Deine Filme handeln oft von Außenseitern.
Wie verschlossen muss man sein, wie viel Einsamkeit muss man aushalten, um sich so von seiner Familie abzugrenzen? Außenseiter haben mich immer interessiert. Wie verschlossen muss man sein, wie viel Einsamkeit muss man aushalten, um sich so von seiner Familie abzugrenzen? Es gibt nichts Leichteres, als mit einer Gemeinschaft zu schwimmen, weil wir soziale Wesen sind. Aber eine Nische zu suchen, die nicht existiert, die man selbst in den Fels hämmert, das ist das Schwere. Denn da muss man eben in den Fels rein. Das ist für mich das Dokumentarische an dem Film; in einer künstlichen Welt, in einem künstlichen Konflikt, von dem ich aber glaube, wenn man einen Dokumentarfilm 1914 über sie gedreht hätte, wäre sie exakt so gewesen. Ich kann es natürlich nicht beweisen.
Die Gefangenschaft ist eine Parallele zu Vier Minuten, dessen Hauptfigur in einem realen Gefängnis ist. Oda lebt in einem unsichtbaren. Beide schaffen sich einen Freiraum durch Kunst.
Darüber habe ich nicht nachgedacht, dieses Bild des Gefängnisses. Das kann ich nicht rationalisieren. Ich verstehe es ehrlich gesagt auch nicht. Warum interessiert sich Herr van Gogh für langweilige Sonnenblumen?
Aus dem Journalisten Ebbo hast Du einen Hirnforscher gemacht, dessen medizinische Überzeugung erschreckend reaktionär ist.
Es war die raison d´etre, eine Wissenschaft, die state of the art war, zur damaligen Zeit, was er gemacht hat. Ich habe mich leiten lassen von Lombroso oder Oskar Vogt, der noch 1947 versucht hat, die Schädel der in Nürnberg verurteilten Kriegsverbrecher zu kriegen, um die Hirne nach Verbrechensmustern zu sezieren. Ich wollte ein Bild finden, das erstens die Wissenschaft der Moderne bezeichnet. Zum anderen geht es in dem Film ja ganz stark um Gegensatzpaar von freiem Willen, zu dem sie kommt, und dieser zerebralen Festgelegtheit im Hirn, der Tatsache, dass wir wie Maschinen gesteuert sind und nichts selbst entscheiden können. Dafür habe ich mir die Freiheit genommen, ihn von einem Journalisten in einen Wissenschaftler zu verwandeln.
Hat die baltische Landschaft Deine Arbeit an Poll beeinflusst?
Man ist ja immer a la recherche du temps perdu. Ich habe versucht, eine Zeit einzufangen, die ich mal erlebt habe, 1993. Damals ist das Land aus einem Dornröschenschlaf erwacht. Das war wahrscheinlich ähnlich wie in der DDR. Ich habe das aber nicht so erlebt, ich war im Ausland.
Wie nah ist die Handlung an der Realität?
Es sind viele Dinge erfunden. Keine Dokumentation, in keinster Weise. Diese Liebesgeschichte hat es nie gegeben. Ich dachte, es muss einen Grund geben, warum Oda Schäfer in ihrer Biografie so viel über Poll spricht. Da liegt ein gewisser Eros in der Schilderung von dem Mädchen. Ebbo hat sich umgebracht, aber nicht am 26., sondern am 28. Dezember. Das hätte auch niemanden interessiert.
