Vor 150 Jahren wird Abraham Lincoln zum 16. Präsidenten der USA gewählt
06.11.2010
Der Anfang vom Ende
In den Geschichtsbüchern steht, er habe die Sklaverei abgeschafft. Das stimmt. Zumindest auf dem Papier. Tatsächlich markiert seine Amtszeit nicht viel mehr als den Anfang vom Ende der Sklaverei. Aber auch nicht viel weniger. Von JOSEF BORDAT
Es gibt Institutionen der Menschheit, die sind sehr alt. Prostitution etwa, der Krieg oder auch die Sklaverei. Lange, sehr lange, viel zu lange galt Sklaverei als etwas Selbstverständliches, auch und gerade in der vormodernen Demokratie des Athener Stadtstaats unter Solon im sechsten vorchristlichen Jahrhundert. Aristoteles prägte später die Vorstellung, es gäbe Menschen, die als „Sklaven von Natur“ gelten können. Als nicht-vernunftbegabter und damit zu echter produktiver Leistung innerhalb der Gemeinschaft unfähiger Mensch ist der Sklave demnach nicht mehr als ein „beseeltes Werkzeug“ in den Händen seines Herrn. Sklaverei ist damit eine ganz „natürliche“ Sache. Zudem: Irgendjemand muss schließlich arbeiten, während sich die Herren der Philosophie und der Politik widmen.
Diese antike Auffassung blieb gut 2000 Jahre wirkmächtig. Thomas von Aquin bezieht sich auf Aristoteles, wenn er zu bedenken gibt, dass die Natur bisweilen Menschen hervorbringe, die aufgrund ihrer „geistigen Unterlegenheit“ und ihres „robusten Körpers“ für das Sklavendasein prädestiniert seien. Unter anderem darauf stützte sich die Versklavung der indigenen Bevölkerung des 1492 entdeckten und in den folgenden Jahrzehnten eroberten Amerika. Dort gab es plötzlich ganze „Sklavenvölker von Natur“, was Bartolomé de Las Casas veranlasste, die Frage aufzuwerfen, ob Gott wohl bei der Schöpfung ein systematischer Fehler unterlaufen sei, wenn ganze Völker nur aus „Dummen“ bestünden! Mit der Aufklärung ist der Spuk keineswegs vorbei.
Zunächst sich selbst befreien
Noch David Hume behauptet, dass alle Nationen, die jenseits der Polarkreise oder zwischen den Wendekreisen leben, im Vergleich zum übrigen Menschengeschlecht minderwertig seien. Der Vater der Gewaltenteilung (und damit der modernen Demokratie) Charles de Montesquieu stellt fest, dass das Klima und die Art der Bodenbeschaffenheit in den tropischen Gefilden zwangsläufig zur Herausbildung von Sklavennaturen hatte führen müssen. Und Immanuel Kants Urteil über die „Negers von Afrika“ klingt auch nicht besonders aufgeklärt: „Sie haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege.“ Die perverse Logik europäischer Geistesgeschichte: Wenn Sklaverei „natürlich“ ist – was kann man dann schon daran ändern? Richtig: Nichts!
Erst im 19. Jahrhundert erfolgt ein Umdenken in der Sklavenfrage. Es ist nicht nur, aber auch das Werk eines Mannes: Abraham Lincoln. Das formelle Ende der Sklaverei bahnte sich schon zwei Jahre vor seiner Geburt an: 1807 beschloss das britische Unterhaus ein Gesetz zum Verbot der Sklaverei, den so genannten „Abolition-act of slavery“. Lincoln, am 12. Februar 1809 in ärmliche Verhältnisse hinein geboren, musste zunächst sich selbst befreien, insbesondere vom Anspruch seines Vaters, Abraham möge doch die Farm der Familie übernehmen. Doch Abraham wurde Jurist, um dann politisch Karriere zu machen. 1846 wird er Kongressabgeordneter, 1861 Präsident. Seine Amtszeit dauerte bis 1865 – am 14. April (Karfreitag) wurde Lincoln Opfer eines Attentats. Die vier Jahre als US-Präsident sind mit dem Sezessionskrieg verbunden, der im Ergebnis zur rechtlichen Abschaffung der Sklaverei führte und die Vereinigten Staaten vom Agrarland zur zentral verwalteten modernen Industrienation reformierte. Ohne diesen Schritt hätten die USA im 20. Jahrhundert nicht zur Weltmacht aufsteigen können.
Uneingeschränkte Verfügungsgewalt
Die Abschaffung der Sklaverei ist angesichts der langen Geschichte ihrer Rechtfertigung ein besonderer Erfolg, der in den USA sehr umstritten war. Nicht nur, dass viele Farmer in den ländlichen Regionen der Südstaaten meinten, auf Sklaven „angewiesen“ zu sein (Wir erinnern uns: „Irgendjemand muss ja schließlich arbeiten!“), auch der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten verkündete noch 1857 in einer Grundsatzentscheidung, dass jede Beschränkung und jedes Verbot der Sklavenhaltung durch den Kongress verfassungswidrig sei, da die Sklavenhalter damit ohne ordentliches Gerichtsverfahren enteignet würden. Die ehemalige Kolonie fiel damit weit hinter das progressive Mutterland Großbritannien zurück.
Es zeigt sich daran auch, wie sich die bewusste Fehlinterpretation des Begriffs „Eigentum“ in dramatischer Weise auf die Sklavenhaltergesellschaft der jungen USA ausgewirkt hat. Der englische Philosoph John Locke, von dem die Trias „life, liberty, property“ stammt, die als „life, liberty, pursuit of happiness“ Eingang in Thomas Jeffersons Declaration of Independence von 1776 fand, hatte mit „property“ zunächst und vor allem das Eigentum am eigenen Körper gemeint. Die uneingeschränkte Verfügungsgewalt des Menschen über seinen Körper liegt ausschließlich beim betreffenden Menschen selbst. Dies stellt nicht mehr und nicht weniger als eine Verstärkung der beiden ersten Menschenrechte dar, des Rechts auf „Leben“ und des Rechts auf „Freiheit“. Daraus wurde im Zuge des fortschreitenden Kapitalismus nach und nach ein Vorrang des Eigentums an einer Sache vor dem Interesse des Menschen. Dies zeigt sich in der Urteilsbegründung des Obersten Gerichtshofs deutlich.
Lincolns Vermächtnis
Lincoln gebührt das große Verdienst, ein Zeichen gesetzt zu haben, das wieder in die Richtung der ursprünglichen Bedeutung von „Eigentum“ bei Locke verweist, auch wenn sich de facto an der Lage der Schwarzen auch in den nächsten 100 Jahren nicht viel ändern sollte. Versklaven kann man Menschen nämlich nicht nur auf Baumwollplantagen, sondern auch in Autofabriken. Und auch heute gibt es Menschen, die kein Eigentum, keine uneingeschränkte Verfügungsgewalt über ihren eigenen Körper haben, weil er anderen Menschen dazu dienen muss, deren Sach-Eigentum zu mehren. Minderjährige Minenarbeiter in Lateinamerika, Näherinnen in Süd-Ost-Asien, Zwangsprostituierte aus Osteuropa und Nachwuchs-Kicker aus Afrika müssen – freilich in unterschiedlichem Grad – als Sklaven der Gegenwart angesehen werden. Sie alle leben immer noch in einem System, das von der perversen Logik der Antike, von der verqueren Sicht des Urteils von 1857 geformt wird, trotz vielfältiger anders lautender Beteuerungen auf höchster völkerrechtlicher Ebene. Abraham Lincoln machte den Anfang. Und formal, also: juristisch, ist die Sklaverei längst überall abgeschafft. Kein Mensch, der sie nicht ächten würde. Doch das Vermächtnis Lincolns lautet, am tatsächlichen Ende der Sklaverei weiter unermüdlich mitzuwirken. Dazu braucht man nicht US-Präsident zu sein. Das kann jeder. Das Ende der Sklaverei beginnt im Alltag – im Café, im Supermarkt, im Sportgeschäft. Es beginnt damit, dass man sich die Frage stellt: „Wer muss eigentlich unter welchen Bedingungen für mich arbeiten?“


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