Kunibert Bering: Richard Serra / Skulptur - Zeichnung - Film
11.11.2010
Eine neue Topologie des Plastischen
Richard Serra ist zweifelsohne einer der stursten zeitgenössischen Künstler: Seit bald 50 Jahren verfolgt er eine Serie von bildhauerisch-gestalterischen Fragen, denen er immer neue Werkgruppen – und neue Antworten – abgewinnt. Das Buch über Serra, das Kunibert Bering, Inhaber eines Lehrstuhls für die Didaktik der Bildenden Künste an der Düsseldorfer Kunstakademie, bereits 1998 vorgelegt hatte, wurde nun grundlegend überarbeitet und ist um die letzten zehn Schaffensjahre von Richard Serra erweitert im Kunstprogramm des Athena Verlags erschienen. Von AXEL DIELMANN
Zunächst ist es eine Qualität dieses Bandes, dass er die eminente Bandbreite der Serraschen Techniken und Arbeiten vorführt. Etwas plakativ schiebt Bering die künstlerischen Felder Zeichnung und Film – im Untertitel des Buches – neben die wuchtigen Stahl-Plastiken, für die Serra weltweit bekannt ist und prominent gehandelt wird. Das mag legitime editorische Werbung für das Buch sein, spannend jedoch ist daran, dass Bering peu á peu einen weit formenreicheren Künstler entdecken lässt, als irgendwelche Genres es beschreiben könnten. Allein die Vielfalt der Berührungsflächen zu anderen Künstlern und Kunstrichtungen, die Serra selbst wohl eher als Grenzflächen und Abgrenzungen sähe, lässt eine faszinierende Künstlerpersönlichkeit hervortreten: Die Referenzen bis Konkurrenzen reichen von Robert Smithson als Stahlplastiker über Robert Morris und die Minimal Art, Richard Long und die Land Art bis hin zu Jackson Pollock und dem Action Painting sowie dem zeitgenössischen Umgang mit dem objet trouvé in Gestalt von Industriematerial und Massenartikeln.
Vielleicht könnte man vorsichtig sagen: Kunibert Bering bildet, der alten und überholten Kandinskyschen Staffelung gegenübertretend, eine neue Topologie des Plastischen: Zeichnung werde, könnte man sagen, bei Serra als Umgang mit Linie auf Fläche, Architektur als Formulierung von Fläche in Raumperspektiven / Raumsegmenten, Plastik als Umgang mit Raumelementen, Energie und Masse in Räumen und im Raum verständlich bzw. eingefordert.
Steigernde Wucht und eigentliche Schönheit
»Das Erhitzen von Wachskreide und ihr anschließendes Zerfließen und Erstarren in Serras Technik der drawings muss ebenfalls unter diesem Aspekt betrachtet werden, ähnlich dem Operieren mit geschmolzenem Blei in frühen Arbeiten. Die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Entropie muss bei der Betrachtung der Werke Serras offenbar eine bisher unbeachtete Schlüsselfunktion erhalten, weil er das Modell für Serras Zeitverständnis als Strukturelement seiner Skulpturen bietet.« (S. 235/236) – Wie hier formuliert Bering Grundbegriffe oder wendet basale Begriffsbildungen auf die Plastik von Richard Serra an.
Eindrücklicher als ein Kunstband es durch bloße chronologische Abbildungsfolgen vermocht hätte, leitet Bering die sich steigernde Wucht der Plastiken her: Ein Bildband würde auf die zunehmende Größe, vermutlich auf eine sich entfaltende Monumentalität der Plastiken Serras abheben. Das umgeht die vorliegende Arbeit, indem sie die Evolution von plastischen Fragestellungen bei Serra textlich verfolgt und die Herausbildung von zunehmend komplexer werdenden Raumkonzepten des Künstlers in den Fokus rückt.
Die eigentliche Schönheit erhält das Buch durch die nach und nach sichtbar werdenden Konzeptionen und die Tragweite von Serras Ästhetik. Was im Genus des bestimmten Artikels etwas gestelzt »das Site Specifity« genannt wird, entpuppt sich als eine Betrachtungsart und eine künstlerische Verhaltensform, die mächtige Konsequenzen hat: Richard Serra wird verständlich in seinem Versuch, das alte Prinzip der Peripathetik in eine zeitgemäße, umfassende Form, in der Welt unterwegs zu sein, zu bringen.
Kopfbegehungen
Wo man beim Lesen gelegentlich zurückgeworfen wird auf die Vermutung, dieser Serra habe einfach narzisstisch übersteigerte Lust, seine Objekte sperrig in die Weltgeschichte und ihre Blickachsen zu stellen, da entdeckt Bering doch immer wieder einen verblüffenden neuen künstlerischen Aspekt.
Stets bindet Bering die Serraschen Experimente mit Materialien und Ausdrucksmitteln in die Plastik zurück, dabei so stur argumentierend und ausholend wie sein Künstler selbst. Geglückt ist die Bebilderung auch in dieser Hinsicht: Sie ist ganz in der Tradition einer guten Dissertation oder Habilitationsschrift gestaltet – nämlich zurückhaltend und zu klein, um herkömmlichen Kunstgenuss freizusetzen. Aber eben dies ist eine starke Qualität dieser Arbeit. Im Text und im neugierigen Verfolgen der zu entdeckenden Grundideen dienen die Abbildungen lediglich als kurze Rückversicherung des Gelesenen, als knappe Illustration des Ausgeführten– es geht nicht um Betrachtung, und kann darum gar nicht gehen, wenn man das von Bering minutiös ausgeführte Moment der notwendigen Begehung in und um Serras Kunst ernst nimmt. Die Beringschen Begehungen finden im Kopf des Lesers statt, werden nicht heruntergebrochen auf ein wahlloses Bilder-Durchblättern. Die teils winzigen Schwarz-Weiß-Fotos lassen im Kopf und aus dem Text heraus viel mehr sehen, als doppelseitige Farbpanoramen je bieten könnten. Auch dies ist eine hohe Qualität dieser Edition, basierend auf einer alten Tugend der kunsttheoretischen Publizistik. – Ein lesenswertes Buch.


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