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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 16:56

Manuele Fior: Fräulein Else

28.10.2010

What Else?

Der Herr von Dorsday will es sich 30.000 Gulden kosten lassen, Else nackt zu sehen. Für die Leser von Manuele Fiors Comic Fräulein Else nach der Novelle von Arthur Schnitzler ist dieses Vergnügen deutlich billiger zu haben. Von ALEXANDER FRANK

 

Die neunzehnjährige Else kommt gerade vom Tennisplatz in ihrem Ferienort in Italien, wo sie mit ihrer Tante Urlaub macht, als sie einen Brief ihrer Mutter erhält. Sie soll ihrem Vater helfen, der hoch verschuldet ist und dem daher das Zuchthaus droht. Da Herrn von Dorsday, ein alter Bekannter der Familie, am selben Ort Urlaub macht, soll Else ihn bitten, dem Vater 30 000 Gulden zu leihen.

 

Else, die der schmierige Dorsday abstößt, fühlt sich von ihren Eltern ausgenutzt und in eine zweideutige Situation gebracht. Diese wird allerdings eindeutig, als sie sich doch durchringt, mit Dorsday zu sprechen. Er verlangt als Gegenleistung, eine Viertelstunde Andacht vor ihrer – mit nichts als Sternenlicht bekleideten – Schönheit.

 

Innere Stimme

Auch wenn die Handlung nach einem dankbaren Stoff klingt, ist Schnitzlers Novelle von 1924 doch eine recht gewagte Wahl für eine Comic-Adaption. Denn zu einem Klassiker ist sie nicht zuletzt wegen ihrer radikalen und ungewohnten - wenn auch von Schnitzler schon gut 20 Jahre vorher im Leutnant Gustl erprobten - Erzählweise geworden.

 

Der Leser erfährt nichts anderes als Elses Gedanken, alles vermittelt sich ihm durch die innere Stimme, mit der Else zu sich selbst spricht. Eine vergleichbare subjektive, an eine Figur gebundene Perspektive gibt es zwar auch in Comics, wenn der Leser sieht, was die entsprechende Figur sieht. Dies wird aber meist nur in einzelnen Panels oder kürzeren Sequenzen eingesetzt.

 

Zerfließende Bilder

Theoretisch hätte Fior auch ausschließlich aus Elses Bewusstsein heraus erzählen können. Dann hätte diese aber auf keinem der Bilder erscheinen dürfen – außer vielleicht im Spiegel. Auf eine solche Nachbildung verzichtet er aber – und kommt zu einer viel interessanteren Lösung. Else ist in den Panels omnipräsent, es gibt sicher mehr mit ihr als ohne sie. Anders als bei Schnitzler sehen wir sie also von außen, scheinbar objektiv. Aber trotz der vielen Bilder gelingt es nicht, sich ein Bild von ihr zu machen.

 

Dies liegt an Fiors Zeichnungen. Sie sind von dunklen, wäßrigen Farben geprägt, die nur von wenigen dünnen Umrisslinien konturiert werden, über die sie oft hinausfließen. Else Gesicht zerfließt dabei zwar nicht auf den Bildern, aber gewissermaßen zwischen ihnen. Denn es scheint auf jedem Bild ein anderes zu sein, je nach innerer Stimmung, Licht und Perspektive. Dies geht so weit, dass man kaum sagen kann, ob sie nun eigentlich hübsch ist. Besonders wenn sie alleine ist wirkt sie sehr attraktiv, in Gesellschaft, vor allem in der entscheidenden Szene, ist jegliche Anmut aus ihren Gesichtszügen gewichen.

 

Fiors Stil erinnert entfernt an Schiele, auch die teilweise geschwungenen Panelbegrenzungen erzeugen eine gewisse Jugendstil-Anmutung. Das ist aber nicht nur eine graphische Annäherung an die Handlungs- und Entstehungszeit der Novelle, sondern die Übertragung der impressionistischen Unschärfe von Schnitzlers innerem Monolog in die Zeichnung. Nach seinem ebenfalls sehr gelungenen Debüt Menschen am Sonntag, das thematisch und zeichnerisch völlig anders ist, hat sich Fior als vielseitiger und wandlungsfähiger Künstler gezeigt.


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