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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 17:11

Goethe! - ab heute im Kino

14.10.2010

Rock me, Johann Wolfgang!

Es war um 1772 und es war nicht in Wien ... Über Philipp Stölzls jungen Goethe! objektiv zu schreiben ist schwer, wenn man - wie LIDA BACH - eine Schule besucht hat, die ihn im Namen führt.

 

Das Ausrufezeichen, das der Regisseur und Co-Drehbuchautor im Titel setzt, führte unser Schulname nur unsichtbar. Vielleicht steht in der John-Lennon-Oberschule am ersten Schultag ja Imagine an der Tafel, unsere Klassenlehrerin schrieb: 28.08.1749 – 22.03.1832. „Das ist das Wichtigste, was ihr hier lernt. Das Datum müsst ihr euer Leben lang wissen.“ Für diese Rezension musste ich es mit einer Internet-Suchmaschine herausfinden.

 

Der filmische Goethe ist ein literarischer Pop-Poet im erzbiederen Biedermeier, dessen rigide Sittsamkeit Stölzls Historiendrama vorführt. „Tolldreist“ nennt ein Magister den aufmüpfigen jungen Johann Wolfgang, der einmal, von Tollkirsche wortwörtlich toll geworden, über einen Jahrmarkt taumelt. Tolldreist ist auch Stölzls Bildnis des Dichters als junger Mann, das alle streng gezeichneten Ikonen verwirft. Johann ist ein Dichter wider Willen, nämlich wider den Willen seines Vaters (Henry Hübchen). Der hält Götz von Berlichingen für „Kinderkram!“ und drängt dem zukünftigen Geheimrat Johann eine Juristenlaufbahn auf.

 

Und so wird Goethe trunken. Zuerst vor Wein, dann vor Liebe zu der aus armer Großfamilie stammenden Charlotte Buff (Miriam Stein). Witterungs- und emotional bedingt überkommt Johann und Lotte Sturm und Drang. Danach sind alle verschnupft - Lotte, Johann und Lottes Vater. Der hat seine Tochter einem gutsituierten Verehrer (Moritz Bleibtreu) versprochen.

 

Nicht so naiv

„Der Deutschen größter Dramatiker“, wie ihn die Klassenlehrerin nannte, ist im Kino unglücklicher Held seines persönlichen Dramas. Dreist und darum toll. „Das hat keinen Lehrwert!“, hätte sie gesagt und die Vorführung abgebrochen, wie sie es bei Natural Born Killers und Amadeus tat.

 

Regisseur Stölzl sieht das anders. Sein Johann Wolfgang teilt mit Mozart mehr als nur den Vornamen. Er singt dessen „Bonna Nox“ und besonders inbrünstig „Scheiß ins Bett, dass es kracht“. So frivol-fantastisch wie Milos Formans Amadeus ist sein Goethe! aber nicht annähernd. Dafür versöhnt seine schamlose Verankerung im gehobenen Unterhaltungskino Goethe-Traumatisierte. Den Mythos vom altehrwürdigen Genius unterwandert der Film, ohne dabei die Brillanz des Dichters zu schmälern. Sein Johann Wolfgang findet einen „Faust“-Dialog bei einem Freund, der einem schönen Fräulein, das keines ist, sein Geleit antragen will, und klaut „Ich bin mir Hölle selbst genug“ von einer Schmierentheaterbühne.

 

„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“

(Johann Wolfgang von Goethe)

 

Die „Lotte-Popotte“, wie Charlotte im Film von ihrer Schwester gerufen wird, kriegt er nicht. Dafür etwas Besseres: die Dichterlaufbahn, die er sich ersehnt hat, und - lebenslangen Ruhm. Nicht zu vergessen die Einkünfte. Denn als Dichter und Denker sind die Filmprotagonisten nicht so naiv, zu glauben, dass die Entscheidung zwischen Geld oder Liebe zu Gunsten letzter ausfallen sollte.

 

„Ist das alles die Wahrheit?“, fragt ein Verleger, dem Lotte den Werther vorlegt. „Es ist mehr als die Wahrheit. Es ist Dichtung“, antwortet Lotte.


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