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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 16:58

Yann / Schwartz: Operation Fledermaus

30.09.2010

Spirou auf Nazi-Jagd

Ein Abenteuer zwischen Grausamkeit und Slapstick. Natürlich auf Kosten der Deutschen. Von CHRISTOPHER FRANZ

 

Brüssel im Jahre 1942. Ganz Belgien ist von deutschen Truppen besetzt. Auch das Hotel Moustic, Arbeitsplatz des Pagen Spirou, ist als Hauptquartier der Gestapo okkupiert worden. Während der normale Bürger die Schrecken des Zweiten Weltkriegs „nur“ am Rande durch Nahrungsmittelrationierung, die nächtliche Verdunkelung und die Willkür der Besatzer mitbekommt, brodelt es im Untergrund. Der Widerstand kämpft einen zähen, manchmal aussichtslos erscheinenden Kampf gegen die Boches und ihr Terrorregime.

 

Vor diesem allzu realen Hintergrund erzählen der Szenarist Yann Le Pennetier und der Zeichner Olivier Schwartz die Geschichte eines Spirou, der scheinbar ein Kollaborateur der Nazis ist. Als solcher muss er sich gleich zu Beginn des Albums von Fantasio beschimpfen lassen, obwohl sich beide zufällig beim heimlichen Verunglimpfen deutscher Propagandaplakate begegnen. Dass Spirou in Wirklichkeit als Spitzel für den Widerstand arbeitet, kann er seinem Freund ebenso wenig anvertrauen, wie er auch nicht ahnen kann, dass die Deutschen seinen Funksprüchen auf die Schliche gekommen sind. Als er schließlich enttarnt wird, sucht er sein Heil in der Flucht.

 

Als ob dies nicht schon genug Stoff für ein Album wäre, verlieren sich die beiden Künstler mit der Absicht, ein möglichst umfangreiches Bild der damaligen Zeit zu entwerfen, in einer wahren Flut von Nebenhandlungen. Fantasio, der sich einmal mehr eher schlecht als recht als Reporter versucht, beherbergt heimlich abgeschossene alliierte Bomberpiloten und erpresst Schwarzmarkthändler. Patzer, ein Junge aus dem Armenviertel, Hobbyboxer und (gezwungenermaßen) Hühnerdieb, der aus seiner Abneigung gegen die Deutschen keinen Hehl macht, entdeckt auf einem seiner Diebeszüge im Keller einer abgelegenen Villa Unglaubliches. Weiß er jetzt, warum immer wieder die deutschen Kampfflugzeuge mit ihrer für England gedachten, todbringenden Fracht über Brüssel abstürzen?

 

Immer auf die Deutschen ...

Operation Fledermaus ist kein Spirou-Album für Kinder. Schon das Titelbild der Originalausgabe stellte für den deutschen Verlag ein großes Problem dar, prangte doch auf ihm eine übergroße Hakenkreuzfahne. Für den deutschen Markt war diese Form der Effekthascherei nichts und so musste ein neues Titelbild her. Dem Leser wird das französische Cover jedoch nicht vorenthalten, es ist im 10-seitigen, äußerst informativen Anhang abgedruckt. Weiterhin hatte der Carlsen Verlag den „Mut“, die nicht gerade wenigen Hakenkreuze im Album weder zu verfremden noch zu retuschieren.

 

Die beiden Künstler schaffen eine Atmosphäre, die die Realität schonungslos, auf fast schon unerhörte Weise abbildet. Die Geschichte versammelt auf ihren 62 Seiten so ziemlich alles an Grausamkeit, was die damalige Kriegszeit zu bieten hatte. Die daraus resultierende starke Verkürzung hinterlässt - wie auch die extreme Deutschenkarikatur - einen schalen Beigeschmack.

 

Natürlich ist der deutsche Befehlshaber Oberst von Knöchel jähzornig, das blonde SS-Mädel sexbesessen - der Film Ilsa – She Wolf of the SS lässt laut grüßen. Und selbstverständlich richten die deutschen Soldaten ihre Stoßgebete nicht an Gott, sondern ihren "Führer“. Dass Spirou aber eine Szene mit auf ihrem Krad verbrennenden Wehrmachtssoldaten mit der Bemerkung „Puahh! Das riecht nach angebranntem SS-Auflauf!“ kommentiert, ist doch befremdlich. Ein wahrer Tiefpunkt der Geschichte ist der nicht mal eine Seite einnehmende Auftritt eines jüdischen Mädchens - Anne Frank?! -, der so unmotiviert eingebaut wurde, dass die beiden Künstler sich wohl nicht anders zu helfen wussten, als ihn erotisch auszuschmücken.

 

Das Titelbild der Originalausgabe. Das Titelbild der Originalausgabe.

... und doch lesenswert

Nicht, dass nun ein falscher Eindruck entsteht; die Geschichte ist unterhaltsam und spannend und natürlich ist es auch amüsant, wenn die selbsternannten arischen Herrenmenschen als degenerierte und einfältige Kretins vorgeführt werden. Yann und Schwartz sind damit in bester Gesellschaft mit Mel Brooks (The Producers), Dani Levy (Mein Führer) und Quentin Tarantino (Inglourious Basterds). Man muss nicht immer alles unter dem Gesichtspunkt der Political Correctness betrachten, nur sollte man bedenken, dass Spirou, auch wenn diese Geschichte in der Reihe der Spezialbände erscheint und somit gegenüber dem Kosmos der Albenserie gewisse Freiheiten genießt, ein klassischer Jugendcomic ist. Welch weltweite Empörung würde es hervorrufen, wenn Asterix oder Micky Maus dergleichen erleben würden.

 

Ein Glück, dass es auch noch die andere, liebenswerte Seite des Bandes gibt. Dieser ist nämlich angefüllt mit einer schier endlosen Zahl an Anspielungen auf die Geschichte Spirous und die gesamte frankobelgische Comic-Geschichte. Mal offensichtlich, mal versteckt, verbeugen sich die beiden Künstler vor den großen Namen und Figuren (nicht nur) des Comics. Fleißige Sucher haben schon an die hundert Beispiele gefunden. Und auch zeichnerisch ist der Band bemerkenswert. Schwartz erinnert mit seinem Stil an den früh verstorbenen Meister der Nouvelle Ligne Claire, Yves Chaland, der eng mit der Entstehungsgeschichte dieses Bandes verbunden ist. Schließlich war er es, für den Yann Mitte der 80er Jahre eine erste Version des Albums schrieb.

 

Das stimmt den (deutschen) Leser dann auch wieder versöhnlich. Allen kleinen und großen geschmacklichen und kompositorischen Verfehlungen der Autoren zum Trotz.


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