TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen Eli Pariser: Filter Bubble Kennzeichen T - 28.04.2012
Donnerstag, 24. Mai 2012 | 16:45

Derrien / Fourquemin: Miss Endicott - Band 1 & 2

02.12.2010

Gouvernantrix

In der Welt der Comics bietet das viktorianische Zeitalter den idealen Hort für Technikutopien. Welch verrückte Melange herauskommt, wenn man diese mit einer phantastischen Unterwelt verquickt, führen die beiden Bände des frankobelgischen Comics Miss Endicott vor. Von FALK STRAUB

 

Auf den ersten Blick wirkt Patricia Endicotts Leben nicht sonderlich spannend. Nach dem Tod ihrer Mutter Margaret übernimmt sie deren Stelle als Gouvernante. In der Villa einer wohlhabenden Londoner Familie soll sie dem kleinen Kevin Manieren beibringen. Als größte Herausforderung entpuppt sich dabei, sich täglich aufs Neue vor der unausstehlichen französischen Küche des Hauses zu drücken. Schnell wird jedoch klar, dass die umtriebige Miss Endicott nach Feierabend weitaus Kniffligeres zu meistern hat.

 

Mit Schirm, Charme und Stricknadeln

Während Kevin zu Hause seelenruhig schlummert, zieht es Patricia in die zwielichtigen Viertel der Stadt. Dort tritt sie ihr wahres berufliches Erbe an. Denn ihre werte Frau Mama ging nach Dienstschluss einer ganz anderen Profession nach: dem Amt der Schlichterin. Zu fortgeschrittener Stunde schickt sich nun also die Tochter an, ganz im Sinne der Mutter die Meinungsverschiedenheiten der einfachen Leute zu regeln. Freilich muss sie auch dort dem ein oder anderen ungezogenen Zeitgenossen die nötigen Manieren beibringen.

 

Ihre Herangehensweise an ihr neues Amt ist allerdings recht unorthodox. Einem ungehobelten Trunkenbold liest Patricia mit fernöstlicher Kampfkunst die Leviten und beweist, dass ein Regenschirm nicht zwangsläufig vor Niederschlägen schützt und Stricknadeln nicht nur der Hausarbeit dienen. Als sie auf die unterirdische Stadt der Vergessenen stößt, überschlagen sich die Ereignisse: Der kleine Kevin wird entführt, Patricias Mutter kehrt von den Toten zurück und ein verrückter Wissenschaftler will London mit einem mechanischen Kraken vernichten.

 

Knuddelige Knollengesichter

Jean-Christophe Derrien erzählt seine Geschichte um das Doppelleben zweier Hauslehrerinnen mit viel Ruhe und Humor. Auf gut 160 Seiten schlägt er ein gemächliches Tempo ein, ohne jedoch allzu sehr in die Tiefe zu gehen. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter inszeniert der Autor als witzigen Generationenkonflikt, der in gegensätzlichen Berufsauffassungen gipfelt. Während Margaret mit der brachialen Gewalt ihrer retrofuturistischen Feuerwaffen wütet, beschreitet Patricia den friedlichen Weg der Einsicht, dem nur ab und an mit ein paar kleinen Nadelstichen nachgeholfen werden muss.

 

Derriens Vorlage gestaltet Xavier Fourquemin mit großer Liebe zum Detail. In Stil und Seitenarchitektur ähnelt Miss Endicott stark der Legende vom Changeling, einem noch unvollendeten, auf fünf Bände angelegten Comic, den der Zeichner seit 2008 nach den Szenarien von Pierre Dubois umsetzt. Seine daraus bekannten, stark stilisierten Figuren mit ihren knuddeligen Knollengesichtern sind bereits in Miss Endicott zu finden. Zwar lässt Xavier Fourquemin hier die letzte Sicherheit im Strich noch vermissen, Jean-Christophe Derriens Geschichte bietet jedoch genügend abgedrehte Einfälle für einigen Lesespaß.


Flattr this

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Feier der Tonalität

Bei den großen Musikfestivals, in Salzburg, Luzern oder Verbier, kommt Jazz, wenn überhaupt, allenfalls als Kuriosität am Rande vor, am ehesten noch in der Gestalt des »Third ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Augenblicke des »alten Europa«

Tony Judts literarischer Gang durch sein Chalet der Erinnerungen.

 

Von WOLFRAM SCHÜTTE

Gegen die Dominanz des Beliebten

Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...

Galgenmännchen auf Finnisch

Freiheitsdrang und Träume können riskant sein. Wie riskant, muss der 12jährige Taifun erfahren, der zu seinem eigenen Besten in eine besondere Schule geschickt wird, dem Haus der ...

Kind sein, der moderne Vollzeitjob

Nur das Beste für das Kind, wer wünscht sich das nicht? Vorhalten soll das Beste auch, vorzugsweise ein Leben lang. Dafür müssen Grundlagen gelegt, das Kind rundum ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Garten Eden vor der Haustüre

Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...