Interview mit Marcus Staiger, Chefredakteur von rap.de
29.09.2010
,,Das ist schon richtiger Hardcore-Spießer-Shit, was die machen!"
Gewalt und Gewaltverherrlichung in Gangsta-Rap-Texten sind seit Jahren immer wieder Mittelpunkt von Kontroversen. Wohnungen werden von der Polizei durchsucht, Strafanzeige gestellt und Platten indiziert. Manchmal allerdings verlässt diese Gewalt die Texte. Marcus Staiger, Chefredakteur des Hip-Hop-Online-Magazins rap.de, das in Berlin sein Büro hat, bekam diese Gewalt zu spüren. MARTIN SPIESS hat ihn getroffen.
Der Berliner Gangsta-Rapper Blokkmonsta hat dich K.O. geschlagen, nachdem du die Platte „Wir bringen das Drama“, die er mit seinem Rapper-Kollegen Rako aufgenommen hat, verrissen hast.
Genau. Blokkmonsta hat mich in der Redaktion angerufen und sich über den Tonfall der Review beschwert. Ich muss gestehen, dass ich das falsch eingeschätzt habe. Er weiß schon, dass ich seine Musik nicht gut finde. Der springende Punkt für ihn aber war, dass ich mich über seinen Namen lustig gemacht habe. Ich habe aus Blokkmonsta „Blokki“ gemacht, und das hat natürlich dieses harte Image, das für den Gangsta-Rap so wichtig ist, vollkommen zerstört. Und dann ist er am nächsten Tag mit fünf seiner Kollegen in die Redaktion gekommen.
Wie ist das abgelaufen?
Die standen einfach plötzlich vor mir. Ich bin mit ihnen rausgegangen, und habe mich mit ihnen unterhalten, wobei die Unterhaltung sehr einseitig war. Ich konnte nicht viel sagen, und Blokkmonsta hat mehr geschrien als geredet. Es war eine ganz blöde Situation: Wenn sechs Leute um einen herumstehen und wenn die auch nur rumstehen, ist das nicht die entspannte Diskussionssituation, die du hast, wenn du dir eins zu eins an einem Tisch gegenübersitzt. Ich habe zum Beispiel beim Reden die Hände zum Gestikulieren hoch genommen und das wurde mir dann immer untersagt: „Nimm die Hände runter, nimm die Hände runter!“ Dann wollten zwei Mitarbeiter von mir rauskommen und es hieß von Blokkmonsta: „Ich habe gesagt, dass ihr drin bleiben sollt!“ Er hat einen meiner Mitarbeiter angegriffen, ich bin dazwischen gegangen und dann kam der Schlag. Es ist zwar nicht so gewesen, dass die gekommen sind, um mich festzuhalten und zu verprügeln. Aber wenn er mit fünf Leuten auftaucht, die auch alle nicht aussehen, als seien sie gerade aus einem Rhetorik-Seminar gekommen, dann gehe ich davon aus, dass es Stress gibt.
Es ist keine Unterhaltung, sondern Einschüchterung.
Es sollte eine „Ansage“ sein, das war auch der Wortlaut, der da beim Telefongespräch am Tag davor gefallen ist. Das Problem war, dass er die Art des Drüber-lustig-Machens in der Review nicht verstanden hat. Und dann kennen wir uns persönlich.
Was heißt persönlich kennen? Durch deine Arbeit bei rap.de?
Ja. Blokkmonstas Label, Hirntot Records, veröffentlicht viel, die sind in ihrem Segment sehr erfolgreich. Blokkmonsta ist ja auch schon mehrmals vor Gericht gestellt worden wegen seiner Texte. Es war zwar immer klar, dass wir von rap.de die Hirntot-Veröffentlichungen scheiße finden. Aber ich habe mich, wenn die angeklagt waren oder wieder mal eine Hausdurchsuchung stattfand, trotzdem hingestellt und gesagt, dass ich das nicht richtig finde, und zwar im Zuge der freien Meinungsäußerung, der künstlerischen Freiheit. Ich unterstelle den Hirntot-Leuten keine progressive Geisteshaltung. Das ist schon richtiger Hardcore-Spießer-Shit, was die machen. Es ist Spießermusik mit Waffen. Gegen Schwule, gegen Frauen ... Sie wurden auch verurteilt wegen pornographischer Gewaltdarstellung und wegen Volksverhetzung. Aber trotzdem ist künstlerische Freiheit ein hohes Gut, und das muss verteidigt werden, selbst wenn mir das Produkt nicht gefällt. Und das habe ich gemacht. rap.de hat ein Interview mit ihnen gemacht, obwohl eben diese Typen einen „Fick rap.de“-Song aufgenommen haben. Aber den habe ich dann auch auf die Seite gestellt und ihn präsentiert. Ich bin immer locker damit umgegangen und insofern entstand da ein persönlicher Kontakt. Deswegen hat Blokkmonsta nicht verstanden, warum ich mich so von oben herab über seine Musik geäußert habe. Es ist schon von oben herab, aber ich habe es nicht so ernst gesehen. Ich habe den Spieß einfach mal umgedreht, weil sie ja auch immer sagen: „Das ist Rap, das darf man auch nicht so ernst nehmen.“
Warum hast du eigentlich keine Anzeige erstattet?
Weil es mir darum geht, dass eine Diskussion zustande kommt. Ich glaube, dass er seinen Teil aus der Diskussion, die jetzt einsetzt, auch lernt. Was das angeht, bin ich ein unverbesserlicher Sozialpädagoge. Ich sage: „Ich erstatte keine Anzeige, aber du musst mit mir reden.“
Also eine Art Bedingung.
Eine Anzeige ist einfach keine Grundlage für eine weitere Diskussion. Wir haben uns am Tag nach dem K.O.-Schlag auch unterhalten und er hat gesagt, dass der Schlag nicht beabsichtigt, sondern ein Reflex war. Und das glaube ich ihm. Er ist Kickboxer, ich bin Kampfsportler, solche Reflexe trainiert man sich an. Aber der Schlag ist für mich auch nicht das Problem.
Sondern die fehlende Kritikfähigkeit.
Richtig.
Ist das eigentlich ein Problem des Gangsta-Raps?
Nein. Da tritt es vielleicht am stärksten auf. Aber dieses Problem haben auch Kool Savas und Olli Banjo, wenn sie sagen: „Wenn ihr meine Platte schlecht besprecht, ist das Majestätsbeleidigung.“ Und dann gibt es beleidigte E-Mails und verärgerte Anrufe, aber es wird auf anderer Ebene gelöst. Dann werden zum Beispiel keine Anzeigen mehr geschaltet oder es gibt ein Interview-Boykott für das entsprechende Magazin. Das steht ja jedem frei, aber eine Szene, die so zusammengeschrumpft ist wie die Hip-Hop-Szene muss kritikfähig sein. Es muss möglich sein, sich als Journalist über die Werke von Rappern zu äußern, und da gehört Satire dazu. Damit müssen die Künstler klar kommen. Es ist ja nicht nur auf den Rap beschränkt. Ich habe eine E-Mail von einer Frau bekommen, die schrieb: „Coole Aktion, wie Du damit umgehst. Ich war Redakteurin eines Hardcore-Magazins und wurde von einer Hardcore-Band bedroht, weil ich deren Platte demontiert habe.“ Musikjournalismus ist immer schwierig, weil man teilweise Produkte bespricht, von deren Werbegeldern man seine Publikation finanziert. Aber nichtsdestoweniger finde ich es wahnsinnig wichtig, dass man das Recht auf eine kritische Position hat.
Du wurdest auch nicht das erste Mal bedroht.
Richtig. Wir hatten auch schon mit Interviewboykotten zu kämpfen. Richtige Bedrohungen aber kommen aus der Schicht von Straßen- und Hardcore-Rappern.
Was glaubst du, warum diese Kritikfähigkeit fehlt? Ist es der Machismo? Die Tatsache, dass sie wirklich erst Gangster waren und dann Künstler wurden, also, dass sie eine gewisse Street Credibility aufrechterhalten müssen? Und sich dann nicht von einem dahergelaufenen Schreiberhansel die Platte kritisieren lassen können?
Zum Teil ist das so. Zum anderen ist es so, dass im Rap die Rolle mit der Person verschmilzt. Das ist dieser Realness-Gedanke. Aber auch Axl Rose hat mit „Get in the Ring“ einen Song gehabt, in dem er Journalisten aufforderte, mit ihm in den Ring zu kommen. Aber da ist es eben eine künstlerische Auseinandersetzung. Ich habe auch nichts dagegen, wenn alle schreiben: „Scheiß rap.de!“.
Was kein schön geführter Diskurs ist, aber zumindest keine Einschüchterung, kein Ende von Diskurs.
Genau. Und da müssen wir als Medien die Künstler dahingehend erziehen, dass es von Vorteil ist, wenn man frei und unbefangen Kritik äußern kann. Es nützt uns allen wirklich nichts, wenn wir uns gegenseitig auf die Schulter klopfen und sagen: „Super, super. Für Fans von Blokkmonsta ist dieses Album genau richtig.“ Das weiß jeder. Für Fans von irgendwem ist immer alles irgendwas. Aber wenn das, wie bei „Wir bringen das Drama“, wegen Holzhammerreimen nicht der heiße Scheiß ist, dann darf man das sagen. Dann muss man das sagen.
Ist es vielleicht auch ein Problem, dass das Verständnis dafür, was sie tun, noch nicht bei ihnen angekommen ist? Dass sie sich nicht bewusst darüber sind, dass sie Kunst machen und dass Kunst immer Kritik ausgesetzt ist? Dass immer eine Öffentlichkeit kommt, die sich damit auseinandersetzt und das kritisiert?
Ich glaube, dieses Bewusstsein ist bei vielen nicht angekommen, ja. Denn diesen Diskurs versuche ich schon seit Jahren zu führen und immer wieder muss ich sagen: „Du stellst etwas in die Öffentlichkeit. Ich kann nur das bewerten, was Du in der Öffentlichkeit bist. Ob wir uns privat verstehen oder ob das geil ist, was Du machst, ist scheißegal. Du kannst mit mir als Marcus Staiger befreundet sein, aber das, was ich bei rap.de mache, total bekloppt finden.“ Ich habe damit kein Problem, aber ich verwechsle mich auch nicht mit rap.de. Wenn Leute zu mir sagen: „Das ist totaler Schrott, was ihr da raus bringt“, sage ich: „Nun gut. Das ist Deine Meinung.“ Und die darf jeder haben.


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