,,Ist doch scheißegal, wie Straße geschrieben wird. Hauptsache ist, dass man weiß, wo es lange geht im Leben." (Silke)
Es stinkt zum Himmel. Erst das Gammelfleisch, für dessen Meldung Jürgen gekündigt wird, dann seine Leiche. Und immerzu die soziale Situation. Wie Jürgens Kollegen mit der überlagerten Ware hantiert der Sozialstaat gern mit seinen Klienten. Einfach umetikettieren. „Arbeitslos“ wird eine „weiterführende Maßnahme“ oder ein 1-Euro-Job. Das schönt die Statistik. Dass ein System mitschuldig am sozialen und menschlichen Niedergang einer Familie sein könnte, wird kategorische ausgeschlossen. Wer seinem Kind keine Klassenfahrt bezahlen könne, müsse etwas falsch gemacht haben, glauben die wohlhabenden Eltern einer Schulfreundin Jacobs.
Auf Jürgens ersterbenden Hilfeschrei hin, tut Jacob genau das Falsche – in der tragischen Logik der Handlung für alle Beteiligten das Beste. Die Entbehrlichen sind per se entbehrlich, diese schmerzliche Wahrheit verheimlicht Arnstedt nicht. Die authentische Handlung, die schauspielerischen Glanzleistung sowie der Mut des Regisseurs, die kontroverse und brandaktuelle Thematik anzupacken erschaffen einen berührende Momente, in denen die Leinwand das echte Leben spiegelt. Dort fand Arnsted die Vorlage für sein selbstverfasstes Drehbuch. Die Entbehrlichen basiert auf einer wahren Begebenheit, doch die aufrüttelnde Sozialstudie ist keines der reißerischen Melodramen, als die „wahre Begebenheiten“ oft adaptiert werden. Die Geschichte will nicht schockieren, sondern wach rütteln. Arnstedt dämonisiert nicht, sondern zeigt auch leise humorvolle und flüchtige zärtliche Augenblicke. Dennoch driftet Die Entbehrlichen nicht in die Sozialmär der „glücklichen Armen“, wie sie bis heute gern weitergereicht wird.
„Wenn du aber gar nichts hast, ach, so lasse dich begraben.
Ein Recht zum Leben, Lump, haben nur die, die etwas haben.“
(Heinrich Heine)
Niederschmetternd real und zutiefst menschlich, ist Die Entbehrlichen ein spürbar persönliches Werk. Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Andreas Arnsted realisierte es gegen alle Widerstände mit eigenen Geldmitteln. Die ersten Szene zeigt ihn; auf einem fiktiven Parteiplakat, das in Frakturschrift zweideutig „Mehr Rechte“ fordert. „Deutschland braucht euch!“, heißt es darunter. Nur nicht Menschen wie Jacob und seine Eltern. Sie bleiben auch außerhalb der Leinwand Die Entbehrlichen, wie es Jacobs düsteres Fazit beschreibt. Seine Schulfreundin, erzählt er, habe später über ihn schreiben wollen. Die Geschichte interessiere nicht, hieß es: „Unsere Leser brauchen Helden, keine Verlierer“. Dieser Film beweist das Gegenteil.
