Rekonstruktion gestern und heute
Breiten Raum nehmen Rekonstruktionen der Zeit nach 1945 ein. Viele Gebäude fielen dem Krieg zum Opfer, manche Städte Europas, wie Warschau oder Nürnberg, lagen fast vollkommen in Trümmern. Das war auch die Zeit der großen Debatten für oder wider einem Aufbau getreu dem Vorkriegszustand oder doch der Möglichkeit einer Tabula rasa und eines vollständigen Neubeginns des Städtebaus. Glücklicherweise konnte sich keine der beiden Weltanschauungen, Tradition oder Moderne, als allein seligmachend durchsetzten.
Die Ausstellung vermeidet dabei Pro und Contra einer Rekonstruktion gegeneinander auszuspielen. Sie schlägt sich weder auf die Seite derer, die die vermeintliche „Rekonstruktionswut der Stadt- und Geschichtsverschönerer“ anprangern, noch auf die Seite derer, die exakte Wiederauferstehung von Verlorenem um jeden Preis fordern. Sie überlässt es dem Betrachter zu erkennen, dass die Rekonstruktion der Frauenkirche in Dresden ein ungemein sinnvoller Vorgang war. Vor dem Modell des 2007 wiederaufgebauten Braunschweiger Schlosses erkennt man, wann eine Rekonstruktion zur Maskerade degeneriert. Hinter der Fassade des Schlosses erstreckt sich nun ein Shopping Center. Der rückwärtige Teil des Komplexes entlarvt dabei den wahren Grund dieser so scheinbar großzügigen Wohltat privater Investoren. Die maximale Raumausbeute ausnutzend erstreckt sich hier ein formloser Klotz entlang der Grundstücksgrenzen, der das Schloss schamlos als Eye-Catcher missbraucht.
Im Falle der viel diskutierten und seit Jahren heiß umstrittenen (Teil-)Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses jedoch hätte eine ausführlichere Beschäftigung dem Besucher sicherlich viele Fragen beantworten können. Der Blick in die Geschichte und auf andere Kulturkreise hat aber gezeigt, dass sich, nach dem Abriss des Palasts der Republik die Frage ob das Schloss gebaut werden soll gar nicht mehr stellt. Zu sehr ist der Platz mittlerweile – oder immer noch – mit dem wiederzuerrichtenden Schloss verbunden. So bleiben als einziges Argument gegen eine Rekonstruktion die immensen Baukosten von derzeit geschätzten 550 Millionen Euro. Kann oder soll eine Nation sich das leisten?
Die Ausstellung Geschichte der Rekonstruktion – Konstruktion der Geschichte ist nur noch bis zum 31. Oktober 2010 im Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne zu sehen. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Ausstellungskatalog erschienen (512 Seiten, 45 Euro im Museum; die Buchhandelsausgabe des Prestel Verlags kostet 69 Euro).

