Ennis/McCrea/Robertson: The Boys: Herogasm
13.01.2011
Gipfeltreffen der Zipfelrecken
The Boys are back – auch wenn sie in Herogasm, einem Spin-Off von Garth Ennings tabuloser Superhelden-Demontage, nur am Rande auftreten. CHRISTIAN NEUBERT hat sie nicht vermisst. Dafür sonst so einiges ...
In einer Welt, in der Superhelden nicht nur für Recht und Ordnung, sondern nicht selten auch für Unrecht und Unordnung sorgen, braucht es ein schlagkräftiges Team, um die in Lack und Leder gehüllten Wunderknaben in die Schranken zu weisen und hin und wieder an ihre Vorbildfunktion zu erinnern. Diesen dreckigen Job übernehmen The Boys, ein vom CIA finanziertes Helden-Abriss-Kommando, das bei der Ausübung seiner Arbeit mit ähnlich fragwürdigen Methoden wie seine Gegner vorgeht. Die schlagkräftige Truppe um Billy Butcher - der übrigens auch eine Frau angehört, die liebevoll als »das Weibchen« bezeichnet wird - bildet auf diese Weise so etwas wie den amoralischen Gegenentwurf des sterilen A-Teams.
In Herogasm, einem Spin-Off der Reihe, ist eine alljährlich stattfindende Bedrohung durch eine außerirdische Macht dafür verantwortlich, dass sich alle Superhelden zusammenschließen, um gemeinsam mit geballter Superpower den Schrecken abzuwenden. Doch die Gefahr von Außen ist nur fingiert – die Helden in Strumpfhosen haben sich die bevorstehende Invasion nur ausgedacht, um mal so richtig auf die Kacke zu hauen: Sie feiern Herogasm, eine mehrtägige Orgie auf einer Südseeinsel voller Koks und Nutten.
Herrengedeck aus Sex und Gewalt
Das klingt natürlich nach einem Heidenspaß. Und das ist es anfangs auch. Auf längere Sicht nutzt sich der zugedröhnte Super-Gangbang allerdings recht schnell ab. Zwischen die sexuellen Eskapaden wurde zwar eine Handlung eingebaut, die irgendwie das Auftreten der Boys rechtfertigen soll, aber die in der eigentlichen Serie aufgebaute Story weder vorantreibt noch vertieft. Überhaupt passiert nicht viel von Belang: Irgendwie mischt die US-Regierung bei dem tabulosen Treiben mit, und natürlich hat auch der dubiose Konzern Vought-American seine schmierigen Finger im Spiel. Bei der Lektüre stellt man jedoch schnell fest, dass das Ganze ziemlich sprunghaft und unausgegoren um das hochglänzende Herrengedeck aus Sex und Gewalt gewoben wurde.
Dabei machen die Persiflagen auf ... hm, als fiktive Gestalten real existierende Superhelden – allen voran der selbstsüchtige und nicht bloß latent schwule Homelander, der Superman nachempfunden ist – eigentlich schon Laune. Und um den eingefahrenen, prüden Superheldenkosmos auf die Schippe zu nehmen, ist es auch ganz sicher nicht die schlechteste Idee, den Figuren ein Sex-Leben, inklusive Genitalien unter der engen Kluft, zu verpassen. Immerhin wird dieser Aspekt bei dem eigentlich vor Testosteron nur so sprühenden Superheldengenre ansonsten artig ausgeklammert.
Konservative Skandale
Doch was bei Herogasm trotz aller derben Zoten und Ausschweifungen in Wort und Bild zu kurz kommt, ist - natürlich abgesehen von der Güte der Erzählung - das wirklich Skandalöse. Sicher, vielerorts wird der Comic bestimmt als so etwas wie der Gipfel des Obszönen betrachtet werden. Und Ennis, dem es offensichtlich ein Anliegen ist, immer wieder etwas besonders Krasses zu kreieren (auch seine Serien Chronicles of Wormwood und Preacher sind alles andere als Kinder von Traurigkeit), übertrifft sich dabei auch regelmäßig selbst. Man muss allerdings sagen, das hier auf sehr konservative Weise über die Stränge geschlagen wird. Um das Anstößige an Sex und Drogen auf die Spitze zu treiben hat Ennis kaum Ideen, die über ein Mehr an Sex und an Drogen hinausgehen. Die gebotene Übersättigung schockiert im Grunde kaum bis gar nicht.
Sicher, es kommt natürlich darauf an, aus welchem Holz man geschnitzt ist, ob es einen in schallendes Gelächter ausbrechen lässt, wenn ein Superheld eine Frau von hinten penetriert und dabei einer anderen, die ihm währenddessen die Eier und/oder das Rektum leckt, ins Gesicht furzt. Oder ob man den Umstand, dass die afroamerikanischen Superhelden ihre Kameraden mit Drogen versorgen und statt Crack getrocknete Föten rauchen, eventuell als Sozialkritik betrachtet. Wenn man die in Herogasm betriebene Genre-Demontage jedoch konsequent zu Ende geführt hätte, würden die Exzesse wesentlich abgründiger ausfallen. Effekthascherei ersetzt nun mal keine tatsächlichen Tabubrüche. Und Frauenverachtung in der Verballhornung eines von Machismo durchsetzten Genres? Da hat sich aber mal einer was getraut ...
So obsiegt also am Ende der fade Beigeschmack des Pubertären. Diesbezüglich passt es natürlich auch, dass die Darstellungen im Comic zwar immer eindeutig, aber niemals explizit sind. Bei aller Sauerei ist Herogasm eben letztendlich ein fast schon braver Comic. Aber auf dem Ministrantenausflug ist der Comic bestimmt der Hit.
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