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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 16:45

Dorison / Lauffray: Long John Silver, Bd. 2

09.12.2010

Der alte Mann und die Gier

In Long John Silver 2: Neptune nehmen Xavier Dorison und Mathieu Lauffray den Mythos der Freibeuter kritisch unter die Lupe – mit einem Blick, der zwischen Faszination und Abscheu schwankt. Von FALK STRAUB

 

Während sich die Ränke und Intrigen im ersten Album größtenteils aufs Festland beschränkten, gehen die französischen Comic-Autoren im zweiten Band mit ihren Figuren auf große Überfahrt. Das Ziel heißt Guyanacapac, eine Stadt im Herzen des Amazonas voll sagenumwobener Reichtümer. An Bord zwei verhärtete Fronten: die wohlhabenden Befehlshaber auf der einen, die mittellose Crew auf der anderen Seite.

 

Dorisons und Lauffrays enthusiastischer Blick, den sie im ersten Band auf das Genre richteten, ist in Long John Silver 2 der Skepsis gewichen. Die Faszination der Autoren für ihren gesetzlosen Protagonisten klingt dennoch an vielen Ecken und Enden an. Ob der Heuchelei Long John Silvers macht sich aber auch Ernüchterung breit. Xavier Dorison und Matthieu Lauffray tappen gerade nicht in die Falle, die Freibeuter als unterdrückte Klasse mit revolutionärem Geist zu romantisieren – eine kluge Entscheidung, die ihrem Comic äußerst gut zu Gesicht steht.

 

Filmischer Erzählstil

Zum Leben an Land zu wenig, zum Sterben an Bord zu viel - lediglich Long John Silvers Geschichten halten die malträtierten Matrosen bei Laune. Wenn der in die Jahre gekommene Smutje allabendlich an Deck des Schiffes aus dem Nähkästchen plaudert, vergisst die Besatzung die Strapazen des Tages für einen kurzen Augenblick. Selbst die Vorgesetzten lauschen gebannt und legen das Protokoll getrost beiseite. In diesen Szenen zeigt sich das wahre Können der beiden Comic-Künstler.

 

Dorison und Lauffray, der im zweiten Band für das Szenario mitverantwortlich zeichnet, erzählen ausgesprochen filmisch. Sie packen Silvers Anekdoten in nur wenige Sprechblasen und überlassen den Zeichnungen das Feld. In Seiten sprengenden Splash-Panels lassen Mathieu Lauffrays Aquarelle die Vergangenheit des berüchtigten Schiffskochs am Auge des Lesers vorüberziehen, bevor ihn die Worte aus Long John Silvers Mund als eine Art Voice-over ins aktuelle Geschehens zurück an Bord der »Neptune« holen.

 

Barocke Relikte

In all seinen Geschichten hat Long John Silver allerdings stets die Maske der Täuschung aufgesetzt. Der Piraterie hat er nur vordergründig abgeschworen; insgeheim ist er bestrebt, das Schiff in seine Gewalt zu bringen und sich den Schatz von Guyanacapac unter den Nagel zu reißen. Dabei bemerkt er nicht, dass er in seinen Reden, die seine Vorgesetzten glauben machen sollen, das Zeitalter der Freibeuter sei längst vorüber, ungewollt die Wahrheit spricht.

 

Die Szenaristen zeigen Long John Silver als barockes Relikt, das die Freiheit der Aufklärung zwar zum Schein propagiert, sich der neuen Epoche jedoch nicht anpassen kann. Die vermeintlichen Freiheiten der Piraterie entlarven sie als monetäre Zwänge, Seeräuber als Sklaven des Kapitals. »Die Freuden eines Piraten sind die eines Kindes«, sagt Silver an einer Stelle und merkt nicht, welch infantilen Blick er selbst auf die Ereignisse wirft.

 

Schwankende Blicke

Einen kindlichen Blick nutzen die Autoren letztlich auch, um dem Leser die Realität des Freibeuterlebens mit aller Härte vor Augen zu führen. Der Blick gehört Jack O'Kief, einem Schiffsjungen, der es Long John Silver beweisen will. Falsch verstandene Piratenehre kostet ihn das Leben. Seine Kumpane sind dabei zum Zusehen verdammt, da im Falle einer Meuterei keiner von ihnen das Schiff navigieren könnte. Spätestens hier erkennt der Leser, dass es sich um einen feigen Haufen handelt, dem das eigene Leben und die Gier nach Gold mehr wert ist als die Loyalität zu einem Kameraden.

 

Worum es Dorison und Lauffray im zweiten Teil ihrer »bescheidenen Hommage« an Robert Louis Stevensons Schatzinsel geht, machen sie bereits durch den Aphorismus des Schriftstellers Gilles Lapouges deutlich, den sie ihrem Band vorangestellt haben: »Der Herr ist derjenige, der das Risiko des Todes auf sich nimmt. Der Sklave ist derjenige, der nur ans Überleben denkt.« Um nichts Geringeres als ums nackte Überleben, um Mut und Feigheit, um Freiheit und Sklaverei dreht sich Neptune – keine schlechten Zutaten für einen Piraten-Comic. 

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