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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 16:35

Thomas Ott: R.I.P. - Best Of 1985-2004

21.10.2010

Schattenseiten

Was Thomas Ott mithilfe seines Cuttermessers durch die Wachsschicht des Schabkartons ans Tageslicht gelangen lässt, ist düster, dramatisch, morbid und manchmal mysteriös – und immer große Kunst, findet CHRISTIAN NEUBERT

 

"Schabkarton. Durch Kratzen, Schaben und Schneiden mit einem Cutter wird der weisse Grund unter einer schwarzen Deckschicht freigelegt. Die ungewohnten weissen Striche und Schraffuren und der meist hohe Schwarzanteil der Zeichnungen irritieren unsere Sehgewohnheiten. Schabkarton wird darum gerne von Künstlern und Künstlerinnen gewählt, die expressive, düstere Bilder suchen für Geschichten, die um menschliche Abgründe kreisen."

 

Diese einleitenden Worte habe ich dem Beiheft der Ausstellung Kontrastprogramm. Die Kunst des Schabkartons, die in diesem Jahr im Cartoonmuseum in Basel präsentiert wurde, entlehnt. Was hier über die Schabkartontechnik ausgesagt wird, passt haargenau zu Thomas Ott, von dem im Rahmen der Ausstellung zahlreiche - wie soll man sagen? - gekratzte, geschabte Arbeiten gezeigt wurden.

 

Eine Technik, die begeistert

Wenn man sich die einzelnen Bilder im Buch anschaut – und umso mehr, wenn man sie im Original betrachten kann –, meint man erahnen zu können, wie viel Arbeitsaufwand wohl auch nur ein einziges dem Künstler abverlangt hat. Die Arbeit mit dem Schabkarton scheint ausgesprochen langwierig zu sein – zumal man auch sofort bemerkt, dass diese Art des visuellen Gestaltens Fehler bei der Arbeit nur schwer verzeiht. Die Schabkartontechnik dankt einem dies aber immerhin damit, neben einer eher ungewohnten Optik auch eine ausgesprochen plastische Darstellung zu ermöglichen.

 

Thomas Ott ist ein Meister dieser Technik – daneben ist er aber ein wahrer Tausendsassa. Nach Ausbildungen zum Illustrator und später an der Filmhochschule in Zürich ist er künstlerisch nicht nur als Comic-Zeichner und Regisseur von Kurzfilmen aufgefallen, sondern bis 1990 auch noch als Leadsänger der Band „The Playboys“ – und seit 2002 gibt er die Rampensau für „Beelzebub“. Internationale Anerkennung geniest das Allroundtalent, das seit drei Jahren an der Hochschule der Künste in Zürich doziert, allerdings hauptsächlich durch seine Schabkartonarbeiten. Mit dieser Technik hat er in den letzten 20 Jahren einige Comics geschaffen, die allesamt in der Edition Moderne erschienen sind.

 

Abwechslungsreiche Düsternis

Seine jüngste Veröffentlichung, R.I.P. beinhaltet ein Best Of der Jahre 1985 bis 2004. Es handelt sich hierbei allerdings keineswegs um den bloßen Versuch, aus der liegengebliebenen Ausschussware, die noch irgendwo im Archiv aufzutreiben war, ein wenig Profit zu schlagen – jede einzelne Geschichte, ja, jedes einzelne Bild hat die Veröffentlichung in diesem wunderbaren Halbleinenband verdient.  

 

R.I.P. ist ein makaberes Kabinett von Kurz- und Kürzestgeschichten, die zwar in erster Linie, aber keineswegs ausschließlich dem Horrorgenre zuzuordnen sind. Der unheilvolle Wahnsinn entspringt in den versammelten ein bis 29 Seiten langen Stores schließlich nicht nur klassischen Horrormotiven – nicht selten wurzelt er auch in den alltäglichen Absurditäten oder in alptraumhaften (Zukunfts-)Visionen. Die Bandbreite seiner verstörenden, manchmal schwarz-humorigen Bildergeschichten zirkuliert, was Intensität und Inhalt betrifft, irgendwo zwischen Polanskis Der Mieter, Coppolas Apocalypse Now oder Blood Simple von den Coens.

 

Stumm und abgründig, nicht stumpf und grottig

Überhaupt eignet sich der Begriff „Bildergeschichte“ sehr gut, um Otts Werke mit einer Gattungsbezeichnung zu versehen. Immerhin werden bei ihm keinerlei Worte verloren; die Bilder müssen für sich sprechen – und das können sie auch. Bei manchen Geschichten handelt es sich um einzelne Bilder, die unter einem Thema zusammengefasst worden sind und die jeweils für sich stehen, ohne etwas Zusammenhängendes zu erzählen. Aber das ist die große Ausnahme – zum Glück, möchte man sagen, denn Otts Fähigkeiten als Szenarist sind in ihren besten Momenten gleichermaßen hervorragend wie sein Vermögen, finstere Motive aus dem Schatten des Schabkartons zu locken.

 

Die sehr schön editierte Anthologie, von der auch eine auf 111 Exemplare limitierte, nummerierte und signierte Variant-Cover-Edition erhältlich ist, wird komplettiert durch einen zweiseitigen Essay von Martin Eric Ain, einem Weggefährten Otts im Zürcher Rock´n´Roll - Underground, sowie einer für interessierte Leser aufschlussreichen, nach zwei Seiten abreisenden Aufzählung von Otts Inspirationsquellen.

 

Zur Einleitung von R.I.P. zitiert Ott Hakan Nesser: „You have to do something, while waiting for death.“ Das ist selbstverständlich völlig richtig – und die Lektüre von R.I.P. diesbezüglich eine gute Idee.


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