Wer hat´s erfunden?
Alles begann ganz friedlich. Anlässlich einer Reise nach London im Jahre 1673 wurde Gottfried Wilhelm Leibniz, der bereits 1669 auswärtiges Mitglied der Pariser Académie des Sciences geworden war, auf Empfehlung des Sekretärs Henry Oldenburg Mitglied der Royal Society. Nicht alle sind dafür, den Deutschen aufzunehmen. Einer ist strikt dagegen: Isaak Newton.
In London machte Leibniz Bekanntschaft mit dem Chemiker Robert Boyle und dem Physiker Robert Hooke. Diese Treffen zeigen dem jungen Leibniz (er war damals 23), das er in Sachen Mathe und Physik nicht auf der Höhe der Zeit war. Angespornt durch die Begegnungen in London macht sich Leibniz nach seiner Rückkehr gleich daran, sein mathematisches Wissen zu vervollkommnen.
Den Höhepunkt dieser Bemühungen bildete jene Infinitesimalrechnung, die Leibniz im Oktober 1675 wohl unabhängig von Newtons zuvor geleisteten Überlegungen zur Fluxionsrechnung entwickelte. Von dieser wusste seit Ende der 1660er Jahre die Londoner Szene (etwa John Collins oder auch Oldenburg), was jedoch Leibniz aus London an Erkenntnissen mitnahm, konnte nie geklärt werden.
Es beginnt noch 1675 ein Schriftwechsel zwischen Leibniz und Newton, der jedoch bald abbricht, weil Newton nicht mehr antwortet. Er hatte wohl Angst, von Leibniz ausgefragt zu werden, um dann schließlich seine Ergebnisse vom Konkurrenten verarbeitet zu sehen. Leibniz zeigt sich dagegen sehr offen und das lässt vermuten, dass er für seinen Kalkül bereits alles zusammengetragen hatte und er diesen Briefwechsel wirklich nur als Informationsaustausch begriff. Newton ist da ganz anderer Ansicht. Er ist sicher: Leibniz klaut.
Ende des 17. Jahrhunderts wird der Prioritätenstreit öffentlich. Die Royal Society befasst sich mit der Angelegenheit und beendet das traurige Kapitel 1712 mit dem (von Newton beeinflussten) Beschluss, Leibnizens Arbeit sei ein Plagiat. Der inzwischen europaweit berühmte Philosoph, Diplomat, Ingenieur und Mathematiker Leibniz ist tief in seiner Ehre gekränkt.
Für seinen Chef, Kurfürst Georg Ludwig, muss die ganze Sache ziemlich peinlich gewesen sein. Als er 1714 König von England wird (George I.), lässt er seinen Hofrat und Bibliothekar in Hannover. Der Monarch hatte von Mathe keine Ahnung, wusste aber: Seine einstige Spitzenkraft Leibniz ist in London nicht mehr vorzeigbar. Ein weiterer schwerer Schlag für Leibniz, von dem er sich nicht mehr erholen sollte: Zwei Jahre später stirbt er.
Der Prioritätenstreit kann heute als unbegründet betrachtet werden, denn vermutlich haben beide, Newton und Leibniz, unabhängig voneinander das gefunden, was wir heute als Differential- und Integralrechnung an allen Ecken und Enden der naturwissenschaftlichen Lehre und Forschung nutzen. Fest steht, dass beide zwar den gleichen philosophischen Gedanken trugen, also die Idee des „Fließens“ (Newton) bzw. der „Kontinuität“ (Leibniz), dass sie aber zwei unterschiedliche Ansätze verfolgten. Newton kommt von der Physik und will Aussagen zur Momentangeschwindigkeit machen, Leibniz von der Geometrie, vom Tangentenproblem. Entsprechend hat die Geschichte der Wissenschaft dann auch beiden ein Denkmal gesetzt: Newtons Notation (x-„Punkt“, x-„zwei Punkt“) ging in die Physik, Leibnizens Summenzeichen (∫) und die Notation „dx nach dy“ in die Mathematik ein.
Also: Einigen wir uns in diesem Duell England gegen Deutschland auf ein Unentschieden! Bleibt die Sache mit dem Wembley-Tor. Aber dass damals der Ball nicht hinter der Linie war, das kann doch jeder selber sehen. Oder? Royal Society – übernehmen Sie!

