Derrien / Fourquemin: Miss Endicott - Band 1 & 2
02.12.2010
Gouvernantrix
In der Welt der Comics bietet das viktorianische Zeitalter den idealen Hort für Technikutopien. Welch verrückte Melange herauskommt, wenn man diese mit einer phantastischen Unterwelt verquickt, führen die beiden Bände des frankobelgischen Comics Miss Endicott vor. Von FALK STRAUB
Auf den ersten Blick wirkt Patricia Endicotts Leben nicht sonderlich spannend. Nach dem Tod ihrer Mutter Margaret übernimmt sie deren Stelle als Gouvernante. In der Villa einer wohlhabenden Londoner Familie soll sie dem kleinen Kevin Manieren beibringen. Als größte Herausforderung entpuppt sich dabei, sich täglich aufs Neue vor der unausstehlichen französischen Küche des Hauses zu drücken. Schnell wird jedoch klar, dass die umtriebige Miss Endicott nach Feierabend weitaus Kniffligeres zu meistern hat.
Mit Schirm, Charme und Stricknadeln
Während Kevin zu Hause seelenruhig schlummert, zieht es Patricia in die zwielichtigen Viertel der Stadt. Dort tritt sie ihr wahres berufliches Erbe an. Denn ihre werte Frau Mama ging nach Dienstschluss einer ganz anderen Profession nach: dem Amt der Schlichterin. Zu fortgeschrittener Stunde schickt sich nun also die Tochter an, ganz im Sinne der Mutter die Meinungsverschiedenheiten der einfachen Leute zu regeln. Freilich muss sie auch dort dem ein oder anderen ungezogenen Zeitgenossen die nötigen Manieren beibringen.
Ihre Herangehensweise an ihr neues Amt ist allerdings recht unorthodox. Einem ungehobelten Trunkenbold liest Patricia mit fernöstlicher Kampfkunst die Leviten und beweist, dass ein Regenschirm nicht zwangsläufig vor Niederschlägen schützt und Stricknadeln nicht nur der Hausarbeit dienen. Als sie auf die unterirdische Stadt der Vergessenen stößt, überschlagen sich die Ereignisse: Der kleine Kevin wird entführt, Patricias Mutter kehrt von den Toten zurück und ein verrückter Wissenschaftler will London mit einem mechanischen Kraken vernichten.
Knuddelige Knollengesichter
Jean-Christophe Derrien erzählt seine Geschichte um das Doppelleben zweier Hauslehrerinnen mit viel Ruhe und Humor. Auf gut 160 Seiten schlägt er ein gemächliches Tempo ein, ohne jedoch allzu sehr in die Tiefe zu gehen. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter inszeniert der Autor als witzigen Generationenkonflikt, der in gegensätzlichen Berufsauffassungen gipfelt. Während Margaret mit der brachialen Gewalt ihrer retrofuturistischen Feuerwaffen wütet, beschreitet Patricia den friedlichen Weg der Einsicht, dem nur ab und an mit ein paar kleinen Nadelstichen nachgeholfen werden muss.
Derriens Vorlage gestaltet Xavier Fourquemin mit großer Liebe zum Detail. In Stil und Seitenarchitektur ähnelt Miss Endicott stark der Legende vom Changeling, einem noch unvollendeten, auf fünf Bände angelegten Comic, den der Zeichner seit 2008 nach den Szenarien von Pierre Dubois umsetzt. Seine daraus bekannten, stark stilisierten Figuren mit ihren knuddeligen Knollengesichtern sind bereits in Miss Endicott zu finden. Zwar lässt Xavier Fourquemin hier die letzte Sicherheit im Strich noch vermissen, Jean-Christophe Derriens Geschichte bietet jedoch genügend abgedrehte Einfälle für einigen Lesespaß.


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