Neue Seheindrücke, überbordende visuelle Anregungen, die Überprüfung lieb gewonnener Gewohnheiten in der Konfrontation mit dem Unbekannten – es gibt sicherlich viele Gründe, warum sich Künstler in den letzten Jahrhunderten immer wieder zu beschwerlichen Reisen in die Fremde aufgemacht haben. Der artistische Zauber des Reisens wohnt dabei nicht allein der spätestens seit Goethes Reisetagebuch topisch gewordenen Italienreise inne, sondern beispielsweise auch der Reise Karl Friedrich Schinkels zu den schmutzigen Errungenschaften der britischen Großindustrie und der Zivilisationsflucht Paul Gauguins. Immer geht es darum, der eigenen Erfahrungswelt das Andere, das Unbekannte entgegenzusetzen. So sind viele dieser Künstlerreisen schon von vornherein von einem melancholischen Hauch des Scheiterns umweht. Denn das unverfälschte Andere, von dem der Pariser Börsianer Gauguin träumte, kann es im Grunde genommen im Eigenen nicht geben. Auf der Reise begegnen die Künstler zuallererst einmal ihrem eigenen Selbst.
Der Kunsthistoriker Joachim Rees hat diesem faszinierenden Kapitel der europäischen Kulturgeschichte nun eine Monographie gewidmet, die sich in dreizehn Beiträgen chronologisch geordnet dem Phänomen der Künstlerreise annähert. Rees spannt hier den Bogen Gentile Bellinis (um 1429-1507) fantastischen orientalischen Portraits am Hof Mehmeds II. bis hin zu Emil Noldes Forschungsreise nach Papua-Neuguinea zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er setzt damit programmatisch seinen Fokus auf das Konstrukt der neuzeitlichen Künstlerpersönlichkeit, die – im Gegensatz zum als Handwerker gedachten mittelalterlichen Künstler – ihre Reiseerfahrungen in künstlerischen Werken verarbeitet; gleichsam im bildlichen Dialog von Eigenem und Fremden.
Damit bringt sich Rees um eine mögliche perspektivische Erweiterung seines Themas. Die erstaunliche byzantinische Enklave in Ravenna, der denkwürdige europaweite Siegeszug der Gotik – all dies wären schlüssige Beispiele für einen durch Reisen entstandenen Kulturtransfer, der kein ausschließliches Insignum des neuzeitlichen Künstlers, sonder viel eher eine conditio humana ist. Die Forschung ist inzwischen mit gutem Grund davon abgekommen, den mittelalterlichen Künstlern kategorisch jegliche artistische Individualität abzusprechen.