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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 17:17

Maradona wird 50

30.10.2010

Der Erfolgreichste unter den Gescheiterten

Gemessen an seinen Erfolgen, aber vor allem an seinen Skandalen und Eskapaden, scheint die argentinische Fußball-Ikone locker das Doppelte an Lenzen auf dem Buckel zu haben. Seine Vita wäre mit „abwechslungsreich“ wohl allzu euphemistisch beschrieben. Von JOSEF BORDAT

 

In Wirklichkeit ist es die tragische Geschichte eines Menschen, der auf der Suche nach sich selbst immer wieder neue Wege entdeckt, nicht immer die besten. So, wie das bei jedem anderen Menschen auch ist. Nur, dass die Suche Maradonas in den Medien stattfindet. Daran ist Maradona selbst nicht ganz unschuldig, denn er suchte nicht nur seine Identität, sondern immer auch die laufende Kamera. Er inszenierte sich als Argentiniens Idol, hatte seine eigene Show – La noche del Diez, „Die Nacht der Zehn“, in Anspielung auf seine Rückennummer, die mit ihm zur Legende wurde. In der argentinischen Nationalmannschaft wird sie nur noch ungern vergeben, und dann allenfalls an legitime Nachfolger wie Lionel Messi; bei Maradonas Club Boca Juniors gar nicht mehr.

 

Der Mann mit dem Namen eines Modedesigners spielte jahrelang Doppelpass mit dem Schicksal. Junge Argentinier kennen den Spieler und Trainer Maradona nicht aus dem Sportteil, sondern aus „Vermischtes“. Weil eine detaillierte Darstellung Hochschulabschlüsse in Jura, Psychologie und Lateinamerikanistik verlangte, die ich allesamt nicht vorweisen kann, bleibe ich bei den sportlichen Höhepunkten: 1977 wird Maradona mit 16 Jahren Nationalspieler. Nicht auf den Seychellen, sondern in Argentinien, dem Land, das im Jahr darauf Weltmeister werden sollte – ohne den Jungstar. 1982 zeigt sich Maradona noch ziemlich überfordert, wird im Spiel gegen den Erzrivalen Brasilien vom Platz gestellt. Vier Jahre später ist er dann auf dem Zenit seiner sportlichen Karriere angelangt und wird in Mexiko – mit Gottes Hilfe – Weltmeister und infolgedessen mit Ehrungen überhäuft – die wohl bedeutendste: „Weltsportler des Jahres“. 1990 erreicht er immerhin noch einmal ein WM-Endspiel, kann aber keine Akzente mehr setzen. Er verabschiedet sich tränenreich aus Rom, um kurz darauf in die Droge abzustürzen. 1994 nimmt er zum vierten Mal an einer Weltmeisterschaft teil, wird aber nach dem zweiten Spiel wegen Dopings vom Turnier ausgeschlossen. In seinem Heimatverein Boca Juniors findet er schließlich noch einmal die Geborgenheit, die er in seiner Sucht sucht. An seinem 37. Geburtstag beendet Maradona seine Karriere als Fußballprofi.

 

Ein einziges Schicksalsspiel

Nach der aktiven Zeit tut Maradona das, was Fußballstars nach ihrer aktiven Zeit tun: in der Zeitung Kolumnen schreiben, im Fernsehen das Geschehen auf dem Rasen kommentieren. Den Menschen daheim gefiel, wenn er in seiner Sendung über die seit Anfang der 1990er Jahre viel erfolgreicheren Brasilianer herzog, über Romario, Ronaldo und Ronaldinho lästerte. Für viele Argentinier ist „El Diego“ ein Heiliger, für einige sogar mehr. Seine Kirche, die Iglesia Maradoniana, deren etwa 40.000 Anhänger heute „Weihnachten“ feiern, ist zwar im Wesentlichen eine Parodie auf den Medien-Hype um Maradona, doch so ganz aus der Luft gegriffen ist das Phänomen der devoten Verehrung nicht: In Maradona berühren sich die Sphären des südamerikanischen Selbstverständnisses – tiefe Religiosität, fanatische Fußballbegeisterung und ein ausgeprägter Nationalstolz.

 

Die Verehrung seiner Landsleute tut Maradona in dieser Zeit nicht wirklich gut, weil sie ihm zu verstehen gibt, dass es mit ihm so, wie es ist, gut ist. War es aber nicht. Maradona war ein schwerkranker Mann im Wechselbad von Manie und Depression. Zwischen seinen exzentrischen Auftritten geht er einen Leidensweg: Entzug, Rückfall, Entzug, Rückfall. Maradonas Leben ist ein einziges Schicksalsspiel. 2004 merkten selbst die größten Fans, dass etwas mit ihrem Idol nicht stimmt. Maradona wird mit Herzproblemen in eine Klinik eingeliefert, ringt tagelang mit dem Tod. Er scheint sich danach gefangen zu haben. Irgendwie.

 

2006 ist ein gutes Jahr für Maradona. Der Film Maradona – La mano de Dios kommt in die Kinos und bei der WM in Deutschland mimt er an der Seite seiner Tochter den lustigen Schlachtenbummler und präsentiert sich bei abnehmendem Gewicht zunehmend fit. Der argentinische Patient offenbarte ganz ungewohnte Reife, indem er eingestand, dass er drogensüchtig war, ist und immer bleiben wird. Der Fußball, so Maradona, sei für ihn so etwas wie eine Dauertherapie.

 

2008 erhält er zum Geburtstag einen neuen Therapieplatz: die Trainerbank der argentinischen Nationalmannschaft. Im Ansehen der Argentinier steht dieses Amt knapp unter dem des Papstes und weit über dem des Staatspräsidenten. Und die Skepsis war etwa so groß wie der Erwartungsdruck: Drei Viertel der Teilnehmer einer Online-Befragung der argentinischen Zeitung „Clarín“ war „nicht zufrieden“ mit der Wahl des Verbandes. Immerhin schaffte Maradona mit der Albiceleste die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2010, was zum Zeitpunkt der Amtsübernahme alles andere als sicher war. Doch nach der verheerenden 0:4 Niederlage im WM-Viertelfinale gegen Deutschland und massiver Kritik an seinem Führungsstil wurde er am 27. Juli diesen Jahres entlassen. Einige (darunter Bundestrainer Jogi Löw) hatten angemerkt, Maradona setze Superstar Messi nicht adäquat ein, vergeude dessen Talent. Dabei ist nicht allein der „alte Maradona“ dafür verantwortlich, dass der „neue Maradona“ bislang seine überragenden Leistungen aus dem Verein in wichtigen Spielen der Nationalmannschaft nicht bestätigen konnte. Beim FC Barcelona hat Messi mit Xavi und Iniesta zwei Weltklassekollegen, die ihn alle zwei Minuten in aussichtsreiche Position spielen. In der Nationalmannschaft ist Messi allzu oft auf sich allein gestellt.

 

Wer ist der "wahre" Fußballer des Jahrhunderts?

(9)Maradona
(10)Pelé

Superstar, Provokateur, Religionsstifter

Das ist Maradona. Dabei ist Maradona auch nur ein ganz normaler Mensch, der nach Identität sucht und, klar, nach Anerkennung. Ein Mensch, der zum falschen Zeitpunkt über zu viel Geld verfügte und die falschen Freunde hatte. Doch sein spektakuläres Leben hebt ihn aus der Masse heraus. Also: Kein normaler Mensch. Man tut sich schwer mit einer Einordnung. Gerecht werden kann man Maradona vielleicht noch am ehesten, wenn man ihn mit seinen echten Gegnern kontrastiert: den Saubermännern der FIFA-Gesellschaft, die sich von ihm distanzieren, wo sie nur können. Als Maradona im Jahr 2000 eine Internetabstimmung über den besten Fußballspieler des vergangenen Jahrhunderts gewann, setzt die um ihren Ruf fürchtende FIFA kurzerhand eine Jury ein, die Wunschkandidat Pelé durchboxte. Jetzt gibt es zwei „Weltfußballer des Jahrhunderts“: Maradona und Pelé. Und beide haben es verdient.

 

Nein, Maradona ist kein Gentleman wie Pelé. Auch kein Weltmann wie Beckenbauer und kein Sunnyboy wie Klinsmann. Nicht mal ein ehrlicher Malocher wie Dunga. Und wenn man die Eltern der Töchter dieser Welt nach dem idealen Schwiegersohn fragen würde, wäre wohl Löw die Antwort. Oder Jack, the Ripper. Aber keinesfalls Maradona. „El Diego“ ist der Skandal in persona. „Diego Armando Maradona“, so schrieb 1993 Hans Blickensdörfer, „ist, wenn wir’s genau nehmen, sowohl ein Vergötterter als auch ein Verdammter des Spiels.“ So genau sollten wir es nehmen.


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