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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 17:43

Vor 5 Jahren ist Hanns Dieter Hüsch verstorben

06.12.2010

Wir Niederrheiner

Eine Hommage an Hanns Dieter Hüsch, der am Nikolaustag vor fünf Jahren verstorben ist. Von JOSEF BORDAT

 

Wie Hanns Dieter Hüsch komme ich vom Niederrhein. Am Niederrhein ist es Tradition, dass der Nikolaus am Abend des 5. Dezember um die Häuser zieht und die Kinder besucht. Der Nikolaus ist dabei so etwas wie eine moralische Instanz. Der fragt immer: „Na, warst Du auch schön brav?“ Oder – gegen Aufpreis: „War die Maxime Deines Willens jederzeit so, dass sie zur Grundlage eines allgemeinen Gesetzes hätte werden können?“

 

Weil wir Niederrheiner an der Grenze zu Holland leben, kommt ab und zu auch der Zwarte Piet, ein holländischer Knecht Ruprecht. Der Mann für’s ganz Grobe. Knecht Ruprecht oder Zwarte Piet – is’ eigentlich das Gleiche. Die kann man trotzdem unterscheiden: Der Zwarte Piet hat ’nen TUI-Katalog unter’m Arm.

 

Ja, der Nikolaus. Eine moralische Instanz. Wichtigste moralische Instanz am Niederrhein, gewissermaßen der Sicherheitsrat, das sind jedoch die Leute. Bevor ein Diktator in Hückelhofen Giftgas gegen die Zivilbevölkerung einsetzt, muss er sich die Frage stellen: „Wat denken die Leute?“

 

Die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats sind am Niederrhein die Nachbarn. Die Nachbarn haben ein Veto-Recht in allen Fragen, die das Leben des Niederrheiners betreffen. „So kannst Du nicht rumlaufen, wat sollen die Leute denken? Und ers’ ma’ die Nachbarn!“

 

Den Niederrheiner an sich zu beschreiben bzw. das, was von ihm übrig bleibt, ist im Grunde kaum möglich. Man kann sich dem Niederrheiner und seiner Kultur nur vorsichtig nähern. Das Werk Hanns Dieter Hüschs bietet dazu eine hervorragende Orientierung.

 

Kultur zeigt sich bekanntlich in der Sprache. Am besten ist es, wir betrachten zum propädeutischen Einstieg in die ethnologische Analyse des Niederrheiners an sich, wie die berühmte Gretchenfrage aus Goethes Faust gestellt und beantwortet worden wäre, hätte Goethe Wiege am Niederrhein gestanden. – Gretchen: Hömma, wie ist dat mit de Religion? – Faust: Wie, Religion? (Der Niederrheiner fragt immer noch mal nach. Zur Sicherheit.) – Gretchen: Ja, Religion! Wat is damit? – Faust: Wat soll damit sein?

 

Damit ist das Präludium des Dialogs abgeschlossen. Jedes Gespräch am Niederrhein beginnt mit dem in sich abgeschlossenen Vierzeiler: Ausgangsfrage, Rückfrage, Bestätigungsfrage, Abschlussfrage. Ausgangsfrage: Hömma, wie is dat? – Rückfrage: Wie, dat? – Bestätigungsfrage: Wat is damit? – Abschlussfrage: Wat soll damit sein?

 

Jetzt tritt der Dialog in die entscheidende Phase. – Gretchen: Ja, dat frag ich Dich! – Faust: Ja, wat weiß ich?! – Mit der manchmal etwas unwirsch vorgetragenen finalen Frage Ja, wat weiß ich?! ist das Gespräch beendet und die Gesprächspartner sind zufrieden. Manchmal schließt sich noch ein beschwichtigendes Un’, sons’? an oder ein Zuhause alles klar?. Zuhause ist dabei nicht räumlich gemeint, sondern meint die Gesamtheit der Lebensumstände.

 

Man muss das üben. Beispiel: Umsatzsteuererklärung. – Hömma, wie ist datt mit de Umsatzsteuererklärung? – Wie, Umsatzsteuererklärung? – Ja, Umsatzsteuererklärung! Wat is damit? – Wat soll damit sein? – Ja, dat frag ich Dich! – Ja, wat weiß ich?! – Und, sons’? Zuhause alles klar? Anderes Beispiel: Störfall im Atomkraftwerk Hamm-Uentrop. – Hömma, wie ist dat mit de Störfall im Atomkraftwerk Hamm-Uentrop? – Wie, Störfall im Atomkraftwerk Hamm-Uentrop? – Ja, Störfall im Atomkraftwerk Hamm-Uentrop! Wat is damit? – Wat soll damit sein? – Ja, dat frag ich Dich! – Ja, wat weiß ich?! – Und, sons’? Zuhause alles klar? – Nur der unendlichen Gnade Gottes ist es zu verdanken, dass das Bundesland Nordrhein-Westfalen immer noch existiert.

 

Hanns Dieter Hüsch hat als das „schwarze Schaf“ viel zur Kultur des Niederrheins beigetragen, indem er die Kultur der Niederrheiner in seiner unnachahmlichen Weise beschrieb. Der Wiederentdeckungsfaktor ist hoch, auch wenn es peinlich ist: „Der Niederrheiner weiß nix, kann aber alles erklären.“ – Hüsch. Stets die Leute vor dem inneren Auge. Vor allem die Nachbarn.


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