Wann wussten Sie, dass die Erforschung des Verhaltens von Tieren Ihr Lebensinhalt war?
Ich träumte seit ich elf war davon, nach Afrika zu gehen. Als dort ankam dämmerte mir, dass jemand mit Verhaltensforschung beginnen könnte und als ich 23 war schlug Louis Leakey vor, dass ich Menschenaffen und nicht irgendeine andere Tierart studiere. 1963 wurde mir klar, dass diese Studien für immer fortgesetzt werden könnte.
Glauben Sie, dass die Schimpansen eine Persönlichkeit haben?
Ich weiß, dass sie eine haben. Sie haben so unterschiedliche Persönlichkeiten wie wir.
Haben Sie eine Freundschaft zu einem Tier entwickelt?
Das wollten wir nicht. So etwas ist bei Tieren in Gefangenschaft möglich, aber nicht in freier Wildbahn. Und es braucht zwei, um sich miteinander anzufreunden.
Denken Sie manchmal an die Gefahr während der Arbeit mit den Tieren?
Nein. Ich glaube nicht, dass es gefährlich ist. In Gefangenschaft sind Schimpansen gefährlich, weil sie ihr natürliches Verhalten nicht entwickeln können. Aber nicht in der Wildnis.
Sie hatten nie Angst?
Ich hatte Angst, wenn es vernünftig war, sich aus dem Staub zu machen. Wenn eine Herde Büffel angestampft kam... Aber nicht vor der Wut der Schimpansen. Erst hinterher bemerkt man meist, dass einem die Beine schlottern.
Und vor menschlicher Gewalt? Besonders zu der Zeit nach Diane Fosseys Ermordung?
Nein. Die Regierung Tansanias hat uns immer unterstützt. Meine Mutter verteilte Verteilte Verbandsmaterial und medizinische Hilfsgüter und baute so von Anfang an Kontakt zu den Einwohnern der nächsten Siedlung auf. Es stellte sich heraus, dass deren Anführer ein gefürchteter Medizinmann war. Er liebte es, uns allen vorzustellen. Wir entwickelten eine großartige gegenseitige Beziehung.
Welches war für Sie der gefährlichste Moment?
Als ich eine sehr steilen Hang hinaufkletterte. Sehr glatt, sehr rutschig. Ich hatte einen Schimpansen verloren, dem ich folgte. Auf Zehenspitzen stand ich an einem Berghang und wollte mich an zwei Felsbrocken festhalten. Dann löste sich plötzlich einer der Steine. Ich hatte eine Ewigkeit Alpträume davon! Der Felsbrocken ist gegen irgendeinen anderen Stein geschlagen und neben mir heruntergestürzt. Hätte er meinen Kopf getroffen, wäre ich jetzt tot.
Wie haben Sie im Dschungel gelebt?
Die Anfangsjahre: in einem Zelt. Die britische Regierung erlaubte mir nicht, allein zu sein. Also begleitete mich meine Mutter. Wir hatten nur Geld für sechs Monate - in einem Zelt draußen im Wald, jeden Morgen der Nebel... dann haben wir es mit Metallstangen verstärkt. Nach einer Weile entschied die Regierung: Nu, Miss Goodall, Sie sind vielleicht ein bisschen verrückt, aber wir glauben, Sie kommen dort draußen zurecht.
Haben Sie etwas vermisst?
Nachdem meine Mutter fortgegangen war vermisste ich jemanden, mit dem ich meine Erfahrungen teilen konnte. Aber nichts von den materiellen Dingen.
War die eigentliche Schwierigkeit, als junge Frau und ohne Abschluss in den Dschungel zu gelangen?
Als ich damals von Afrika träumte, haben mich alle ausgelacht. Wie käme ich dort hin? Afrika stellte man sich als den dunklen Kontinent vor und ich war eine Frau. Wir hatten kein Geld, wir konnten nicht einmal ein Fahrrad kaufen. Aber meine Mutter hat mich immer unterstützt: „Wenn Du etwas wirklich willst, arbeite hart und Du wirst einen Weg finden.“, sagte sie. Ich sparte Geld, um nach Afrika zu gelangen und dort begegnetet ich Louis Leakey. Zuerst spotteten die Wissenschaftler, weil ich nur ein Mädchen war. Dann veröffentlichte ich einen Artikel im National Geographic – also war ich ein National Geographic Cover Girl. Aber es kümmerte mich nie. Die Arbeit war das, was ich tun wollte.