Frankie Chavez: Family Tree von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau Eli Pariser: Filter Bubble Der FUTTERblog - streng verdaulich! Kennzeichen T - 28.04.2012
Donnerstag, 24. Mai 2012 | 16:59

Mary und Max

16.09.2010

Beseelung und Weltversöhnung

Sie fühlen sich ein bisschen wie ein Außenseiter oder gar einsam? Sie denken manchmal, alle Menschen um sie rum fahren im Leben auf der Überholspur, nur Sie stehen mit Tretroller und Reifenpanne auf dem Seitenstreifen? Und/oder Sie haben diesen unsichtbaren Freund, der bei Ihnen auf einem Stuhl im Wohnzimmer sitzt und Herr Ravioli heißt? Selbst, wenn Sie nur die ersten beiden Fragen mit „Ja“ beantwortet haben: Schauen Sie sich den wunderbaren Mary und Max an – der Film wird Sie beseelen und mit der Welt versöhnen. Von FLORIAN HOFFMANN

 

Die Handlung ist schnell erzählt: Die achtjährige, australische Mary – Tochter einer Alkoholikerin und Kaufhausdiebin – und der erwachsene, atheistische New Yorker Max, der unter Asperger-Syndrom leidet, führen eine Brieffreundschaft. Beide schütten dem anderen ihr Herz aus, beide versuchen sich gegenseitig mit praktischen Vorschlägen das Leben zu erleichtern. Das klingt an sich etwas dröge bis kitschig und ganz stark nach französischem Laberfilm?

 

Stimmt. Ist es aber nicht. Denn Adam Elliot ist kein französischer Mittelklasseregisseur, sondern ein künstlerischer Eigenbrötler, dessen ganz eigene Mischung aus Schwarzem Humor, Optimismus und ehrlicher Sentimentalität schon 2004 in Harvey Krumpet mit einem Oscar für den besten animierten Kurzfilm ausgezeichnet wurde – und was Elliot mit dieser seiner fatalistisch-karikaturesken und gleichzeitig warmherzig-naiven Weltsicht aus der simplen Idee der Brieffreundschaft herausholt, reicht von „zum Heulen komisch“ bis zu „zum Heulen schön“.

 

Balance aus Tragik und Komik

Komisch ist der Film durch seine unzähligen Running Gags (man achte auf das sich stets ändernde Schild des Straßenbettlers), den Stoizismus und die Naivität, mit der die beiden Protagonisten über weite Strecken ihren Alltagskatastrophen und tragischen Lebensumständen begegnen, und natürlich die putzig animierten und anzusehenden Knetfiguren, die Elliot entweder durchs in warmen Brauntönen gehaltene Australien oder durchs schwarz-weiß-graue New York stapfen lässt. Zum Heulen schön ist der Film, wenn am Ende zwei Menschen sich gegen jede Wahrscheinlichkeit, über Ländergrenzen und Fehlverhalten hinweg eine Freundschaft aufgebaut haben.

 

Einzigartig

Man könnte jetzt noch erwähnen, dass Mary und Max bis ins letzte Detail liebevoll von Hand hergestellt wurde – angefangen von der funktionierenden Miniatur-Schreibmaschine (neun Wochen Arbeit für einen Requisiteur) bis zu den 808 Miniatur-Teekartons (das Ausschneiden, Kleben und Anmalen beschäftigte kurzzeitig die gesamte Crew); man könnte auch noch erwähnen, dass Adam Elliot dem Film seine eigene Brieffreundschaft mit einem Asperger-Tourette’ler zugrunde gelegt hat, aber eigentlich möchten wir Sie nicht länger mit langweilig zu lesenden Hintergrundfakten davon abhalten, sofort loszugehen und sich diesen außergewöhnlichen Feel-Good-Film anzuschauen. Und sich danach beseelt und mit der Welt versöhnt zu fühlen.


Flattr this


 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Feier der Tonalität

Bei den großen Musikfestivals, in Salzburg, Luzern oder Verbier, kommt Jazz, wenn überhaupt, allenfalls als Kuriosität am Rande vor, am ehesten noch in der Gestalt des »Third ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Augenblicke des »alten Europa«

Tony Judts literarischer Gang durch sein Chalet der Erinnerungen.

 

Von WOLFRAM SCHÜTTE

Gegen die Dominanz des Beliebten

Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...

Galgenmännchen auf Finnisch

Freiheitsdrang und Träume können riskant sein. Wie riskant, muss der 12jährige Taifun erfahren, der zu seinem eigenen Besten in eine besondere Schule geschickt wird, dem Haus der ...

Kind sein, der moderne Vollzeitjob

Nur das Beste für das Kind, wer wünscht sich das nicht? Vorhalten soll das Beste auch, vorzugsweise ein Leben lang. Dafür müssen Grundlagen gelegt, das Kind rundum ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Garten Eden vor der Haustüre

Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...