Kultur zeigt sich bekanntlich in der Sprache. Am besten ist es, wir betrachten zum propädeutischen Einstieg in die ethnologische Analyse des Niederrheiners an sich, wie die berühmte Gretchenfrage aus Goethes Faust gestellt und beantwortet worden wäre, hätte Goethe Wiege am Niederrhein gestanden. – Gretchen: Hömma, wie ist dat mit de Religion? – Faust: Wie, Religion? (Der Niederrheiner fragt immer noch mal nach. Zur Sicherheit.) – Gretchen: Ja, Religion! Wat is damit? – Faust: Wat soll damit sein?
Damit ist das Präludium des Dialogs abgeschlossen. Jedes Gespräch am Niederrhein beginnt mit dem in sich abgeschlossenen Vierzeiler: Ausgangsfrage, Rückfrage, Bestätigungsfrage, Abschlussfrage. Ausgangsfrage: Hömma, wie is dat? – Rückfrage: Wie, dat? – Bestätigungsfrage: Wat is damit? – Abschlussfrage: Wat soll damit sein?
Jetzt tritt der Dialog in die entscheidende Phase. – Gretchen: Ja, dat frag ich Dich! – Faust: Ja, wat weiß ich?! – Mit der manchmal etwas unwirsch vorgetragenen finalen Frage Ja, wat weiß ich?! ist das Gespräch beendet und die Gesprächspartner sind zufrieden. Manchmal schließt sich noch ein beschwichtigendes Un’, sons’? an oder ein Zuhause alles klar?. Zuhause ist dabei nicht räumlich gemeint, sondern meint die Gesamtheit der Lebensumstände.
Man muss das üben. Beispiel: Umsatzsteuererklärung. – Hömma, wie ist datt mit de Umsatzsteuererklärung? – Wie, Umsatzsteuererklärung? – Ja, Umsatzsteuererklärung! Wat is damit? – Wat soll damit sein? – Ja, dat frag ich Dich! – Ja, wat weiß ich?! – Und, sons’? Zuhause alles klar? Anderes Beispiel: Störfall im Atomkraftwerk Hamm-Uentrop. – Hömma, wie ist dat mit de Störfall im Atomkraftwerk Hamm-Uentrop? – Wie, Störfall im Atomkraftwerk Hamm-Uentrop? – Ja, Störfall im Atomkraftwerk Hamm-Uentrop! Wat is damit? – Wat soll damit sein? – Ja, dat frag ich Dich! – Ja, wat weiß ich?! – Und, sons’? Zuhause alles klar? – Nur der unendlichen Gnade Gottes ist es zu verdanken, dass das Bundesland Nordrhein-Westfalen immer noch existiert.
Hanns Dieter Hüsch hat als das „schwarze Schaf“ viel zur Kultur des Niederrheins beigetragen, indem er die Kultur der Niederrheiner in seiner unnachahmlichen Weise beschrieb. Der Wiederentdeckungsfaktor ist hoch, auch wenn es peinlich ist: „Der Niederrheiner weiß nix, kann aber alles erklären.“ – Hüsch. Stets die Leute vor dem inneren Auge. Vor allem die Nachbarn.

