My Winnipeg - ab heute im Kino!
11.11.2010
Die Beständigkeit der Erinnerung
"Schlammiges Wasser" bedeutet Winnipeg in der Sprache der kanadischen Ureinwohner Cree. Guy Maddin gräbt in seinem neuen Kinoexperiment im Urschlamm der Erinnerung. In Stadtgeschichte, Familiengeschichte und Filmgeschichte taucht seine Imagination in My Winnipeg, bis die Ströme von Bewusstsein und Unterbewusstsein verschmelzen, um in einer gewaltigen Phantasmagorie zu münden. Von LIDA BACH
Nicht irgendein Winnipeg. "My Winnipeg, my Winnipeg, my Winnipeg!“ nennt Maddin die größte Stadt der kanadischen Provinz Manitoba, wo er 1956 geboren wurde. Im tiefsten Niemandsland der Seele liegt der kälteste Ort der Welt, Synonym für Verlorenheit, Einsamkeit, Geborgenheit, (un-)heimliches home sweet home. Die Phantasmagorie der Stadt, in welcher der kanadische Filmvisionär geboren wurde, ersteht als Filmoper. Der Regisseur selbst spricht den von einem Wirbel aus Dialogstücken, Musik und Geräuschfetzen begleiteten Hintergrundkommentar. Doku-Fiktion nennt Maddin seine schauerlich-schöne Wunderkammer voller restaurierter Archivaufnahmen, Privatdokumente, Spielszenen und Out-Takes, verbunden mit den Mitteln des frühen Kinos.
Winnipeg bleiche Mutter
Maddins Werk wird beherrscht von Übermüttern, deren Liebe so gewaltig ist, dass sie erschreckt. Schon Maddins Debüt, die Tales from the Gimli Hospital, erzählt eine Mutter, während die um ihr Bett versammelten Kinder den grimmigen grimm´schen Horror-Hausmärchen andächtig lauschen. Mit dem gleichen faszinierenden Schrecken fesselt das flackernden Bildermeer auf der Leinwand. Die monströse Mutter verkörpert darin eine Noir-Ikone, die ihre Wildheit im Namen trägt: Ann Savage, die unter anderem für Edgar G. Ulmer vor der Kamera stand. Um Jahrzehnte war Savage damals mit ihrer Darstellung der fatalsten aller femmes ihrer Zeit voraus. Die perfekte Akteurin für den avantgardistischen Nostalgiker Maddin.
Detour heißt Ulmers Werk, in dem Savage ihren Durchbruch erlebte. Auf die Leinwand zurück kehrt sie in Maddins eigener exzentrischer Detour nach My Winnipeg. Auf der Reise in seine Heimatstadt erinnert sich ein Jugendlicher namens Guy Maddin in einem ratternden Zugabteil an seine Kindheit. In Winnipeg, wo die Temperaturen das halbe Jahr unter Null liegen. „Cold Enchantment“, strahlt einer der Zwischentitel, die My Winnipeg an einen Stummfilm erinnern lassen. Weißes Winterwunderland Winnipeg, in dem ein Brand elf Rennpferde in den See treibt, der augenblicklich zufriert. Nur die Pferdeköpfe starren aus dem Eis. „Wie elf Springer auf einem weißen Schachbrett“.
,,Wir gewöhnen uns an die Trauer, die alltäglicher Teil unseres Lebens ist." (Guy Maddin)
Hätten die Winnipegger ihre eigene Schönheitskönigin, weiß Maddin, wäre sie kein gewöhnliches Mädchen, sondern „Citizen Girl“. Citizen Girl würde die alte Sportarena wiedereröffnen, in der Maddin geboren wurde, auf deren Eishockeyfeld sein Vater leider nicht explodierte, sondern stattdessen in einer in einer Rauchwolke verpuffte, daheim, wo Maddins Mutter, seine Schwester, der lange, lange tote Hund und er „auf Couchen lagen, auf Couchen lagen“. Und die einzige in Winnipeg produzierte Fernsehserie Ledge Man guckten, über einen unentschlossenen Selbstmörder, dessen Mutter Maddins Mutter spielte ... Auf alten Fotos treten die Hintergründe langsam in den Vordergrund, während die Menschen davor verblassen, erzählt Maddin. Menschen werden zu Geistern und wie kann man leben ohne seine Geister? „Was ist eine Stadt ohne ihre Geister? Unbekannt, unbekannt!“
„Chunk of home“ nennt Maddin My Winnipeg. Einen Klotz Heim, Klotz am Bein, aus dem gleichen Holz geschnitzt wie er, Chip of the old block. Bis seine von Liebe und Sehnsucht erfüllte Stimme im Rhythmus der Zugräder geht: „White. Block. House.“. Wenn man Zug fährt, müsse man acht geben nicht die falsche Linie zu nehmen. Oder man ende in einer Endlosschleife. Einer Detour zu „alten verträumten Adressen, Traumadressen“. In My Winnipeg, manischer, magischer, purer Filmkunst, wie sie nur ein halb wahnsinniger Kino-Caligari wie Guy Maddin vollbringen kann.
Nachtrag: My Winnipeg wurde Ann Savages letzter Film. 2008 verstarb die Schauspielerin im Alter von 87 Jahren. Es war der erste Weihnachtsfeiertag. In Winnipeg war es der kälteste erste Weihnachtsfeiertag seit 87 Jahren ...


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