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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 17:01

 

Christo im TITEL-Interview

25.09.2010

,,Wir machen niemals das gleiche noch einmal!"

Er selbst betrachtet fast nie seine Kunst. Dazu hat Christo keine Zeit. Die benötigt der bulgarische Verhüllungskünstler für seine Arbeit. Bei der Präsentation seines limitierten Sonderbandes Christo und Jeanne-Claude, 75 in Berlin gelang es dennoch, Christo einige Enthüllungen zu entlocken über alte und neue Kunstwerke und die Tücken der Bürokratie. Von LIDA BACH

 

Wann begann Ihre Faszination für Materialien und Stoff?

 

Genau davon erzählt das große Buch. Bestimmte Materialien dienen seit tausenden von Jahren der künstlerischen Inspiration. Das ist nichts Neues. Bronze, Marmor, Holz, Fresko, Farbe...so vielfältig haben die Künstler Materialien für Kunstwerke verwendet.

 

Ihre Kunst lädt dazu ein, sie zu berühren. Ist sie auch dazu gemacht, buchstäblich gefühlt und be-griffen zu werden?

 

Ja, sehr sogar! All unsere Kunstprojekte basieren auf diesem Prinzip; sie sind sehr dynamisch. Im Buch erscheinen sie nur als Fotografien, aber die echten Kunstwerke wiegen sich im Wind, bewegen sich mit dem Wasser. Etwa der Wind um The Gates im Central Park 2005. Es war die absolute Bewegung! Ein großer Kontrast zwischen der rechteckigen Struktur der Gates und den sinnlichen Stoffbahnen. Das Essentielle sind die außergewöhnlich dynamischen Oberflächen.

 

Diese Oberfläche ist der Witterung ausgesetzt, was Ihre Kunst vergänglich macht. Wie empfinden Sie diese Transformation Ihrer Kunst?

 

Unsere Kunstwerke sind dazu geschaffen, sich damit auseinanderzusetzen. Wind, Regen, Sonne sind mit einbezogen, wenn wir diese Projekte realisieren. Das macht unsere Kunst so unmittelbar.

 

Besuchen Sie Ihre Kunstprojekte, um die Reaktionen darauf zu beobachten?

 

Nein, niemals. Diese Kunst ist komplex und offen für Interpretationen. Wir haben so wenig Zeit, unsere Arbeit auszuführen. Natürlich reagieren die Leute sehr unterschiedlich. Aber Jeanne-Claude und ich waren daran nicht wirklich interessiert.

 

Haben Sie ein Traumprojekt?

 

Nun, unser Traumprojekt waren zwei Werke in der Entstehungsphase, die am Schluss des großen Buches vorgestellt werden. Das eine heißt The Mastaba, ein Projekt, an dem wir 1979 zu arbeiten begonnen haben. Ein riesiges Projekt, das 400.000 Ölfässer einschließt; 150 Meter hoch, 300 Meter weit, 200 tief. Das andere Projekt nennt sich Over the River. Wir haben 1992 daran zu arbeiten begonnen. Für diese beiden Projekte haben wir noch keine Genehmigung erhalten. Die letzten 64 Jahre haben ich und Jeanne-Claude 24 Projekte verwirklicht und es bei 37 Projekte nicht geschafft, eine Erlaubnis zu erhalten.

 

Das Gesamtwerk - 1.000 Exemplare zum Preis von je 1.000 Euro Das Gesamtwerk - 1.000 Exemplare zum Preis von je 1.000 Euro

Etiketten seien für Wein geeignet, sagten Sie einmal. Ihre Kunst entzieht sich bewusst nahezu jeder Definition. Welche Elemente dominieren darin?

 

Die Projekte vereinen viele Elemente der Bildhauerei, Architektur und der städtischen Planung. Verhüllt man ein Gebäude beinhaltet das eine bestimmte Form der Architektur und die Regenschirme verbinden das Kunstprojekt mit städtischer Planung. Aberhunderte, tausende von Regenschirmen, die sich Meile um Meile erstrecken, das muss sorgfältig vorbereitet werden. Der Prozess, eine Genehmigung für dergleichen zu erhalten, um das Projekt überhaupt realisieren zu können, ähnelt dem, eine Genehmigung für den Bau einer Brücke oder eines Highways, von Wolkenkratzern oder Flughäfen zu erhalten.

 

Sie haben auch ohne offizielle Genehmigung Kunstwerke errichtet und die Polizei ...

 

Ja! Das war in der Rue Visconti. Wir haben außerdem, teils ohne Genehmigung, ein Stück des Running Fence in Nordkalifornien aufgestellt, das hinunter zum Ozean reichte. Das ist Bestandteil all unserer Projekte.

 

Spielen Sie mit dem Gedanken, in einer Metropole wieder ein berühmtes Bauwerk zu verhüllen?

 

Nein, jedes unserer Projekte ist einzigartig. Wir machen niemals das gleiche noch einmal. Es wir nie wieder ein verhülltes Parlament geben, eine verhüllte Brücke, nie eine andere von Material umgebene Insel, Regenschirme, einen Running Fence. All unsere Werke sind völlig neue Schöpfungen.

 

Was ist der schwierigste Aspekt Ihrer Arbeit?

 

Am schwierigsten ist es, die Leute davon zu überzeugen, das Land für die Kunstwerke zu vermieten. Denn all die Projekte stehen auf Orten, die jemandem gehören. Manchmal sind es Privatpersonen, manchmal Staaten, manchmal Länder, manchmal ist es Stadteigentum. Wir mieten die Orte ganz gewöhnlich, indem wir Miete bezahlen. Zum Beispiel haben wir für die Stadt New York 3 Millionen Dollar gezahlt, um den Central Park für drei Monate nutzen zu können.

 

Ein bemerkenswerter und wundervoller Aspekt Ihrer Kunst: sie ist für die Betrachter umsonst. Allerdings nicht für Sie, denn Ihre Arbeit finanzieren sie selbstständig.

 

Ich bin aus einem kommunistischen Land in den Westen geflohen, weil ich ein Künstler sein wollte, der die Kunst erschafft, die er machen möchte. Diese Projekte entstehen für uns: für mich und Jeanne-Claude. Das steht an erster Stelle. Wenn den Menschen das Werk gefällt, ist das nur ein Bonus. Diese Kunstwerke sind unsere Kunstwerke.

 

Wann hatten Sie die Idee für Ihr neues Buch?

 

Wir arbeiten seit vielen Jahren mit Benedikt Taschen zusammen. 2008 entschieden wir, dieses Buch zu machen.

 

Wie waren Sie an der Entstehung beteiligt?

 

Das Buch ist vollständig von mir entworfen. Ende 2008 begann ich daran zu arbeiten. Es ist nicht einfach nur ein Kunstbuch, sondern geht darüber hinaus. Mit all den Fotografien und der Kunstkritik gleicht es eher einer Biografie oder einer Kunstkompilation – und so vielen anderen Dingen (lacht).  Es wiegt rund 16 Kilo. Das ist mehr als damals in meinen frühen Jahren in Bulgarien meine gesamten Kleider wogen.


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