McCormick / Schiller / Seno: Trespass. Die Geschichte der urbanen Kunst
30.12.2010
Jedem die Kunst, die er verdient
Street Art-Künstler wie Banksy oder Swoon verstehen sich selbst als Outlaws und Kritiker am Turbokapitalismus, kommerzieller Erfolg oder die Gesetze des Kunstbetriebs interessieren sie nicht im Geringsten. Trespass. Die Geschichte der urbanen Kunst präsentiert einen Einblick in die lebendige Kunstszene jenseits von Galerien und Museen. Von STEPHANIE RAPPL
Unlängst feierte OZ, einer der Stars der deutschen Sprayerszene, unter Glückwünschen der Massenmedien seinen 60. Geburtstag, im Kino lief mit Exit Through the Gift Shop eine Dokumentation über Banksy und Künstler wie Keith Haring oder Basquiat sind seit Jahren allgemein anerkannt – Street Art ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, weshalb eine Würdigung in Form eines umfassenden Bildbandes überfällig ist. Was die unterschiedlichen Spielarten der Street Art, vom Graffiti über Verfremdung von Werbetafeln und Straßenschildern bis hin zum sogenannten Guerilla Gardening vereint, ist der Reiz am Verbotenen, dem für alle sichtbaren Eingriff in den öffentlichen Raum. Diesem kleinsten gemeinsamen Nenner ist auch der Titel des Bandes, Trespassing (dt.: unerlaubtes Betreten), verpflichtet.
An der Konzeption des Bandes waren neben dem US-amerikanischen Popkulturkritiker Carlo McCormick und der Herausgeberin Ethel Seno auch Marc und Sara Schiller beteiligt, die vor fast zehn Jahren das Wooster Collective ins Leben riefen – anfangs als Website, bald schon als eine Art exklusiver Kunstverlag, der mittlerweile auch in Buchform die Werke internationaler Street Art-Künstler einem breiten Publikum bekannt und zugänglich macht. Für das Vorwort von Trespass konnte deshalb auch das ewige Phantom des Kunstbetriebs höchstpersönlich gewonnen werden: In einem kurzen Text erzählt Banksy von seiner ursprünglichen Faszination am unerlaubten Sprayen und wieso Street Art genau die Art von Kunst ist, die der Turbokapitalismus verdient; Graffiti wird als Trotzreaktion auf das Statusdenken in einer von Werbung und Kommerz vollkommen durchdrungenen Gesellschaft verstanden.
Nick Walker, Mona Lisa (2007), London
Verändertes Gesicht
Jede Art von urbaner Kunst, so wird einleitend erklärt, nimmt ihren Anfang im Reiz des Verbotenen, der jedem „Betreten verboten“-Schild innewohnt; so ist ein Graffiti in seiner ursprünglichen Form auch nichts anderes als Protest und Ausdruck am Widerstand gegen Autoritäten. Urban Art ist jedoch mehr als mutwillige Zerstörung, Vandalismus und Übergriffe auf das Eigentum anderer, sie ist nicht destruktiv, sondern produktiv: Gerade verfallene, verwahrloste Wände laden Sprayer dazu ein, sie zu verändern, durch Farbe und die eigene Signatur individuell zu gestalten und zu verändern – kurz: sie sich anzueignen. Genau dies geschah in der Keimzelle der Urban Art, in den New Yorker Armenvierteln Mitte der Siebziger Jahre. In enger Verbindung mit Graffiti stand von Anfang an die sich formierende Subkultur des HipHop – und schon immer trugen Graffitis deshalb auch eine politische Aussage.
Mit den sozialen Brennpunkten hat sich in den vergangenen Jahrzehnten auch das Gesicht der Street Art verändert: Nicht mehr Bürgerrechtsfragen bestimmen den gesellschaftlichen Diskurs, sondern die Folgen von Finanzkrisen und Konflikte zwischen Religionsgemeinschaften sind es, die die Künstler mit ihren Werken thematisieren. Deshalb spielt auch der Ort, an dem ein Graffiti angebracht wird, eine wichtige Rolle – für seine Boxers aus dem Jahr 2007 beispielsweise hat deshalb Faile die symbolträchtige Sperrmauer zwischen Palästina und Israel gewählt.
Faile, Boxers (2007) auf der Sperrmauer zwischen Palästina und Israel
Einfallsreichtum ohne Grenzen
Jenseits des Graffitis als „Urform“ der Urban Art etablieren sich zunehmend aber auch andere, im wahrsten Sinne des Wortes lebendige Kunstformen. Neben der Urbanen Volkskunst ist deshalb auch dem sogenannten Guerilla Gardening in Trespass ein eigenes Kapitel gewidmet. In Nacht-und-Nebel-Aktionen bepflanzen die Guerillagärtner wie der Londoner Richard Reynolds Verkehrsinseln, Hinterhöfe und Fahrbahnspuren, um dem tristen Grau-in-Grau der Metropolen etwas Farbe entgegenzusetzen. Neben Pflanzen setzen hierbei auch selbstgestrickte „Socken“ für die Pfosten von Straßenschildern bunte Akzente, so etwa gesehen in Stockholm oder Mexiko-Stadt.
Dem Einfallsreichtum der Street Art-Künstler sind keine Grenzen gesetzt, die Vielfalt der vorgestellten Kunstwerke und Objekte versetzt beim Durchblättern des Bandes immer wieder in Erstaunen. Als Who is Who der Kunstszene jenseits des etablierten Marktes ist Trespass deshalb jedem wärmstens zu empfehlen, der sich einen Überblick über die unterschiedlichen Formen urbaner Kunst verschaffen und seinen Blick für ihre ungewöhnlichen Erscheinungsarten für den nächsten Streifzug durch eine Großstadt schärfen will.

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