Hubert & Kerascoet: Fräulein Rühr-mich-nicht-an
09.12.2010
Mademoiselle Snowblood
Die ersten beiden Bände von Fräulein Rühr-mich-nicht-an erzählen die Geschichte einer jungfräulichen Rächerin im Pariser Rotlichtmilieu der Dreißiger als eine spannende Melange aus Sex und Crime. CHRISTIAN NEUBERT hat sich bereitwillig fesseln lassen.
Mit kaum mehr als Hoffnung im Gepäck haben die beiden ungleichen Schwestern Blanche und Agathe die Provinz verlassen, um in der Metropole Paris ihr Glück als Zimmermädchen zu versuchen. Während sich Agathe die Nächte in den Tanzlokalen der Vororte um die Ohren schlägt, wird ihre Rückkehr von der eher spröden Blanche stets angsterfüllt erwartet – immerhin treibt ein Frauenmörder sein Unwesen, ein Perverser, der seine Opfer grausam zerstückelt.
Es kommt, wie es kommen muss: Agathe wird ermordert. Blanche, die zufällig Zeuge des Verbrechens wird, schwört, das Leben ihrer Schwester zu rächen. Sie begibt sich, einem ersten Anhaltspunkt folgend, auf Spurensuche in die zwielichtige Halbwelt des Pariser Rotlichtmilieus, wo sie prompt eine Anstellung in dem Nobelbordell bekommt, das in einem Zusammenhang mit den Mordfällen zu stehen scheint: Ab sofort verdingt sich die unberührte Unberührbare als die englische Gouvernante des Hauses – eine Rolle, in der sie, ständig das männliche Geschlecht stellvertretend für den Mord an ihrer Schwester abstrafend, als Fräulein Rühr-mich-nicht-an zu einiger Berühmtheit gelangt.
Die Jungfrau im Freudenhaus
In diesem Setting, in dem Blanche als ein »besonderes Mädchen« für spezielle Kunden den Anfeindungen ihrer Kolleginnen ausgeliefert ist, begibt sie sich auf Verbrecherjagd. Unterstützung erhält sie dabei von anderen Außenseitern wie der engelsgleichen Anette, Blanches blondem Pendant im Freudenhaus, die die Peitsche nicht wie sie führen, sondern spüren muss.
Der Comic offenbart sich dabei auch als genau beobachtende Milieustudie, die weder verklärt noch beschönigt. Macht und Abhängigkeit, Ohnmacht und Obsessionen sind die Bindeglieder zwischen den stimmigen Charakteren – auch die Nebenrollen sind fein nuanciert und glaubwürdig gezeichnet. Die französische Hauptstadt selbst, wo Standesdünkel und Korruption sowie Unrecht und Intrigen Hand in Hand gehen und Glanz und Elend dicht nebeneinander liegen, spielt auch eine nicht geringe Rolle in der atmosphärischen Crime-Story.
Als Leser kann man kann sich dem abivalenten Charme, den der auf zwei Bände angelegte Kriminalfall versprüht, unmöglich entziehen. Huberts Szenario steuert, den Leser immer wieder auf falsche Fährten führend, stets nachvollziehbar und mit Folgerichtigkeit auf ein fulminantes Finale zu. Daneben glänzt das Werk durch spitzfindigen Dialogwitz, dem Schreckensmomente folgen, die einem das Lachen im Hals stecken lassen. Dass in zahlreichen Passagen die Inhalte oft nur angedeutet sind und somit ganz auf die Suggestion des Lesers gesetzt wird, trägt außerdem zu der grandiosen Stimmung des Comics bei, die gleichzeitig anziehend und abstoßend wirkt.
Getragen wird das undurchsichtige Szenario durch stimmige Tempiwechsel - und durch die gelungenen Zeichnungen aus der Feder des Künstlerduos Kerascoet, dem wir z.B. das ebenfalls bei Reprodukt erschienene Jenseits verdanken. Die brüchigen Konturen der Figuren und Huberts satte Colorierung mit ihrem ständigen Nebeneinander von Licht und Dunkelheit sind sowohl den witzigen als auch den widerwärtigen Momenten der Erzählung dienlich und lassen das kriminalistische Sittengemälde zusätzlich glänzen.
Blut an den Händen
Bis der Fall zu seinem überraschenden, alle finsteren Erwartungen übertreffenden Abschluss gelangt – und die jungfräuliche Rächerin Blut an den Händen trägt, wie es der Titel des zweiten Bandes verspricht – lässt einen der düstere Crime-Comic nicht los. Aufgrund seiner Morbidität, seiner abgründigen, doppelbödigen Erotik sowie seiner dem Realismus geschuldeten Ungerechtigkeit und Unversöhnlichkeit liest sich Fräulein Rühr-mich-nicht-an wie die auf ein erwachsenes Publikum zugeschnittene Version des Tim & Struppi-Abenteuers Die Juwelen der Sängerin, der man – um sie zu dem überaus gelungenen Hybrid, der sie ist, zu vervollkommnen – einige Nuancen von Tardis Adele und Alan Moores From Hell beigemengt hat.
Hubert und Kerascoet arbeiten aktuell am fünften Band der Reihe. Bei Reprodukt ist der dritte Band für Dezember angekündigt. Man wird hierzulande also nicht allzu lange auf die Folter gespannt, wenn man wissen möchte, wie es mit Blanche weitergeht. Und wer die ersten beiden Bände kennt, der will es wissen. Soviel steht fest.


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