Beiden Titeln gemeinsam ist, dass sie die bisher gewohnte Erzählperspektive aus Opfersicht wechseln, die Protagonisten beider Romane gehören der Schicht der Täter an, die Eltern sind aktive Nationalsozialisten. Seidel hat dafür teils harsche Kritik einstecken müssen. Was hat Sie zu diesem Perspektivwechsel bewogen?
Der Held ist ja kein Täter. Am Anfang des Romans identifiziert er sich mit den Ideologien des Nationalsozialismus, da sein Vater sein Vorbild ist. Dann aber distanziert er sich und erkennt die dunkle Seite der Ideologie. Sein Vater hingegen spielt im Nationalsozialismus mit und spielt später in der Bundesrepublik mit – so wie es wohl die meisten getan haben. Der Held jedoch erkennt den Opportunismus. Ich würde den Protagonisten also niemals als Täter sehen. Er ist ein Kind, das langsam seine moralischen Werte in einem barbarischen System entwickelt.
Der Lebensborn e.V. ist ein Teilaspekt des Nationalsozialismus, dem bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Wie kamen Sie auf die Idee, über dieses bis heute spekulative und heikle Thema ausgerechnet ein Jugendbuch zu schreiben?
Es war der Verlag, der mit dieser Idee an mich herantrat. Eine Auftragsarbeit im klassischen Sinne. Dann entwickelte sich die Sache jedoch in mir. Und ich habe viel Zeit damit verbracht, mich in das Thema einzuarbeiten und mich mit den Ideologien auseinander zu setzen. Je klarer mir wurde, wie aktuell das Thema ist, desto mehr habe ich mich in die Recherche gesteigert.
Das Verhältnis zwischen Ihrem Helden Fritz und seinem Vater, der leitender Arzt im Lebensbornheim ist, ist sehr ambivalent beschrieben und schwankt zwischen echter Zuneigung und Angst. Gleichzeitig schützt der Vater seinen Sohn vor genau dem, was er selber praktiziert. Zielen Sie Verständnis für die Täter?
Nein. Verständnis ist das falsche Wort. Das wäre der erste Schritt zum Mitleid. Mein Opa war im KZ inhaftiert und unsere Familie ist dadurch stark geschädigt worden. Meine Oma hätte lieber einen Mann wie Fritz´ Vater gehabt, der sich um seine Kinder kümmert statt wegen seiner Überzeugung ins KZ gesteckt zu werden. Die Konsequenz in unserer Familie war, dass die ganze Familie durch Opas Verhalten gedemütigt wurde. Der Vater in Ohne Fehl und Makel macht mit, schützt so sein Kind und schickt gleichzeitig beeinträchtigte Kinder nach Wien. So würden vermutlich die meisten Menschen handeln. Sonst würde es keinen Opportunismus geben. Aber Verständnis habe ich keins. Dann müsste ich ja auch Verständnis für blanken Egoismus haben. Ich kann es höchstens registrieren, dokumentieren und wie in „Kein Fehl und Makel“ in einem Roman darstellen.