Naive und sentimentalische Kunst
Dies ist ein eminenter Vorteil des handlichen Bandes. Indem Spies den selbstreferentiellen Deutungsapparat des phrasenverliebten, jüngeren Kunstbusiness außen vorlässt und sich vor allem der genauen Beschreibung der Entstehungsgeschichte jener riesenhaften Landschaftsskulpturen widmet, zeigt er dem Leser, was die Werke Christos und Jeanne-Claudes bei ihren Betrachtern bewirken können: voraussetzungsloses Staunen. Die Verhüllungskunst des Paares ist in diesem Sinne verstanden keine sentimentalische, sondern eine hochgradig naive Kunst. Sie setzt auf das Erhabene, das Überwältigende, nicht auf das Konstruierte, das Schöne.
Als Marketinggenies, in ihrer Selbstvermarktung ebenso wie in der Finanzierung der Großprojekte mittels Fotodokumentationen, Skizzen und Ähnlichem sind Christo und Jeanne-Claude allerdings hochgradige sentimentalische Künstler – Künstler also, die die Klaviatur des Marktes beherrschen und für ihre Projekte tun, was auch immer nötig ist. Vielleicht wird dies neben der performativen Überwältigungsästhetik das sein, was uns von diesen beiden Großkünstlern am meisten im Gedächtnis bleiben wird: ihre im positiven Sinne rücksichtslose Überzeugungskraft; ihr Kampf dafür, dass ihre Utopien entgegen dem Wortsinn Plätze zur Verwirklichung finden.
Werner Spies geschmackvoll bebilderter Essayband jedenfalls kann dazu beitragen, Christos und Jeanne-Claudes Kunst besser zu verstehen bzw. sie nicht mehr verstehen, sondern nur nachvollziehen, nacherleben zu wollen. So kann man auch über einige Redundanzen, die sich aus der ursprünglich weit gestreuten Veröffentlichung der Beiträge notwendigerweise ergeben und die ein umsichtigeres Lektorat vielleicht hätte kürzen können, getrost hinwegsehen.
