David B.: Auf dunklen Wegen + Kapitän Scharlach
02.05.2011
Ornamentale Menschenknäuel und kopflose Piraten
Wer den mittlerweile zu einem Klassiker avancierten autobiografischen Comic Die heilige Krankheit gelesen hat, konnte mitverfolgen, wie aus Pierre-Francois Beauchard der Zeichner David B. wird, dessen bevorzugtes Sujet bereits als Kind Großpanoramen von Massenschlachten sind. Zwei sehr unterschiedliche neue Comic-Alben von David B. zeigen, dass er sich treu geblieben ist - und sich außerdem eine überschäumende Fantasie bewahrt hat. Von ALEXANDER FRANK
Auf dunklen Wegen spielt nach dem Ersten Weltkrieg in der italienischen Stadt Fiume (heute das kroatische Rijeka). Der Dichter Gabriele D’Annunzio ist mit einigen tausend Freischärlern in die Stadt einmarschiert, da er verhindern will, dass sie im Zuge der Friedensverhandlungen von Italien abgetrennt wird. Er ruft eine unabhängige Republik aus und baut sein kleines Privatimperium auf.
In diesem zeitlich und räumlich eng begrenzten Mikrokosmos der Anarchie lässt David B. die Protagonisten seiner Geschichte aufeinandertreffen: einen traumatisierter Weltkriegsveteranen und seine kriminellen Freunde, eine rivalisierende Diebesbande, eine geheimnisvolle Varieté-Sängerin, skrupellose Polizisten, D’Annunzio und seinen Hofstaat aus Futuristen, Dadaisten und Faschisten, außerdem eine Statue des Heiligen Franziskus.
Utopie und Dadaismus
Das Personal mag klischeehaft erscheinen, aber David B. gelingt es, eine vielschichtige, detail- und fintenreiche Geschichte zu erzählen, die die vermessenen Utopien und die nihilistische Orientierungslosigkeit dieser Umbruchszeit ausleuchtet. Während die einen im Stechschritt Richtung Zukunft drängen, werden die anderen von den Gespenstern der Vergangenheit verfolgt. D’Annunzio lässt seine Soldaten marschieren und inszeniert sich auf Massenkundgebungen, die der späteren faschistischen Ästhetik den Boden bereiten. Am Ende steht aber ein dadaistischer Begräbnisumzug, ein „großes Geisterfest“: „Die Phantasie wird die Macht zerstören und ein Lachen wird sie begraben.“
Wie David B. Menschenmassen in seine Panels schlichtet, ineinander verknäult und zu Ornamenten verknotet, ist sensationell. Man wird den Verdacht nicht los, dass die Gewalteskalationen in Fiume, die immer wieder zu Massenschlägereien führen, vom Autor angestachelt wurden, um seine zeichnerischen Vorlieben zu befriedigen. Übel nehmen kann man es ihm nicht. Aber auch wie er D’Annunzio in einem Meer aus Sprechblasen ertrinken lässt oder wie er die einzelnen Panels zu ganzseitigen Tableaus auflöst, macht ihm so schnell keiner nach.
Maske und Halsband
Genau das ist das Problem von Kapitän Scharlach. Hier ist David B. nur für die Geschichte verantwortlich, den Stift hat er an Emmanuel Guibert abgegeben. Nun ist es zwar so, dass die Zeichnungen eigentlich ganz ansprechend und handwerklich solide sind, die Story dagegen ziemlich krude und hanebüchen. Trotzdem wäre mit David B.s Bildern vielleicht noch was daraus geworden, aber Guiberts Zeichnungen, die in dem hervorragenden dokumentarischen Comic Der Fotograf perfekt passen, funktionieren hier nicht.
Aber zugestanden: Ein Piratenschiff, das über Paris fliegt, mit einer Crew aus ehemaligen Nutzern der „Bibliothek des Abenteuers“, die sich köpfen ließen, um sich passende Verbrechervisagen von hingerichteten Kriminellen aufsetzen zu können und die von einem Kapitän angeführt werden, der eine goldene Maske trägt und mit seinem Halsband Stürme entfesseln kann – dafür bräuchte es auch einen Zeichner mit einer überschäumenden kindlichen Fantasie.

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