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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 17:13

Exakt vor 6014 Jahren

23.10.2010

Gott erschafft die Welt

Nach vielen Jahren Forschung und endlosen komplizierten Berechnungen konnte James Ussher endlich seine Ergebnisse publizieren. Der anglikanische Bischof und Vizekanzler des Trinity College in Dublin hatte das Alter der Erde ermittelt: am 23. Oktober 4004 v. Chr. war sie entstanden. Die Welt wird damit heute – folgt man dem irischen Gelehrten – 6014 Jahre alt. Von ANDREAS ALT

 

Ussher (1581 – 1656) stützte sich auf die damals bei weitem wichtigste Quelle aller Wissenschaften, die Bibel, aber auch auf weltliche Geschichtswerke und astronomische Kalender. Dass der Beginn im Oktober lag, war klar, weil die Juden dann traditionell Neujahr feiern, und das ist der Tag der Weltschöpfung. Um aber zu den ersten Schöpfungstagen durchdringen zu können, brauchte er das erste Buch Mose (Genesis) und seine Geschlechtsregister. Darin ist minutiös verzeichnet, wie alt Adam, der erste Mensch, und alle seine Nachkommen wurden und in welchem Alter ihre Söhne zur Welt kamen.

 

Dieser Stammbaum reicht bis zu Israels zweitem König David. Von den folgenden jüdischen Königen wird nur noch ihre Regierungszeit festgehalten, in der sie teilweise Mitregenten ihres jeweiligen Vorgängers waren. Nach dem Ende des Nord- und des Südreichs fehlen bis zur Geburt Jesu jegliche weiteren Informationen. Im Matthäusevangelium findet sich zwar ein weiteres Geschlechtsregister, aber ohne Alters- oder sonstige Zeitangaben. Ussher löste das Problem, indem er profangeschichtliche Daten, etwa der Griechen und Römer, mit heranzog.

 

Sein Ergebnis überzeugte den Gelehrten, da die Geburt Jesu bei Berücksichtigung der Tatsache, dass sie durch einen Datierungsfehler bereits im Jahr 4 v. Chr. angesetzt werden muss, genau 4000 Jahre nach der Erschaffung der Welt stattfand. Ussher war nicht der erste, der das Alter der Erde zu berechnen versuchte, und die Zahl 4000 war in der Wissenschaft bereits in Umlauf. Ebenso glaubten viele, dass die Welt 2000 Jahre nach Christi Geburt untergehen werde.

 

Wer weiß ...

Ussher gilt heute gelinde gesagt als Spinner, aber sein 1650 veröffentlichtes Buch Annales veteris testamenti, a prima mundi origine deducti (Zeittafel des Alten Testaments, abgeleitet von der Entstehung der Welt an) war damals im Einklang mit dem Stand der Wissenschaft. Kaum jemand bezweifelte, dass die Bibel wörtlich wahr sei. Ähnliche Zeittafeln erstellten auch der Astronom Johannes Kepler und der Physiker Sir Isaac Newton. Die von Ussher blieb in Erinnerung, weil sie in die im angelsächsischen Raum sehr verbreitete King James-Bibel aufgenommen wurde. Erst Ende des 19. Jahrhunderts stellte die Theologie fest, die Bibel enthalte vor Abraham keine realen Jahresangaben und beabsichtige nicht, das exakte Datum der Weltschöpfung festzuhalten.

 

Im Streit zwischen Evolutionisten und Kreationisten spielt das aus der Bibel abgeleitete Alter der Erde aber noch immer eine Rolle. Der Baptist Werner Gitt, ehemaliger Direktor der Physikalisch-technischen Bundesanstalt in Braunschweig und damit unter anderem zuständig für die Zeitmessung, schrieb 1989: „Die konsequente Aufzeichnung der Genealogien (in der Bibel) liefert uns den einzigen ermittelbaren und zuverlässigen Zeitrahmen seit der Schöpfung. Selbst wenn man die Stammbaumaufzeichnungen nicht als lückenlos ansieht, kommt man auf ein Erdalter von etlichen Jahrtausenden, keineswegs aber auf die evolutionär angenommenen Jahrmillionen.“

 

Der bekannte Evolutionsbiologe Stephen Jey Gould verteidigt die Arbeit Usshers zumindest als „ehrenwerte Anstrengung für ihre Zeit“. Das heute übliche Hohnlachen darüber sei lediglich Beleg für eine „bedauerliche Kleingeistigkeit auf Grund der missbräuchlichen Anwendung heutiger Kriterien, um eine ferne und andersgeartete Vergangenheit zu beurteilen“. Gould hat damit recht, und die wissenschaftliche Erkenntnis schreitet fort. Wer weiß, vielleicht wird es in einigen hundert Jahren über die heutige Forschung heißen: „Ach ja, man glaubte damals, das Universum sei vor einigen Milliarden Jahren durch einen Urknall entstanden. Die Menschen konnten es nicht besser wissen …“


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