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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 17:12

Die Entbehrlichen - im Kino!

14.10.2010

Die im Dunkeln sieht man nicht

Wenn er nach Hause kommt, wartet Jacobs Vater schon auf ihn. Doch nicht mit der Alkoholflasche vor dem Fernseher wie sonst. Diesmal ist es schlimmer ... Andreas Arnstedt wagt in seinem verstörenden Drama Die Entbehrlichen den Blick in den sozialen Abgrund. Von LIDA BACH

 

Wenn das herauskommt, muss er ins Heim, ist Jacob sicher. Also geht der 11-Jährige weiter zur Schule: „Damit nichts auffliegt.“ Abends muss er zurück zu seinem Vater Jürgen (André Henicke), der hinterm Sofa liegt als wäre er einmal mehr betrunken. Doch Jürgen ist tot. Wie es dazu kam erzählt Andreas Arnstedt in Rückblenden, die einsetzen, wenn Jacobs Lage unerträglich zu werden droht. Kaum auszuhalten war es schon vorher. Jacobs Mutter Silke hat die Familie verlassen, nachdem Jürgen sie mit einer Herdplatte verbrennt.

 

Jürgen ist überfordert, mit der Situation und seinem Dasein, von sinnlosen Ämtergängen, den Kurzzeitjobs, der Perspektivlosigkeit. Ein fataler Schritt vom Sofa mit dem Kabel um den Hals - und er liegt da. Niemand merkt etwas. Gebraucht wurde der arbeitslose Maler schon zu Lebzeiten nicht. Silke und Jürgen, die beide Alkoholiker sind, und ihr Sohn vegetieren am untersten sozialen Rand dahin. Nicht nur sie sind Die Entbehrlichen, sondern auch der von Rechten misshandelte Straßenzeitungs-Verkäufer, dem Jacob begegnet und der geistig verwirrter Nachbar Rott, der den Holocaust überlebt hat und nun im Elend zugrunde geht.

 

,,Ist doch scheißegal, wie Straße geschrieben wird. Hauptsache ist, dass man weiß, wo es lange geht im Leben." (Silke)

Es stinkt zum Himmel. Erst das Gammelfleisch, für dessen Meldung Jürgen gekündigt wird, dann seine Leiche. Und immerzu die soziale Situation. Wie Jürgens Kollegen mit der überlagerten Ware hantiert der Sozialstaat gern mit seinen Klienten. Einfach umetikettieren. „Arbeitslos“ wird eine „weiterführende Maßnahme“ oder ein 1-Euro-Job. Das schönt die Statistik. Dass ein System mitschuldig am sozialen und menschlichen Niedergang einer Familie sein könnte, wird kategorische ausgeschlossen. Wer seinem Kind keine Klassenfahrt bezahlen könne, müsse etwas falsch gemacht haben, glauben die wohlhabenden Eltern einer Schulfreundin Jacobs.

 

Auf Jürgens ersterbenden Hilfeschrei hin, tut Jacob genau das Falsche – in der tragischen Logik der Handlung für alle Beteiligten das Beste. Die Entbehrlichen sind per se entbehrlich, diese schmerzliche Wahrheit verheimlicht Arnstedt nicht. Die authentische Handlung, die schauspielerischen Glanzleistung sowie der Mut des Regisseurs, die kontroverse und brandaktuelle Thematik anzupacken erschaffen einen berührende Momente, in denen die Leinwand das echte Leben spiegelt. Dort fand Arnsted die Vorlage für sein selbstverfasstes Drehbuch. Die Entbehrlichen basiert auf einer wahren Begebenheit, doch die aufrüttelnde Sozialstudie ist keines der reißerischen Melodramen, als die „wahre Begebenheiten“ oft adaptiert werden. Die Geschichte will nicht schockieren, sondern wach rütteln. Arnstedt dämonisiert nicht, sondern zeigt auch leise humorvolle und flüchtige zärtliche Augenblicke. Dennoch driftet Die Entbehrlichen nicht in die Sozialmär der „glücklichen Armen“, wie sie bis heute gern weitergereicht wird.

 

„Wenn du aber gar nichts hast, ach, so lasse dich begraben.

Ein Recht zum Leben, Lump, haben nur die, die etwas haben.“

(Heinrich Heine)

 

Niederschmetternd real und zutiefst menschlich, ist Die Entbehrlichen ein spürbar persönliches Werk. Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Andreas Arnsted realisierte es gegen alle Widerstände mit eigenen Geldmitteln. Die ersten Szene zeigt ihn; auf einem fiktiven Parteiplakat, das in Frakturschrift zweideutig „Mehr Rechte“ fordert. „Deutschland braucht euch!“, heißt es darunter. Nur nicht Menschen wie Jacob und seine Eltern. Sie bleiben auch außerhalb der Leinwand Die Entbehrlichen, wie es Jacobs düsteres Fazit beschreibt. Seine Schulfreundin, erzählt er, habe später über ihn schreiben wollen. Die Geschichte interessiere nicht, hieß es: „Unsere Leser brauchen Helden, keine Verlierer“. Dieser Film beweist das Gegenteil.


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