Vom Modellfall der Zerstörung zum transnationalen Gedenkort
Fast alle europäischen Länder besitzen geformte oder gewachsene Stätten der Erinnerung an die Verheerungen des Luftkrieges. Überregionale Bedeutung erlangte die mittelenglische Industriestadt Coventry – sie entwickelte sich zu einem europäischen Zentrum des Gedenkens.
Coventry verbrannte in der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940. Von den rund 328.000 Einwohnern starben 568. Auch wenn die Stadt danach noch mehrfach angegriffen wurde und sich die Zahl der Todesopfer fast verzehnfachte, fand nur der erste Angriff Eingang in die kollektive Erinnerung und löste weltweite Bestürzung aus. Dies war einer der Gründe für die deutsche Berichterstattung – Propagandaminister Goebbels erfand das Wort „coventrieren“, das als „to coventrate“ auch in den englischen Sprachraum Einzug hielt – den Angriff nach anfänglich überschwänglicher Euphorie später nicht weiter politisch auszuschlachten.
Die deutsche Luftwaffe setze in Coventry auf das Mittel des Flächenbombardements mit brandsetzender Munition. Militärstrategen aller kriegsführenden Parteien wussten bereits vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, dass man eine Großstadt nicht alleine mit Sprengstoff vernichten kann. Umfangreiche Bombentests führten zu einer Angriffsstrategie, die im weiteren Verlauf des Krieges vor allem auf alliierter Seite perfektioniert wurde, deren Luftstreitkräfte im Gegensatz zur taktisch geprägten deutschen Luftwaffe eine stärker strategische Ausrichtung besaßen.
Das Mischungsverhältnis von Spreng- und Brandbomben sowie der zeitlich verzögerte Abwurf und die fächerförmige Aufteilung in Angriffssektoren verhinderten wirksam die Abwehr- und Löschmaßnahmen in den angegriffenen Städten. Wie effektiv diese Methode war, demonstrierte der Angriff auf Coventry, der die Stadt als ausgebranntes Ruinenfeld zurückließ. Die Idee der flächenmäßigen Zerstörung verfolgte mehrere Ziele – zum einen die Zerstörung der Rüstungsbetriebe und die Dezimierung der in den Städten wohnenden Arbeiterschaft, darüber hinaus sollte die Moral der Einwohner und der Soldaten geschwächt werden. Durch die Angriffe sollten sie erkennen, dass die militärische Führung nicht in der Lage war, die Heimat zu schützen.
Diese Ziele wurden jedoch nur teilweise erreicht: Vor allem die Moral der Zivilbevölkerung blieb in der Regel stabil: Wer Familienangehörige sowie Hab und Gut verloren hatte, neigte vielleicht zur Resignation, nicht jedoch zur Auflehnung gegen die Regierung, die für Luftkriegsopfer in der Regel schnelle staatliche Fürsorge anbot. Die Bewohner Coventrys blieben, zum Erstaunen der deutschen Öffentlichkeit, „hart im Nehmen“ – und setzen früh auf Versöhnung: In seiner Weihnachtsansprache von 1940, die im Radio übertragen wurde, predigte der Propst der zerstörten St.-Michael-Kathedrale, Richard Howard, Versöhnung mit dem Kriegsgegner und sprach sich gegen Rachegedanken aus. Lediglich 15% der Einwohner Coventrys wünschten sich Vergeltungsangriffe auf deutsche Zivilbevölkerung – im Gegensatz zu 76% der Einwohner von nicht bombardierten ländlichen Gebieten.
Naturgemäß konnte die Versöhnung erst nach dem Kriege stattfinden, Anstoß dazu gab unter anderem der Neubau der Kathedrale, der 1962 abgeschlossen wurde und – ebenso wie die Zerstörung – überregionale Beachtung fand: Spendengelder aus aller Welt trafen in Coventry ein, Konrad Adenauer übergab in London einen Scheck in Höhe von 50.000 Mark, Partnerstädte stifteten symbolisch Ziegelsteine für den Wiederaufbau. Ein Nagelkreuz, geformt aus drei in den Ruinen der Kirche gefundenen Zimmermannsnägeln, wurde zum Symbol der Versöhnung: Als moderne Reliquie wurde es als Zeichen der Versöhnung in andere Städte gesandt, Kopien dieses Kreuzes befinden sich heute beispielsweise in Berlin, Dresden und Würzburg in der Obhut ökumenischer Nagelkreuz-Glaubensgemeinden.
Auch wenn sich der europäische Austausch mit dem zeitlichen Abstand zum Krieg verringerte, so ist Coventry noch heute die Stadt mit den meisten Städtepartnerschaften Europas. Darunter befinden sich zahlreiche Städte, die im Luftkrieg ebenfalls schwer getroffen wurden, wie Dresden, Kiel und Warschau. Überraschend ist die Tatsache, dass einige Versöhnungsaktionen zwischen den Städten Coventry und Dresden in den 1960er Jahren auf die Initiative des späteren Holocaust-Leugners David Irving zurückzuführen sind. Diese Aktionen fanden vor einem angespannten politischen Hintergrund statt, England und die DDR pflegten keine diplomatischen Beziehungen und die oft religiös motivierten Aktionen wurden vom kirchenfeindlichen Regime der DDR teilweise zu innenpolitischen Propagandazwecken missbraucht.