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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 17:54

 

Regisseur Chris Kraus ("Poll") im Interview

23.12.2010

»Außenseiter haben mich immer interessiert.«

Eindringliche Darsteller und ein faszinierend morbides Setting erzählen in Chris Kraus Drama Poll eine Lebensepisode der Dichterin Oda Schäfer. Im Interview mit LIDA BACH verriet der Regisseur und Drehbuchautor, wie eine lange verschwiegene Familiengeschichte zum Kinoepos wurden.

 

Was hast Du in den vier Jahren zwischen Deinem letzten Film und Poll getan?

 

Pause wäre schön. Pause bräuchte ich, aber ich hab den Film vorbereitet. Das ist eine größere Arbeit als das Drehen.

 

Poll ist mehr Drama als Filmbiografie ...

 

Ich habe ursprünglich vorgehabt, die gesamte Biografie von Oda Schäfer zu erzählen, weil das eine sehr interessante ist. Da das nicht möglich war, habe ich nach der einfachst möglichen Form gesucht und in ihrer Biografie selber den Schlüssel gefunden. Das war ein achtwöchiger Aufenthalt in Estland gewesen, 1914, im real existierenden Poll. Sie hatte damals schon mit ihrer kaputten Familie zu kämpfen. Alles bündelte sich in diesen acht Wochen. Da hatte ich das Gefühl, das war ein Wink. Den hab ich gesehen, aufgenommen und übersetzt.

 

Zuerst steht Oda ihrem Vater näher, am Ende jedoch der Stiefmutter.

 

So ist das ja oft im Leben: Man wird von Leitbildern geführt, an die man hundertprozentig glaubt, die sich dann aber abwechseln mit anderen, die den ersten oft diametral entgegenstehen. Das erste Leitbild, das es im Leben gibt, ist natürlich die Familie. Der wirklich existierende Ebbo war ein schwieriger Charakter. Sie hat ihn aber sehr geliebt. Wir sind nun einmal gebunden an unsere ersten emotionalen Erfahrungen. Dass sie sich davon ablöst und wie, das ist die Bewegung dieser Geschichte.

 

Oda Schäfer ist heute fast unbekannt. War es auch Dein Ziel, dies zu ändern?

 

Das ist natürlich einer der Nebeneffekte dieses Filmes – hoffe ich. Es liegt in der Natur der Sache, dass Künstler vergessen werden. Das vergisst man immer, weil Künstler diesen großen Anerkennungsmangel haben und deshalb das tun, was sie tun. Zu Estland: Das finde ich interessant an Europa, dass es unter dem Sichtbaren unheimlich viele Ströme gibt, die manchmal wie Vulkanausbrüche eruptieren.

 

Viele Szenen in Poll gleichen Planszenen.

 

Nicht alles war hundertprozentig geplant. Wenn es einen Grund gibt, einen Film zu machen – das ist ja leider nicht bei jedem Film so – aber wenn man einen Film so lange macht, hofft man inständig, dass es kein Film ist, der völlig grundlos, sinnlos in die Welt gepustete wird.

 

Deine Filme handeln oft von Außenseitern.

 

Wie verschlossen muss man sein, wie viel Einsamkeit muss man aushalten, um sich so von seiner Familie abzugrenzen? Außenseiter haben mich immer interessiert. Wie verschlossen muss man sein, wie viel Einsamkeit muss man aushalten, um sich so von seiner Familie abzugrenzen? Es gibt nichts Leichteres, als mit einer Gemeinschaft zu schwimmen, weil wir soziale Wesen sind. Aber eine Nische zu suchen, die nicht existiert, die man selbst in den Fels hämmert, das ist das Schwere. Denn da muss man eben in den Fels rein. Das ist für mich das Dokumentarische an dem Film; in einer künstlichen Welt, in einem künstlichen Konflikt, von dem ich aber glaube, wenn man einen Dokumentarfilm 1914 über sie gedreht hätte, wäre sie exakt so gewesen. Ich kann es natürlich nicht beweisen.

 

Die Gefangenschaft ist eine Parallele zu Vier Minuten, dessen Hauptfigur in einem realen Gefängnis ist. Oda lebt in einem unsichtbaren. Beide schaffen sich einen Freiraum durch Kunst.

 

Darüber habe ich nicht nachgedacht, dieses Bild des Gefängnisses. Das kann ich nicht rationalisieren. Ich verstehe es ehrlich gesagt auch nicht. Warum interessiert sich Herr van Gogh für langweilige Sonnenblumen?

 

Aus dem Journalisten Ebbo hast Du einen Hirnforscher gemacht, dessen medizinische Überzeugung erschreckend reaktionär ist.

 

Es war die raison d´etre, eine Wissenschaft, die state of the art war, zur damaligen Zeit, was er gemacht hat. Ich habe mich leiten lassen von Lombroso oder Oskar Vogt, der noch 1947 versucht hat, die Schädel der in Nürnberg verurteilten Kriegsverbrecher zu kriegen, um die Hirne nach Verbrechensmustern zu sezieren. Ich wollte ein Bild finden, das erstens die Wissenschaft der Moderne bezeichnet. Zum anderen geht es in dem Film ja ganz stark um Gegensatzpaar von freiem Willen, zu dem sie kommt, und dieser zerebralen Festgelegtheit im Hirn, der Tatsache, dass wir wie Maschinen gesteuert sind und nichts selbst entscheiden können. Dafür habe ich mir die Freiheit genommen, ihn von einem Journalisten in einen Wissenschaftler zu verwandeln.

 

Hat die baltische Landschaft Deine Arbeit an Poll beeinflusst?

 

Man ist ja immer a la recherche du temps perdu. Ich habe versucht, eine Zeit einzufangen, die ich mal erlebt habe, 1993. Damals ist das Land aus einem Dornröschenschlaf erwacht. Das war wahrscheinlich ähnlich wie in der DDR. Ich habe das aber nicht so erlebt, ich war im Ausland.

 

Wie nah ist die Handlung an der Realität?

 

Es sind viele Dinge erfunden. Keine Dokumentation, in keinster Weise. Diese Liebesgeschichte hat es nie gegeben. Ich dachte, es muss einen Grund geben, warum Oda Schäfer in ihrer Biografie so viel über Poll spricht. Da liegt ein gewisser Eros in der Schilderung von dem Mädchen. Ebbo hat sich umgebracht, aber nicht am 26., sondern am 28. Dezember. Das hätte auch niemanden interessiert.

 

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