Dabitch / Pendanx: Jeronimus
18.08.2010
Zu neuen Ufern
Historische Stoffe bergen stets die Gefahr, ob des Wissens um ihren Ausgang Langeweile zu verströmen. Wie man diese inhaltlichen Klippen erzählerisch umschifft, zeigt uns Christophe Dabitch in Jeronimus, der nur vordergründig ein Seefahrer-Comic ist. Von FALK STRAUB
Als James Cameron Ende 1997 den Untergang der Titanic für geschätzte 200 Millionen Dollar Produktionskosten ins Kino brachte, erklärten ihn viele für verrückt. Wer würde sich ein Leinwandepos ansehen, dessen Ende bereits vorher feststeht, spotteten die Kritiker. Dass Titanic dennoch zum bis dahin erfolgreichsten Film aller Zeiten avancierte, lag vor allem daran, dass der Regisseur sein Hauptaugenmerk nicht auf die berühmte Seefahrtskatastrophe richtete, sondern eine verkitschte Romanze über alle Klassenschranken hinweg in den Mittelpunkt seines Effektfeuerwerks stellte.
Gott, Geld, Gesellschaft
Christophe Dabitch entkommt der Langeweile auf eine andere Art. Im Auftakt des auf drei Bände angelegten Comics Jeronimus rekonstruiert er das Schicksal der Besatzung des niederländischen Segelschiffes Batavia, das 1629 vor der australischen Küste auf Grund lief. Im Gegensatz zum Schreiberling aus Hollywood baut der französische Szenarist seine Geschichte jedoch nicht um eine belanglose Liebesschnulze, sondern verankert sie in den zwischenmenschlichen Reibungen und Dynamiken, die zur Havarie und den anschließenden Gräueltaten führten.
Die Qualität von Jeronimus liegt in der Themenvielfalt. Der erste Band benötigt nur wenige Panels, um ein überzeugendes Bild des niederländischen Bürgertums an der Schwelle zur kapitalistischen Moderne zu entwerfen. Jeronimus: Ruhe vor dem Sturm ist soziologische Studie und philosophisch-theologischer Diskurs zugleich. Die Geschicke an Bord drehen sich nicht nur um Hierarchien innerhalb der Besatzung der Niederländischen Ostindien-Kompanie; immer wieder werden in den Schiffsalltag der einfachen Matrosen auch erhitzte Tischgespräche des an Bord befindlichen Bürgertums über Gott und die Welt eingestreut.
Nüchtern seziert
Narrativ punktet Christophe Dabitch durch seine Schnörkellosigkeit. Ein neutrales Erzählverhalten und eine Erzählperspektive, die eine Innensicht bis auf wenige Ausnahmen verweigert, erzeugen einen sachlich-historischen Ton. Unternimmt der Autor dennoch einmal einen Ausflug in poetische Gefilde, wird es schnell unfreiwillig komisch. Trotz alledem ist der Comic ungemein spannend. Durch dosiert eingesetzte Vorausdeutungen macht er Lust auf mehr. Selten war der Leser so begierig, den Fortgang einer Geschichte zu erfahren, um deren Ausgang er bereits weiß.
Nüchtern seziert Dabitch die Hahnenkämpfe an Bord und die Entwicklung der Hauptfigur Jeronimus Cornelisz vom gläubigen Protestanten zum homme neuf, der sich selbst zum Gott erhebt. Die Anspannung an Bord ist dabei förmlich greifbar, wird sie doch ungemein subtil, lediglich durch Blicke und Gesichtszüge vermittelt, in Panels, die häufig nicht größer als ein Panini-Sammelbild sind. Dass dies auf so geringem Raum überhaupt möglich ist, ist das Verdienst des Zeichners Jean-Denis Pendanx.
Rembrandt Revisited
Geradezu meisterhaft bringt Pendanx die Ereignisse aufs Papier. Seine Acrylbilder erinnern in Farbgebung und Komposition an Interieurs eines Jan Vermeer und Portraits eines Frans Hals oder Rembrandt van Rijn. Selbst wenn in Pendanx’ Pinselführung leicht impressionistische Züge anklingen, scheint der Comic durch seine Reminiszenz an die Malerei des protestantischen Hollands im 17. Jahrhundert das Zeitkolorit dieser Epoche magisch einzufangen. Einziges Manko ist der starke Kontrast, den die visuell lieb- und ideenlos gestalteten Inserts und Sprechblasen dazu bilden. Dies wirkt den gesamten Band über in etwa so befremdlich, als ob Thomas Pynchon die Dialoge für Titanic geschrieben hätte.

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