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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 17:34

 

Zum 10. Todestag von H.C. Artmann

04.12.2010

Der H.C.

Es kommt auf die Betrachtungsweise an. Wer Literatur daran misst, wie spannend sie erzählt, wie nahe sie der außerliterarischen Wirklichkeit kommt, wird zu anderen Ergebnissen gelangen als jemand, der Literatur als Erschaffung einer eigenen Welt aus Worten begreift. Wer sprachliche Virtuosität höher schätzt als nacherzählbare Konflikte, wird der Überzeugung zustimmen, dass H.C. Artmann einer der größten unter den deutschsprachigen Schriftstellern und Poeten des zwanzigsten Jahrhunderts ist. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Milan Kundera hat einmal darauf hingewiesen: "Man ist  nicht verpflichtet, Tatsa­chen so zu beschreiben, wie sie in Wirklich­keit sind." Und in Thomas Hettches jüngstem Roman heißt es: „Literatur beginnt jenseits dessen, was ist.“ Artmanns Material ist die Literatur, nicht die Welt, wie wir sie "in Wirklichkeit" sehen, zu sehen meinen. Das modi­sche Stichwort von der Intertextualität - nirgends beschreibt es den Gesichtspunkt, unter dem Literatur nicht nur zu interpretie­ren wäre, sondern von vornherein produziert wurde, genauer als bei Artmann, und zwar von Anfang an.

 

Seinen Durchbruch verdankte Artmann einem Missverständnis. Dass er seinen Gedichtband "med ana schwoazzn dintn" 1958 im Wiener Dialekt, genauer: im Dialekt des Wiener Stadtteils Breitensee, in dem er 1921 geboren wurde, verfasste, verleitete oberflächliche Leser zur Annahme, da sei ein Nachfolger von Weinheber und einer gemüt­lichen Heurigenseligkeit zu entdecken. In Wahrheit handelt es sich um höchst poetische, dem Surrealismus verpflichtete Gedich­te, die den Wiener Dialekt lediglich als verfremdendes Sprachma­terial benützen, für das Artmann übrigens seine eigene phoneti­sche Schreibweise erfand.

 

In den sechziger Jahren wurde Artmann neben Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener zur Wiener Gruppe gerechnet, mit der ihn das Interesse für Sprachexperimente und frühe Aktionen im Stile der Happenings verbanden. Aber Artmanns Versuche sprengten den Rahmen, den diese Gruppe vorgab. Lustvoll spielt er mit überlieferten Genres und Stoffen, mit Erzählkonven­tionen und Stileigentümlich­keiten. Tri­viales und Plebejisches geraten ihm ebenso zum literari­schen Arte­fakt wie Barockes und Höfisches. Der Klang der Sprache ist ihm ebenso assoziativer Anlass wie die Wortbedeutung idiomati­scher Wendungen oder die Aura mythischer Figuren. Artmann ist einer der Väter der konkreten Dichtung und zugleich doch ein begnadeter Erzähler, vorausge­setzt, man fragt nicht nach dem Sinn von Erzäh­len und Erzähltem. Der Vorgang ist wichtiger als das Produkt, die Schön­heit liegt in der Abwesenheit von Nützlichkeit.

 

Literatur - und sonst nichts

Artmanns Texte holen das Spielerische in die Kunst zurück, frei­lich mit Material, das sich Artmann aus den entlegensten Winkeln der Weltliteratur zusammengesucht hat.  Es gehörte zu seinen Über­zeu­gungen, dass es, jenseits vom Geschriebe­nen, so etwas gibt wie eine poetische Existenz, und er lebte sie exzessiv. Jahrelang war er auf Reisen, und das Studium der Spra­chen zählte zu Artmanns Leidenschaften. Auch als Übersetzer ist er eigenwil­lig. Er über­trug Villon ins Wienerische und schuf hervor­ragende deutsche Versionen von Edward Lears Limmericks. Der Übersetzung von Carl von Linnés Lappländischer Reise verdankte er die Anregung zu seinem vielleicht schönsten Buch: das suchen nach dem gestri­gen tag oder schnee auf einem heißen brotwecken.

 

Mit seinem Aeronautischen Sindtbart verwandelte sich Artmann den Aben­teuerroman des Spätbarock an, mit seiner Grünverschlos­senen Botschaft schuf er eine Sammlung von Deutungen im Stil jener Traumbü­cher, die einem helfen sollten, im Lotto die rich­tige Nummer zu setzen. Immer wieder lockte es ihn, Trivialstoffe wie Dracula oder Frankenstein neu und ganz eigenwillig zu erzäh­len.

 

Artmanns umfangreiches lyrisches Werk reicht von den in ein lilienweißer brief aus lincolshire enthaltenen frühen Gedichten der vierziger und fünfziger Jahre über den zum Teil in Kunstsprachen geschriebenen Zyklus Flaschenposten bis zu den umfangreichen Zyklen Hirschgeheg und Leuchtturm und Landschaften, von den barocken und außereuropäischen Mustern folgenden Epigrammata und Quatrainen über die Kindergedichte bis zur Sammlung Allerleirausch und dem Buch Aus meiner Botanisiertrommel von 1975. Gelegentlich zeigen kleine Bühnen Artmanns groteske oder fantasievolle szenische Werke.

 

Und so sind Artmanns Texte witzig und poetisch, altmo­disch und modern, allge­meinverständlich und schwierig, kurz: Literatur und sonst nichts. Das war zu wenig, um Artmann, trotz Büchner-Preis, jenen Ruhm zu sichern, der ihm gebührte. Es ist genug, um ihm einen Kreis von Fans zu erhal­ten, der nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert für den H.C. aus Wien schwärmt. Heute vor zehn Jahren ist er gestorben.


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