Milo Manara
10.06.2010
Auf den Leib gemalt
Obwohl er längst einer der großen europäischen Comic-Zeichner ist, besuchte der Italiener Milo Manara dieses Jahr zum ersten Mal den Comic-Salon. Im öffentlichen Künstlergespräch stand er dem Moderator Harald Havas über sein früheres Schaffen und zukünftige Projekte Rede und Antwort. DANIEL WÜLLNER saß im Publikum.
Die Zusammenarbeit mit seinem Freund und Landsmann Hugo Pratt muss sehr erfüllt und freudig gewesen sein; das erkannte man an Manaras Lächeln, wenn er von ihren gemeinsamen Autofahrten erzählte. Da Pratt keinen Führerschein hatte, musste stets Manara fahren. Ebenso stolz wie er auf die Zusammenarbeit bei Ein indianischer Sommer und El Gaucho war, ebenso betrübt war Manara 1995 über den Tod des Freundes, den er als großen Bruder bezeichnete. Eine dritte Kollaboration der beiden, in der es um einen römischen Gladiator und wieder um ein Zusammentreffen von zwei einander fremden Kulturen gehen sollte, kam leider nicht mehr zustande.
Ein Hut als Aufhänger
Die Zusammenarbeit mit Fellini dagegen verlief nicht immer so reibungslos. Obwohl er schon lange ein begeisterter Fan des italienischen Filmemachers war und dessen Filme als „geistige Nahrung“ bezeichnet, kam es erst im Zuge eines Geburtstages von Fellini zu einem ersten Zusammentreffen. Als Überraschung für Fellini, der in seiner Jugend selbst viel gezeichnet hatte, lud man mehrere italienische Comic-Künstler ein, unter anderen auch Manara. Obwohl auch Fellini an dessen Arbeit interessiert war und dieser einige Plakate für Fellinis Filme zeichnete, war er über Manaras Vorschlag, sein unvollendetes Skript zu Reise nach Tulum als Comic umzusetzen, zunächst nicht begeistert. Manara überzeugte den Regisseur mit einem Trick. Er zeichnete den Hut, den der Schauspieler Marcello Mastroianni in mehreren Filmen Fellinis trägt und der ihn zum Alter Ego des Regisseurs macht. Diesem Aufhänger konnte Fellini nicht widerstehen.
X-Women
Momentan arbeitet Manara mit dem Argentinier Alejandro Jodorowsky an dem vierten Band von Die Borgia. Gerade abgeschlossen ist X-Women, entstanden in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Autor Chris Claremont. Während Manara zuvor bereits von Neil Gaiman eingeladen wurde, um an einem Projekt zu 9/11 und an einer Geschichte für Sandman mitzuarbeiten, ist X-Women seine erste Superheldengeschichte. Sie soll im August erscheinen. Claremont schrieb Manara eine Geschichte auf den Leib, in der die Superheldinnen ihre Kräfte verlieren und sich auf sich selbst verlassen müssen. Auf die Nachfrage, ob es Probleme mit dem eher prüden Amerika gegeben habe, meinte Manara nur, dass die Superheldinnen in Amerika ja eh immer nackt wären und ihre Kleidung nur aufgemalt sei. Genauso machte er es dann einfach auch, obwohl er zugeben musste, dass Claremont ihm an ein paar Stellen darauf hingewiesen habe, vielleicht doch das eine oder andere Detail zu ändern. Viel schwieriger war es dagegen für Manara, sich in die amerikanische Mythologie der Superhelden einzudenken. Der Amerikaner, so Manara, glaube an diese Helden, die einen festen Bestandteil seines Selbstverständnisses bilden.
Weite Reisen, schöne Frauen
Das Publikum war begierig zu wissen, unter welchen Bedingungen der italienische Comic-Künstler arbeite. Kostendeckend und überall, wo man zeichnen könne, war die Antwort. So fuhr er vor ein paar Jahren mit seinem Wohnwagen voll mit erotischen Zeichnungen über die indisch-pakistanische Grenze, stets in der Angst, angehalten und vermutlich geköpft zu werden. Ein anderes Mal machte er mit einem Frachtschiff eine Reise, die Pratt vor ihm bereits gemacht hatte. Finanzieren ließen sich diese Reisen von Nachdrucken seiner Werke, von denen Manara als alleiniger Schöpfer 10% und als reiner Zeichner 5% bekommt. Dabei verwies er freudestrahlend auf die neue Werkausgabe von Panini, die vor ihm lag.
Eine Fragerunde, welche die Darstellung von Frauen und Sexualität fast komplett ausklammerte, wurde von Havas dann doch auf den Punkt gebracht. Warum Manara scheinbar nur ein und dieselben Frauentyp zeichne und nur den Kopf und die Frisur verändere, wollte er wissen. Ebenso wie die großen Meister, so Manara, habe auch er stets einen Archetyp, ein Modell vor Augen. Wenn er hübsche Frauen auf der Straße sehe und versuche diese zu zeichnen, so müsse er zugeben, dass am Ende immer eine ähnliche Figur entstehe. Ein bisschen entschuldigend meinte der italienische Meister, dass dies sicher auch daran liege, dass die Kunst des Comics eine bestimmte Sprache besitzt, die auch von der Spannung des einzelnen Bildes lebe. Diese Spannung verkörpere für ihn dieser gewisse Typus Frau. Sowohl Zeichner als auch Publikum zeigten sich sichtlich erfreut, dass Manara es endlich nach Erlangen geschafft hatte und die Lust auf seine Comics so neu geweckt werden konnte.
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