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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 16:09

Kittl / Saehrendt: Geier am Grabe Van Goghs

13.05.2010

Leichen im Keller des Kunstbetriebs

Man sollte sich vor der weihevollen Aura und dem Mantel des Genialen nicht täuschen lassen: Die moderne Kunst und seine Schöpfer umhüllt ebenso ein Schleier von Zwietracht und Verderbtheit. Von CHRISTIAN NEUBERT

 

Wer hätte das gedacht? Der Kunstbetrieb soll ein Haifischbecken sein, die Künstler waten knietief durch einen blutigen und schleimigen Morast aus Verleumdung und Opportunismus, Treulosigkeit und Selbstsucht, Sex und Gewalt. Sicher, man weiß, dass eine gehörige Portion Narzissmus und Egozentrik unabdingbare Bestandteile einer gelungenen Inszenierung nicht weniger Künstler sind. Und so manchen ihrer Fehltritte schnappt man, brühwarm in Szene gesetzt, in diversen Boulevardmagazinen auf. Doch von den meisten der haarsträubenden Geschichten, die sich hinter der schillernden Fassade des Kunstbetriebs abspielen, bekommt man kaum etwas bis gar nichts mit.

 

Im Schatten des schönen Scheins

Die Intrigen und Skandale, die den Laden im Hintergrund bestimmen und am Laufen halten, liefern nicht nur mehr als genug Stoff für sensationsgeile Klatschreporter, sondern nicht selten auch für den Staatsanwalt. Als einfaches Beispiel sind hier die zweifelhaften Karrieren von Kunstfälschern zu nennen. Oder, ebenso naheliegend, Verbrechen im Zusammenhang mit Kunstgegenständen, die in Zeiten des Umbruchs – z.B. während oder nach dem Zweiten Weltkrieg – begangen wurden und werden. Nicht zu vergessen sind an dieser Stelle auch drastische Darbietungen aus dem Bereich der Performancekunst, die die Gemüter der Öffentlichkeit und der Justiz erhitzen, oder an Kunstobjekten begangener Vandalismus von Seiten religiöser Fanatiker, eifersüchtiger Trittbrettfahrer und nicht zuletzt sammelwütiger Touristen. Komplettiert werden die Eklats durch regimetreuen Ikonoklasmus, anklagende und/oder berechnende Blasphemie und, natürlich, obligatorischen Drogenmissbrauch. Doch auch für Mord und Totschlag stellt der Kunstbetrieb einen dankbaren Nährboden, auf dem diese Verbrechen gut gedeihen können.

 

Offensichtlich sind nicht nur die Seelen der Künstler zerbrechlich. Zum Glück haben viele der fragwürdigen Taten, die einem eine Ahnung von der hässlichen Kehrseite der Welt der schönen Künste vermitteln, keine nachhaltigen Schäden in verletzten Gemütern verursachen können, sondern lediglich diverse Kontostände nach oben korrigiert. Klar, Skandale sorgen für Aufmerksamkeit, und schon klingelt die Kasse. Gedruckte Worte auf billigem Papier sind oft einträglicher als Ölfarben auf Leinwand. Schön, dass sich der in seinem nebulösen Nimbus verborgene Kunstbetrieb in diesem Zusammenhang in all seiner Weltlichkeit offenbart.

 

Steen T. Kittl Steen T. Kittl

Sinn und Sinnlichkeit, Nonsens und Stumpfsinn

Dies alles hört sich jetzt allerdings dramatischer an, als es Kittl und Saehrendt mit ihrer Anekdotensammlung Geier am Grabe Van Goghs sein wollen. Seitenhiebe werden zwar gern und häufig ausgeteilt, aber nie grundlos – ihr Kunstgeschichten-Lesebuch soll in erster Linie unterhalten und nicht etwa aufdecken oder gar bloßstellen. Dies gelingt den beiden Kunstwissenschaftlern auch auf ganzer Linie. Dennoch sind manche der hässlichen Geschichten aus der Welt der schönen Künste von solch drastischem Inhalt, dass einem der Atem stockt.

 

Das Autorenduo, das bereits mit den Büchern Das kann ich auch! und Das sagt mir was! große Erfolge erzielen konnte, bietet sowohl Bewanderten als auch Ignoranten einen kenntnisreichen und spitzzüngig formulierten Einblick in die Abgründe der modernen Kunst, die nicht für das Auge der Öffentlichkeit bestimmt sind und entsprechend ausgeleuchtet werden. Die mit viel Akribie zusammengeklaubten Beiträge sind, obwohl stets mit einem Augenzwinkern vorgetragen, in ihren besten Momenten spannend wie ein guter Krimi.

 

Die in dem schön editierten, mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Abbildungen ausgestatteten Band versammelten Geschichten empören und verstören, werfen Fragen auf und machen einen Kopfschütteln, bringen zum Lachen und lassen einem das Lachen im Halse stecken bleiben. Übersichtlichkeit wird durch eine thematische Einteilung der 46 Beiträge in sieben Kapitel gewährleistet. Geier am Grabe Van Goghs ist nicht nur für das Kunstwissen des Lesers eine Bereicherung, sondern auch für dessen boulevardgemäße Blut-und-Tränen-Bildung, so dass dieser beim nächsten Museumsbesuch sowohl ordentlich als Sach- als auch als Klatschverständiger punkten kann.

 

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