Andi Lirium: Punkrock Heartland
07.10.2010
Warme Knastbrüder zwischen Rock und Romantik
„Don´t try this at home“ heißt es im Vorwort von Andi Liriums kraftvollem Comic-Debüt. Zu recht – wohl nur im Punkrock Heartland vermag das dort Geschilderte zu einem versöhnlichen Ende zu gelangen. Von CHRISTIAN NEUBERT
Der fünfzehnjährige Bass und sein älterer Kumpel Zottel, zwei Punks aus Hamburg, fahren gemeinsam für ein paar Wochen nach Skandinavien, wo sie ihre Liebe zueinander entdecken. Das Dumme daran ist nur, dass Zottel eigentlich mit Heike zusammen ist – und sich nach dem Urlaub auch weiterhin für Heike entscheidet. Bass sieht die Zurückweisung als Anlass dafür, erst einmal gründlich Scheiße zu bauen: Um seine verletzten Gefühle in den Griff zu bekommen, muss ein Skinhead dran glauben. Dafür geht’s allerdings in den Bau: Sein Gewaltausbruch bringt ihm fünf Jahre Jugendknast ein.
In der Strafanstalt lernt Bass den Deutschrussen Jannik kennen und lieben. Fortan wird der junge Punk immer zwischen zwei Männern stehen: zwischen Jannik, der stets bereit ist, sich für ihn aufzuopfern, und Zottel, der mittlerweile Familienvater ist und sich nie vollständig von Heike lösen kann. Das funktioniert eine ganze Weile gleichermaßen gut und schlecht. Aber irgendwann fordert das Leben dann doch eine konsequente Entscheidung von Bass ein.
Punk´s love, not dead
Im Grunde wird in Punkrock Heartland eine Lovestory nach klassischem Muster geschildert. Dass es sich bei den Protagonisten dabei um Schwule handelt, dürfte mittlerweile kein großer Aufreger mehr sein. Entsprechend wird die damit verbundene Problematik auch an kaum einer Stelle thematisiert. Für den bereits im Knabenalter entwurzelten Bass dürfte es grundlegendere Schwierigkeiten als sein Coming Out gegeben haben. Und nicht einmal auf die Knasthierarchie scheint die offen zur Schau gestellte sexuelle Orientierung der Akteure großen Einfluss zu nehmen. Gesellschaftliche Ausgrenzung ist erst recht kein Thema, im Gegenteil: Die Figuren tragen sogar aktiv und willentlich zu ihrer Abgrenzung bei. Immerhin wird die Kulisse der Geschichte nicht von dem schillernden Lifestyle der Schwulenszene gestellt, sondern durch das heruntergekommene Milieu der Straßenpunks, wo es ohnehin eher um Selbstbehauptung geht, egal ob homo oder hetero.
Die Lebensläufe der Hauptfiguren, die in Punkrock Heartland mit ganz viel Straßendreck zu einer Geschichte zusammengekleistert werden, sind ausgesprochen drastisch, aber dennoch glaubwürdig. Trotz der Härte der dargestellten Milieus – die Straße und der Knast – bietet Andi Liriums Debüt, das zugleich seine Abschlussarbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg gewesen ist, auch immer wieder ausgesprochen romantische Momente, die gerade dadurch, dass sie in einem offensichtlichen Konflikt mit einer rohen Realität stehen, eben nicht unwirklich, sondern sehr wahrhaftig wirken. Auch wenn der Autor in seiner schwulen Straßenballade nun wirklich alle gängigen Klischees bemüht.
Schmutzig und ätzend
Das alles wird mit einem krakeligen, fast schon aggressiven Pinselstrich inszeniert. Dieser lässt die Bilder wüst, aber kraftvoll erscheinen. Die gewählte Farbgebung trägt ebenfalls dazu bei – neben einigen Graustufen finden lediglich einige schmutzige Grün- und ätzend wirkende Gelbtöne ihre Verwendung. Zwischenzeitliche Aufhebungen der Panelstruktur und Bildmontagen, in denen sich das Dargestellte oft überlappt, bringen ebenfalls viel Unruhe, aber auch eine immense Dynamik in das Geschilderte. Auch das gelungene Handlettering leistet viel in diese Richtung – der Comic sieht insgesamt wirklich nach Punk aus. Dass sich dieser Eindruck einstellt, ist ein Stück weit auch den vielen Zeitsprüngen geschuldet. Diese lassen die Erzählstruktur zwar etwas chaotisch wirken, bringen die zahlreichen Nebenhandlungen aber gekonnt zu einer spannenden Einheit.
Andi Lirium stellt im Vorwort fest, dass die erzählte Geschichte nicht tatsächlich so stattgefunden hat, wie er sie schildert, die Handlung und die dargestellten Personen jedoch auf wahren Vorbildern beruhen – nur eben entsprechend überzeichnet. So kann man die zugegebenermaßen etwas zu dick aufgetragene Story durchaus für einigermaßen bare Münze nehmen, genauso wie man hinter den idealisierten Figurenzeichnungen reale Menschen ausmachen kann – man muss nur die ausgeprägten Muskeln der Akteure und ihre überdimensionierten Pornopenisse als zweckdienliche Staffage für die Action und Ästhetik des Comics erkennen.
Insgesamt lässt sich definitiv sagen, dass der junge Hamburger mit dem schönen Pseudonym ein gelungenes Comicdebüt vorgelegt hat, das es auf jeden Fall verdient, auch außerhalb von Homokreisen wahrgenommen zu werden.


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