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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 16:39

Werner Spies: Christo und Jeanne-Claude

05.08.2010

Enthüllende Verhüllungskünstler

Der große Kunsthistoriker widmet sich in seinem neuen Essayband den großartigen Verhüllungskünstlern Christo und Jeanne-Claude und schafft es dabei, dem Leser das Staunen über diese monumentalen Installationen zurückzugeben. Von SEBASTIAN KARNATZ

 

Die wüste Bergwelt Colorados und – ein orangefarbenes Riesensegel, das sich in der Landschaft breit macht, irgendwo zwischen den erhabenen Naturvisionen der Romantik und der Gigantomanie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch der Einfall des Riesensegels hat paradoxerweise nichts Gewaltsames. Es bemächtigt sich nicht seiner Umwelt, sondern macht durch Verhüllung erst wieder sichtbar. Irgendwo zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, zwischen enthüllender Verhüllung und einer Neujustierung des Blicks liegt jenes inzwischen fast vierzig Jahre alte Projekt: Valley Curtain – ein Vorhang für das Tal.

 

Das umtriebige Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude hat zusammen unzählige dieser Projekte realisiert – bis Jeanne-Claude 2009 in New York verstarb. Gemeinsam haben sie gegen immer neue Widerstände – seien es Bauern, Naturschützer oder Politiker – gekämpft, gemeinsam haben sie planvoll und mit ungeheurem marktwirtschaftlichem Geschick an der Verwirklichung ihrer Utopien gearbeitet.

 

Der Tod Jeanne-Claudes ist nun der äußere Anlass für einen Sammelband Aufsätzen des Kunsthistorikers Werner Spies zur Verhüllungskunst des Künstlerehepaars. Spies hat die beiden publizistisch seit langem – seit eben jener Valley-Verhüllung im Jahr 1972 – begleitet und ihr Wirken in klugen kleinen Essays dokumentiert. So kann die „Grenzverlegung der Utopie“ durchaus auch als zusammenhängende kunsthistorische Arbeit zum künstlerischen Werk des Ehepaars gelesen werden. Spies arbeitet sich dabei nicht nur an der prekären Deutung der monumental-ephemeren Installationen ab, sondern auch bzw. sogar in erster Linie an ihren technischen und marktwirtschaftlichen Entstehungsdaten.

 

Naive und sentimentalische Kunst

Dies ist ein eminenter Vorteil des handlichen Bandes. Indem Spies den selbstreferentiellen Deutungsapparat des phrasenverliebten, jüngeren Kunstbusiness außen vorlässt und sich vor allem der genauen Beschreibung der Entstehungsgeschichte jener riesenhaften Landschaftsskulpturen widmet, zeigt er dem Leser, was die Werke Christos und Jeanne-Claudes bei ihren Betrachtern bewirken können: voraussetzungsloses Staunen. Die Verhüllungskunst des Paares ist in diesem Sinne verstanden keine sentimentalische, sondern eine hochgradig naive Kunst. Sie setzt auf das Erhabene, das Überwältigende, nicht auf das Konstruierte, das Schöne.

 

Als Marketinggenies, in ihrer Selbstvermarktung ebenso wie in der Finanzierung der Großprojekte mittels Fotodokumentationen, Skizzen und Ähnlichem sind Christo und Jeanne-Claude allerdings hochgradige sentimentalische Künstler – Künstler also, die die Klaviatur des Marktes beherrschen und für ihre Projekte tun, was auch immer nötig ist. Vielleicht wird dies neben der performativen Überwältigungsästhetik das sein, was uns von diesen beiden Großkünstlern am meisten im Gedächtnis bleiben wird: ihre im positiven Sinne rücksichtslose Überzeugungskraft; ihr Kampf dafür, dass ihre Utopien entgegen dem Wortsinn Plätze zur Verwirklichung finden.

 

Werner Spies geschmackvoll bebilderter Essayband jedenfalls kann dazu beitragen, Christos und Jeanne-Claudes Kunst besser zu verstehen bzw. sie nicht mehr verstehen, sondern nur nachvollziehen, nacherleben zu wollen. So kann man auch über einige Redundanzen, die sich aus der ursprünglich weit gestreuten Veröffentlichung der Beiträge notwendigerweise ergeben und die ein umsichtigeres Lektorat vielleicht hätte kürzen können, getrost hinwegsehen.


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