Hector Umbra
10.06.2010
Achtung Wild!
Dass der Comic auch abseits seines Mediums funktionieren kann, bewies Uli Oesterles Lesung aus Hector Umbra, die erstmals außerhalb Münchens zu erleben war. FALK STRAUB hat sie sich angehört und -gesehen.
Das Theater in der Garage ist gut besucht. Fast alle 90 roten Kinoklappsitze sind belegt. Bevor Uli Oesterle seinen Platz auf der sechs Meter breiten Bühne einnimmt, um aus seiner 2009 erschienenen Graphic Novel Hector Umbra zu lesen, verteilt er zahlreiche Fläschchen Jägermeister unter den Zuschauern. Als kleine Bestechung quasi, auf dass ihm das Publikum wohlgesinnt sein möge. Die Willkommensgeschenke verfehlen ihre Wirkung nicht. Auch wenn die braunen Alkoholika auf Anweisung des Autors nicht sofort gekippt werden dürfen, ist die Stimmung bereits vor der Lesung ausgelassen.
Projizierter, schimmernder Wahn
Was das Publikum dann zu hören und sehen bekommt, ist ein wilder Ritt in die Münchner Unterwelt. Während DJ Nicolai Vogel an den Turntables den Raum beschallt, besorgt VJ Michael „Gene“ Aichner die nötige Optik. Auf eine Leinwand in der Bühnenmitte projiziert er Hector Umbras Horror-Trip. Die Geschichte um zum Leben erwachte Wahnvorstellungen in der Club- und Subkultur der Bayern-Kapitale schimmert mal als Einzelbild, mal als Panelfolge auf. Aichner unterlegt sie farbig, zoomt in die Panels hinein oder aus ihnen heraus, bringt sie zum Schwingen und Vibrieren.
Die visuelle Gestaltung überzeugt. „Ich fand sehr gut, dass nicht einfach eine komplette Seite projiziert wurde, sondern versucht wurde, Bild für Bild den Lesefluss nachzuahmen“, äußert sich einer der Besucher nach der Lesung positiv überrascht. Im Vergleich zur Lesung Mädchen Monster Missgeschicke von Flix, Christian Moser und Ralph Rute, die er vor zwei Jahren auf dem Comic-Salon besucht hat, hebt sich für ihn die Hector Umbra-Lesung deutlich ab. Besonders Oesterles gute Atemtechnik und seine überzeugende Interpretation der Charaktere streicht er positiv heraus.
Rotz und Feuerwasser
Das Lob verwundert nicht, legt sich Uli Oesterle beim Lesen der Inserts, Sprechblasen und Soundwords doch mächtig ins Zeug. Der Autor hustet, prustet, schnäuzt und stöhnt, liest seine Figuren mit viel Verve und Abwechslungsreichtum. Wahre Highlights sind seine Darbietungen des Bösewichts Lego Bulosa, dem er eine Mischung aus ungarischem Akzent und Hitlersprech in den Mund legt, sowie des DJs Lester Birmingham. Wenn der vermeintliche Brite Lester urplötzlich ins breiteste Niederbayerisch verfällt, hält es selbst die amerikanischen Besucher in der letzten Reihe vor Lachen nicht mehr auf ihren Sitzen.
Neben Oesterles Stimmvariationen ist es vor allem das Reenactment bestimmter Szenen, das beim Publikum gut ankommt. Da werden nach einer durchzechten Nacht Alka-Seltzer im Wasserglas aufgelöst, da wird zum Frühstück Kakao aus dem Tetrapak getrunken und immer wieder zugeprostet, wenn auch im Comic angestoßen wird. Als in Hector Umbra eine Runde Kräuterschnaps mit dem Hirsch-Emblem geordert wird, dürfen endlich auch die Zuschauer trinken.
Komik wird deutlicher
Auch wenn sich die Lesung durch ihre audiovisuelle Umsetzung gravierend von einem Comic unterscheidet, besitzt sie Qualitäten, die dem Medium selbst abgehen. Während die Musik die richtige Grundstimmung verströmt, bringt Uli Oesterles Vortrag die Komik seiner Graphic Novel pointiert zum Vorschein. An vielen Stellen ist er der privaten Lektüre überlegen, wirkt ein Dialekt gesprochen doch um einiges witziger als schriftlich fixiert.
Durch die gezielte Lenkung des Blicks gehen dem Publikum zwar gewisse Freiheiten verloren, der Vortrag erlaubt es einem aber auch, sich ganz auf die Zeichnungen zu konzentrieren und das geschriebene Wort auszublenden. Das Ergebnis ist freilich etwas anderes als ein klassischer Comic, birgt jedoch ein „Lektüre“-Erlebnis, von dem man sich gerne mehr wünscht.
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