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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 17:22

ORLY - ab heute im Kino!

04.11.2010

Im Dazwischen fein

Es geht um Beziehungen in einem Raum. Genauer gesagt, es geht um verschiedene Beziehungen zwischen unterschiedlichen Personen in einem großen Raum. ORLY beobachtet acht Menschen und deren Interaktionen und Abhängigkeiten, während sie am Pariser Flughafen Orly auf ihre Flüge warten. Das mag sich für manchen langweilig anhören, Langeweile aber lässt Angela Schanelec nicht aufkommen. Die Regisseurin, die man zur Gruppe der Berliner-Schule zählt, hat mit ihrem aktuellen Kinofilm etwas ganz Wunderbares geschaffen. Von MAXIMILIAN REISS

 

Transiträume, also Orte, an denen sich Menschen nur zur Durchreise aufhalten, waren und sind bei Filmemachern schon immer beliebt. Taxis, Hotels, Bahnhöfe und Flughäfen sind solche Orte. Und Schanelec nimmt einen solchen Ort, der sie fasziniert hat, nämlich den Flughafen Orly, baut nichts im Studio nach, verwendet kaum Komparsen, sondern setzt ihre Schauspieler und deren Geschichten einfach mitten in den aktiven, lebenden und eigenständigen Organismus des Flughafens. Wie mit einem Mikroskop lässt sie uns dann kleine Stücke des Ganzen beobachten.

 

Durch die Tiefenschärfe werden diese Stücke markiert und stechen so aus der sie umgebenden Welt heraus, ohne sich aber von ihr zu trennen. Die Menschen um die Schauspieler herum kreuzen das Bild, erscheinen und verschwinden wieder aus dem Schärfebereich, füllen das Bild und geben es wieder frei. Dabei bleiben sie immer echt, bleiben immer sie selbst. In vielen Filmen zerstören staksige, aufgeregte oder lustlose Komparsen eine Szene. Hier gibt es keine Komparsen. Die Dreharbeiten fanden bei alltäglichem Flughafenbetrieb statt. So passiert es auch in manchen Momenten, dass die Aufmerksamkeit von den Schauspielern abweicht und man sich für bestimmte Zeit seine eigenen Protagonisten aus dem Meer der Masse herausfischt.

 

Leeren

Aber nicht nur die Kamera, auch der Ton holt uns die eigentlichen Geschichten, die Dialoge, ganz dicht heran. Die Worte klingen ganz nah, auch wenn ihre Erzeuger bildlich entfernt bleiben. Es ist, als würde einem die Fähigkeit geschenkt, die man sich so oft wünscht, wenn in einem das Interesse an Fremden geweckt wurde, man ihnen mit den Augen und den Ohren aber nicht folgen kann, oder sich das Objekt der Begierde in der Menge verliert. In ORLY ist es ein junger Deutscher, der durch einen kurzen Blick an einer faszinierenden Fremden hängen bleibt, kurz mit den Augen und noch eine Weile länger mit seinen Gedanken. Wie die Schärfenebene des Bildes suggeriert, vergisst er alles andere im Raum, fokussiert sich nur auf diese eine Frau. Sogar die Freundin, mit der er gerade reist, wird zeitweilig vergessen. Sicherlich kann man den Dialogen eine gewisse Gewolltheit unterstellen, aber seien wir doch in dieser Zeit der Schnelligkeit dankbar für Worte, über die sich jemand etwas länger Gedanken gemacht hat.

 

Neben dem Wort ist für Angela Schanelec der Raum besonders wichtig. Das Verhalten der Menschen hängt mit dem sie umgebenden Raum zusammen, und ein Raum verändert sich, wenn Menschen ihn betreten und beleben. ORLY beginnt mit einer menschlichen Leere und endet mit einer räumlichen. Dazwischen ist ein feiner Film, der keine großen Aktionen braucht. Ein Film der keine Superhelden zeigt, sondern dem Zuschauer Superkräfte verleiht.


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