiert, teils schemenhaft auszumachen ist Ivy, die Protagonistin des Films, schlafend auf dem Vordersitz. Bis auf das Fahrgeräusch: angenehme Ruhe. Das Ende stellt schließlich die Umkehrung dieses Prologs dar, die Visualisierung lässt zwar durchaus Ähnlichkeiten erkennen, nur hat sich die Verortung der Kamera geändert; sie befindet sich jetzt innerhalb des Autos, näher an den Figuren. Die aufkeimende Liebe zwischen Ivy und Al, die in The Exploding Girl innerhalb der überaus kurzweiligen 79 Filmminuten beeindruckend aufgebaut wird, dokumentiert das Schlussbild noch ein letztes Mal: In einer Nahaufnahme sieht der Zuschauer Ivys zögerlichen Zeigefinger, mit dem sie behutsam nach Als Hand tastet, die Kamera schwenkt hoch, die Köpfe der Protagonisten schmiegen sich vertraut aneinander.

Die übrige Erzählung trägt sich zwischen diesen beiden Sequenzen zu, entfaltet sich höchst bedächtig und ist gerade deshalb bezaubernd. Eine schleichende, schöne Entwicklung vollzieht sich zwischen den schon lange Befreundeten, Ivy und Al. Es ist Sommer. Beide sind während der Semesterferien zu Besuch in ihrer Heimat New York. Treffen sich zum Kartenspielen im Park, besuchen öde Partys oder teilen sich geschwisterlich einen Milchshake. Diese alltäglichen Ereignisse werden in durchdachten Einstellungen präsentiert, in denen sich die Montage besonnen zurücknimmt, beinahe entschleunigt wirkt. Die Schnittfrequenz von The Exploding Girl ist für heutige Sehgewohnheiten tatsächlich sehr niedrig, was überhaupt erst die von Eric Lin klug gewählten Kamerapositionierungen und -bewegungen möglich machen. Die Kamera agiert entweder als fremder oder eben, wenn auch seltener, als bekannter Beobachter. Sie ist fast nie eindeutig dem Blick einer Figur zuzuordnen, versteckt sich eher hinter Gegenständen und photographiert meist aus sicherer Distanz und scheint den Figuren so Privatsphäre zuzugestehen. Nur in wenigen Momenten identifiziert man ihr Beobachten mit dem von Ivy, wenn sie es ist, die ihre Umgebung auskundschaftet – sich dabei ganz besonders auf Al konzentriert, ihm beim vermeintlichen Flirten scheinbar eifersüchtig zuschaut.

 

Zurückhaltender, fast dokumentarischer Inszenierungsstil

Aus diesem zurückhaltenden, fast dokumentarischen Inszenierungsstil hat sich innerhalb des amerikanischen Independent-Films ein eigenes, erst seit 2002 existentes Genre entwickelt – der „Mumblecore“. Dieser zeichnet sich neben der bereits erwähnten Zurückhaltung der verschiedenen Gewerke in erster Linie durch ein extrem begrenztes Budget aus. Eine Kausalität dieser beiden Charakteristika darf zwar durchaus als gegeben vermutet werden, muss allerdings nicht zwingend einen Nachteil bedeuten, sondern bietet vielmehr eine Chance zur Rückbesinnung auf schlichte, aber dennoch ausgezeichnet funktionierende filmische Mittel. Dass bei einem solchen Konzept häufig auf ein durchchoreographiertes Drehbuch und den Plot vorantreibende Einflüsse verzichtet wird, bietet den Schauspielern (innerhalb dieses Genres zumeist unbekannten Jungmimen) Raum für Improvisation, der wiederum bedeuten kann, dass es gelingt, die Grenzen zwischen Fiktionalität und Realität eines Werks aufzuweichen.

 

Diese Tatsache unterstützend schlägt auch die meist intradiegetisch verwendete Musik zu Buche – nie wird ein Moment künstlich aufgeladen, die Dramaturgie entwickelt sich stets situativ. Und glücklicherweise kann sich der Zuschauer in The Exploding Girl auf das Talent der Darsteller verlassen und darauf vertrauen, dass es ihnen gelingt, jeden einzelnen Augenblick mit Leben zu füllen. Vor allem die beiden Hauptdarsteller Zoe Kazan und Mark Rendall wissen mit ihrem punktgenauen, brillanten Spiel zu überzeugen. Es sind die kleinen, vertrauten Gesten, mit denen es ihnen gelingt, den Beobachter zu verzücken, seien es scheinbar unbeabsichtigte Berührungen, ein bezauberndes Lächeln, oder ein humorvoller „Streit“ in dem sie sich spaßeshalber Schimpfworte an den Kopf werfen, die eher wie Kosenamen wirken.

 

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