Wagner / Unger: Furtmeyr. Meisterwerke der Buchmalerei und die Regensburger Kunst in Spätgotik und Renaissance
09.12.2010
Buchmalerei in den Zeiten des Niedergangs
Furtmeyr. Meisterwerke der Buchmalerei dokumentiert, wie sich die in Regensburg so traditionsreiche Kunst der Buchmalerei ein letztes Mal aufbäumte, bevor die einstige Metropole zu Beginn der Neuzeit endgültig in der künstlerischen Bedeutungslosigkeit versank. Von STEPHANIE RAPPL
Seit dem Jahr 2006 trägt Regensburg den Titel des UNESCO-Welterbes – und darauf ist man stolz in der Domstadt. Um das Profil als Welterbe zu schärfen und die kulturelle Vergangenheit der einstigen Metropole aufzuarbeiten, haben das Kulturreferat und der Lehrstuhl für Kunstgeschichte gemeinsam ein Pilotprojekt gestartet, das sich mit dem bedeutendsten Regensburger Künstler in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts auseinandersetzt. Begleitend zur gleichnamigen Ausstellung im Historischen Museum Regensburg (noch bis zum 13.02.2011) erscheint der Katalog Furtmeyr. Meisterwerke der Buchmalerei und die Regensburger Kunst in Spätgotik und Renaissance, herausgegeben von Christoph Wagner, dem Inhaber des Lehrstuhls für Kunstgeschichte der Universität Regensburg, sowie dem Kulturreferenten der Stadt Regensburg, Klemens Unger.
Bislang nur zu einem kleinen Teil publiziert
Die Regensburger Buchmalerei ist der Fachwelt insbesondere aufgrund der herausragenden Leistungen der Schreibstuben von Prüfening und St. Emmeram im Früh- und Hochmittelalter bekannt; die Werkstatt Berthold Furtmeyrs stand bislang stets im Schatten dieser beiden wegweisenden Schulen – zu Unrecht: In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts war die Epoche des Buchdrucks bereits angebrochen; als neues Medium der Illustration trat immer mehr der reproduzierbare Holzschnitt in den Vordergrund. Gleichzeitig jedoch schwang sich das Medium der Buchmalerei in dieser Zeit zu einer letzten Blüte auf und entsprechend der neuen, selbstbewussten Auffassung des Künstlers, die sich in der Renaissance formierte, traten nun die Illustratoren namentlich hinter ihrem Werk hervor. Mit Albrecht Altdorfer (ca. 1480-1538) nutzte wohl auch einer der berühmtesten deutschen Renaissancemaler die Werkstatt des Regensburger Bürgers Furtmeyr als Sprungbrett für die eigene Karriere als Landschafts- und Historienmaler sowie als Hauptvertreter der sogenannten Donauschule.
Im Mittelpunkt des Katalogs steht eine Reihe von Bibel- und Missalehandschriften, die u.a. in der Bayerischen Staatsbibliothek München und der Universitätsbibliothek Augsburg aufbewahrt werden. Bislang wurden die Miniaturen dieser Handschriften nur zu einem kleinen Teil publiziert; in hervorragender Qualität digital fotografiert werden sie im vorliegenden Katalog nun erstmals dauerhaft einem breiten Publikum zugänglich gemacht und in kurzen Beschreibungen erläutert. Neben dem Reichtum des Buchschmuckes versetzt vor allem die Qualität der einzelnen Zierinitialen und Miniaturen in Erstaunen: Bis zu vier Einzeldarstellungen finden sich auf einer Seite der Handschrift, Sorgfalt und Farbenpracht sind in der deutschen Buchmalerei um 1470 beispiellos.
Genesis
Bemühen um Vollständigkeit
Begleitet werden die Abbildungen von einer Reihe von wissenschaftlichen Artikeln, unter deren Verfassern sich u.a. mit Eberhard König und Harald Wolter-von dem Knesebeck namhafte Handschriftenexperten finden. Neben dem Werk und der Person Berthold Furtmeyrs werden ikonographische Fragen angesprochen, die auch dem Fachmann Neues bieten, denn die bisherige Forschungsliteratur zum Thema ist vergleichsweise karg und teils veraltet. Die knappen Katalogartikel zu den Abbildungen hingegen bleiben großteils deskriptiv. Wünschenswert wäre an dieser Stelle eine genauere ikonographische Erläuterung der Szenen gewesen. Der frühneuhochdeutsche Text in den Spruchbändern, die sich häufig in den Miniaturen finden, wurde leider nicht transkribiert, sodass ihr Inhalt für den paläographisch ungeübten Laien bis auf wenige Ausnahmen verschlossen bleibt.
Engelssturz
Eine Reihe von Beiträgen, die über das Werk und die Person Furtmeyrs hinausweisen, liefert interessante zusätzliche Informationen, welche die illustrierten Handschriften im künstlerischen Klima ihrer Zeit verorten: Aufgrund des Katalogtitels unerwartet, aber willkommen sind zwei Artikel zu Furtmeyrs mutmaßlichem Schüler Albrecht Altdorfer, die sich mit seinen Gestaltungsmodi und seinen (leider nur fragmentarisch erhaltenen) Wandmalereien im Bischofshof zu Regensburg befassen. Als sehr hilfreich für den Einstieg in die Themen Kunst in der Bibel und Bibel in der Kunst bzw. Landschaftsmalerei um 1500 erweisen sich darüber hinaus die entsprechenden Beiträge von Christoph Dohmen/Wolfgang Neiser bzw. Nils Büttner, die den Band thematisch abrunden.
Die aufwändige Gestaltung des Bandes mit über 500 Farbabbildungen spricht für sich; in seinem Bemühen um Vollständigkeit bei der Vorstellung der Furtmeyr-Handschriften einerseits und der Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes andererseits erweist sich der Katalog als gelungener Grenzgänger zwischen Faksimile, Kunstbuch für ein breites Publikum und wissenschaftlicher Publikation.


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