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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 16:32

Jon J. Muth: M - Eine Stadt sucht einen Mörder

22.07.2010

Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?

LIDA BACH ist begeistert von dieser hochwertigen Neuausgabe.

 

Elsie hat der Schwarze Mann geholt. Wieder wurde ein Kind gemordet im Berlin der 30er Jahre, von ihm, “M”, dem Kindermörder, dem Schwarzen Mann. Jon J. Muths bahnbrechende Adaption des Fritz-Lang-Klassikers M - Eine Stadt jagt einen Mörder bringt der Cross Cult Verlag in einer erweiterten Neuauflage heraus. Der Comic des amerikanischen Ausnahmekünstlers war auf Deutsch lange vergriffen.

 

Zitrone, Banane, an der Ecke steht ein Mann

Zitrone, Banane, der lockt die Kinder an …

(aus Georg Seeßlens Vorwort)

 

Auf 192 Seiten kondensiert Muth den psychologischen Kriminalfilm. In verwischten Grau- und Brauntönen entführt er den Betrachter in die Straßenschluchten Berlins zwischen den Weltkriegen. Die Gewalt gärt in diesen Jahren: organisierte Kriminalität, Korruption und - eine Häufung von Serienmorden. Kürten, Denke, Haarmann heißen die Täter und sie inspirieren zu Leierkastenliedern und Kinderversen.

 

Täter und Tribunal

Das Halbdunkel beherrscht Muths Zeichnungen, die Fotorealismus mit Expressionismus vereinen. Mit Freunden und Verwandten inszenierte der Künstler die Szenenbilder, um sie dann abzulichten. Diese Fotostrecke verwandelt er durch Überzeichnen in eine surreale und dennoch bestechend authentische Schattenwelt. Es ist aber auch die kollektive Paranoia, die so erschreckend bleibt - in Langs Film wie bei Muth. Nicht zufällig untertitelte Lang seinen Thriller mit Eine Stadt jagt einen Mörder, und nicht etwa sucht einen Mörder.

 

Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?

Niemand, niemand!

Und wenn er aber kommt?

(Kindervers)

 

“Will nicht, muss!”, schreit der Täter vor dem Unterwelttribunal, vor welches ihn die Meute Krimineller zerrt. Die Jäger entmenschlichen ihn als “Bestie”, als “Monster”, als Schädling, den es auszurotten gilt. Darin, in der erbarmungslosen Verfolgung des Mörders und in der symbolischen Brandmarkung mit einem weißen Kreide-“M”, erinnert M - Eine Stadt jagt einen Mörder beunruhigend an die wenige Jahre nach Erscheinen des Kinofilms einsetzende Menschenjagd der Nazis.

 

Sachlichkeit und Verfremdung

Noch jungenhafter als der auf der Kinoleinwand brillant von Peter Lorre verkörperte Filmmörder sieht Muths Tätergestalt aus. Ein kindergesichtiger Kindermörder, der das Mörderlied mitsummt.

 

Mord, Razzia, Die Jagd und Der Prozess betitelt Muth die vier Kapitel seiner Graphic Novel. Und besonders für die wortlosen Momente des Schreckens findet er eine kongeniale Bildersprache. Ein menschenförmiger Luftballon fliegt wie eine Kinderseele in eine Stromleitung. Das Taschenmesser des Mörders durchschneidet einen roten Apfel, ein Lockgeschenk an ein Mädchen, wie Menschenfleisch. Muth kürzt die ausgedehnte filmische Täterverfolgung und steigert die Spannungskurve bis zur Konfrontation zwischen Verbrecher und Verbrecherorganisation.

 

Noch intensiver als Fritz Lang in seinem Kinofilm konzipiert Muth den Täter als Leerstelle. Ein Synonym für Furcht, welches selbst von Furcht vor der Entdeckung und dem inneren Unhold getrieben wird: “Da ist einer hinter mir her. Das bin ich selber.”

 

Heute könnte sich die beklemmende Handlung ähnlich abspielen. Im Wechselspiel zwischen Sachlichkeit und Verfremdung erinnert die molochartige Betonlandschaft in Jon J. Muths Zeichnungen an eine moderne Metropole. Mit seinen unvergesslichen Bildern ist Muths M - Eine Stadt jagt einen Mörder ein Brückenschlag zwischen dem Klassiker von 1931 und der Moderne. Symbolistische Motive transportieren den fast dokumentarischen Bildinhalt auf eine psychologische Ebene.

 

Kinder huschen in M durch Straßen, schlendern vor Schaufenster, singen in Hinterhöfen zu Beginn. Am Ende sind sie abwesend. Die Stadt hat sie gefressen, der Schwarze Mann hat sie geholt.

 

Dreh dich nicht um, der Plumpsack geht rum. Fängt er mich, fängt er dich …

 

 

Hier geht´s zum Interview mit Jon J Muth! 


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