Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859) sind als Sammler einzigartiger Texte der deutschen Volkskultur bekannt. Schon Kinder kennen die Protagonisten ihrer Märchenkollektion: Hänsel und Gretel, Aschenputtel, Schneewittchen, Rapunzel, Rotkäppchen & Co. Ihre Anthologien Kinder- und Hausmärchen (Bd. 1: 1812, Bd. 2: 1815) und Deutsche Sagen (Bd. 1: 1816, Bd. 2: 1818) erleben eine rege Editions- und Rezeptionsgeschichte. Sie zählen zu den bekanntesten belletristischen Büchern in deutscher Sprache. Die Leistung der Gebrüder Grimm für die deutsche Sprache liegt jedoch weit jenseits der Sammlung von Märchen, Mythen und Sagen.
Das sprachwissenschaftliche Werk der Gebrüder Grimm kann kaum überschätzt werden. Die Arbeiten entlang der »indogermanischen Hypothese«, die daraus entstandenen Beiträge zu Grammatik und Etymologie machen die beiden Bestseller-Herausgeber zu Begründern der Germanistik als wissenschaftliche Disziplin.
Alles begann mit einer guten Ausbildung. An der Marburger Philipps-Universität studieren Jacob und Wilhelm auf Wunsch der Eltern Jura. In der Hausbibliothek ihres Professors Friedrich Carl von Savigny stoßen sie auf deutsche Literatur der vergangenen Jahrhunderte – von Minnesang bis Sturm und Drang. Ihr Interesse an der deutschen Sprache und ihrer Entwicklung ist geweckt.
Das ererbte Familienvermögen und einige Sponsoren wie Kurfürstin Wilhelmine Karoline von Hessen ermöglichten es den Grimms, die angedachte Karriere als Anwalt oder Richter für die damals wie heute nicht ganz so lukrative literaturwissenschaftliche Studien aufzugeben. Nebenbei jobbten sie als Bibliothekar (Jacob) bzw. Bibliothekssekretär (Wilhelm). Das war praktisch, konnten sie doch auf diese Weise Broterwerb und Forschungstätigkeit effizient miteinander verbinden. Ihre wissenschaftliche Arbeit wird 1819 von der Uni Marburg mit der Ehrendoktorwürde honoriert.
Als ihre Hauptschriften, die Märchen- und Sagensammlungen, verlegt waren, und der »Dr. h.c.« die Visitenkarte zierte, sind Jacob und Wilhelm gerade Anfang 30. Zu jung, um sich zur Ruhe zu setzen. Sie widmen sich fortan der Theorie, genauer: der Grammatik. In diese kreative und erfolgreiche Zeit der 1810er Jahre fielen die ersten Arbeiten an der Deutschen Grammatik, die zwischen 1819 und 1837 in vier Bänden erschien. Federführend war dabei Jacob Grimm, der nicht bloß über Beugungs- und Wortbildungsregeln des Deutschen informieren will, sondern sämtliche germanische Sprachen, ihre Zusammenhänge und ihre historische Entwicklung behandelt, ausgehend von ihrem gemeinsamen Ursprung im Sanskrit.