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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 17:22

Endstation der Sehnsüchte (DVD)

23.03.2012

Am Ende kommen Touristen

Mit Endstation der Sehnsüchte, einem Dokumentarfilm über ein deutsches Dorf in Südkorea, drehte Regisseurin Sung-Hyong Cho drei Jahre nach ihrem Überraschungshit Full Metal Village erneut einen Heimatfilm der etwas anderen Art, der nun auf DVD vorliegt. Von FALK STRAUB

 

Das Thema Heimat scheint Sung-Hyong Cho nicht loszulassen. Vor vier Jahren ging die Regisseurin dem Begriff auf Europas größtem Heavy-Metal-Festival in der norddeutschen Provinz auf den Grund. Für ihren jüngsten Film begibt sie sich in ihrem Geburtsland auf Spurensuche. In Endstation der Sehnsüchte begleitet Cho drei Gastarbeiterinnen, die nach über 30 Jahren gemeinsam mit ihren deutschen Ehemännern nach Südkorea zurückgekehrt sind. Was für die einen eine Heimkehr bedeutet, stellt für die anderen einen Aufbruch ins Ungewisse dar.

 

Clash of Cultures

Die neue Heimat der Paare heißt Dogil Maeul. Der kleine Ort auf der Insel Namhae, dessen Name „deutsches Dorf“ bedeutet, wurde eigens für die Rückkehrer errichtet. Um der Landflucht der jungen Bevölkerung entgegenzuwirken, ließ der Lokalpolitiker Kim Du Kwan die Siedlung in deutschem Stil aus dem Boden stampfen. Ehemalige Gastarbeiter, die seit den 1960er Jahren in Deutschland im Bergbau und in der Krankenpflege tätig waren, sollten durch den Altersruhesitz zurück nach Südkorea gelockt werden. Seit 2003 gibt es vor der Südküste Koreas nun also ein Dorf, in dem sich Gartenzwerge in den ordentlich getrimmten Vorgärten tummeln.

 

Der Clash of Cultures ist vorprogrammiert. Sung-Hyung Cho zeigt die deutschen Ehemänner, wie sie im täglichen Leben mit der ihnen unbekannten Kultur ringen. Aus diesem Zusammenprall zieht der Film stetig seine Pointen. Jeder der drei Männer hat dabei seine ganz eigenen Strategien, mit dem Fremden zurechtzukommen. Während der eine sich ein Stück Heimat durch die deutsche Esskultur bewahrt, versuchen die anderen – teils mürrisch, teils aufgeschlossen – sich den koreanischen Traditionen anzunähern. In einer Hinsicht gleichen sich allerdings alle drei: Die deutsche Gründlichkeit vermissend nörgeln sie auf hohem Niveau.

 

Grantige, alte Langnasen

Gleich zu Beginn des Films sieht man Armin Theis bei der Arbeit. Der Mainzer Bauunternehmer dichtet das Dach seines Hauses ab. Zwar wurde dies bereits von einheimischen Fachkräften erledigt, das Ergebnis konnte den anspruchsvollen Rheinhessen aber nicht zu hundert Prozent zufriedenstellen. Dass es in Dogil Maeul das ganze Jahr über so gut wie nie regnet, ist ihm egal. Es gehe schließlich ums Prinzip! Sagt's und preist munter seine Betonmischmaschine aus Deutschland. Seine Frau Young-Sook hat dafür vollstes Verständnis. „Ich bin in Korea geboren, aber meine Denkweise ist deutsch“, springt sie ihrem Mann zur Seite.

 

Auch Ludwig Strauss-Kim hat so seine Probleme mit der fremden Kultur. Der von den einheimischen Kindern als „Langnasen-Opa“ verspottete Ludwig ist mit seiner Geduld schnell am Ende. An der Unpünktlichkeit der Koreaner lässt er kein gutes Haar. Immer wieder setzt die Regisseurin den alten Grantler bei Tätigkeiten ins Bild, die er offensichtlich nur seiner Frau Woo-Za zuliebe tut. Wenn die beiden beispielsweise für einen Saunabesuch in die Stadt fahren und der 76-Jährige zunächst mit dem hektischen Verkehr und anschließend mit der Hitze des Heißluftbads komplett überfordert ist, kann sich der Zuschauer das Schmunzeln nicht verkneifen.

 

Zwischen Humor und Melancholie

Einzig der dritte im Bunde, der Frankfurter Willi Engelfried, scheint angekommen. Eine Tatsache, die umso erstaunlicher ist, als dass sie uns Endstation der Sehnsüchte zunächst vorenthält. Zu Beginn des Dokumentarfilms fängt die Kamera den schweigsamen Hessen häufig ein, wie er mit seinen Hunden alleine die Gegend erkundet oder stumm, beinahe teilnahmslos neben seiner Frau und deren Freundinnen sitzt. Im Vergleich zu Armin und Ludwig wirkt Willi am schlechtesten integriert. Mit fortlaufender Dauer wandelt sich dieses Bild jedoch.

 

In einem gemächlichen Erzähltempo erschließt sich dem Zuschauer, dass Willi der einzige ist, der sich ins Gemeindeleben einzufügen gedenkt. Wenn er bei diesem Versuch allein unter Frauen in koreanischer Tracht an einem Tanzwettbewerb teilnimmt, ist dies nicht nur skurril, sondern zutiefst komisch. Endstation der Sehnsüchte hat aber auch seine bedrückenden Momente. Ganz behutsam erfährt der Zuschauer, dass jede der Frauen ihren (zukünftigen) Mann, zwei von ihnen gar ihre Kinder in Korea zurücklassen mussten. Die Rückkehr in ihre alte Heimat lässt die drei in Erinnerungen schwelgen. Auf diese Weise wandelt die Dokumentation stets auf einem schmalen Grat zwischen skurrilem Humor und Melancholie.

 

Genug geredet

Sung-Hyung Cho inszeniert das Geschehen mit einer atemberaubenden Gelassenheit. Ganz im Stile des Direct Cinema verzichtet sie auf einen Kommentar aus dem Off und unnötige Texttafeln. Erst ganz zum Schluss werden die Namen der Protagonisten zum ersten Mal eingeblendet. Zuvor muss sie sich der Zuschauer direkt aus den Dialogen erschließen. Dass die Bilder auch ohne erläuternden Kommentar funktionieren, sagt viel über kulturelle Codes. Gleich zu Beginn des Films erkennt der Betrachter, dass an der ihm gezeigten Kadrierung etwas nicht stimmt. So sehen die Häuser, die uns Cho präsentiert zwar wie deutsche Häuser aus, doch verwirrt die Vegetation, in der sie anzutreffen sind.

 

Dass das Dorf wiederum auf die Koreaner anziehend wirkt, erklärt sich von selbst. Sung-Hyung Cho schneidet hier lediglich von Zeit zu Zeit Einstellungen von Touristen zwischen die Handlung. Sind es zu Beginn nur vereinzelte Südkoreaner auf der Suche nach einem Schnappschuss, schlängeln sich gegen Ende ganze Blechlawinen durch Dogil Maeul. Es sind diese kleinen, dezenten Momente, die Endstation der Sehnsüchte zu einem großartigen Dokumentarfilm machen. Eine bessere Aufnahme für das Aufeinandertreffen zweier Kulturen hätte Sung-Hyung Cho nicht finden können: Am Ende kommen Touristen – ein Bild, das etwas Komisches und Trauriges zugleich verströmt.


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