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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 17:58

Vor 50 Jahren erschien der letzte Band von Grimms Wörterbuch

04.01.2011

Kein Märchen

Heute vor 50 Jahren, am 4. Januar 1961, erschien der letzte Band des Deutschen Wörterbuchs, das von den Gebrüdern Grimm 123 Jahre zuvor begonnen worden war. Das Werk ist nicht die einzige epochale Leistung der beiden Geschichtensammler und Sprachforscher, die als Pioniere der Germanistik gelten. Von JOSEF BORDAT

 

Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859) sind als Sammler einzigartiger Texte der deutschen Volkskultur bekannt. Schon Kinder kennen die Protagonisten ihrer Märchenkollektion: Hänsel und Gretel, Aschenputtel, Schneewittchen, Rapunzel, Rotkäppchen & Co. Ihre Anthologien Kinder- und Hausmärchen (Bd. 1: 1812, Bd. 2: 1815) und Deutsche Sagen (Bd. 1: 1816, Bd. 2: 1818) erleben eine rege Editions- und Rezeptionsgeschichte. Sie zählen zu den bekanntesten belletristischen Büchern in deutscher Sprache. Die Leistung der Gebrüder Grimm für die deutsche Sprache liegt jedoch weit jenseits der Sammlung von Märchen, Mythen und Sagen.

 

Das sprachwissenschaftliche Werk der Gebrüder Grimm kann kaum überschätzt werden. Die Arbeiten entlang der »indogermanischen Hypothese«, die daraus entstandenen Beiträge zu Grammatik und Etymologie machen die beiden Bestseller-Herausgeber zu Begründern der Germanistik als wissenschaftliche Disziplin.

 

Alles begann mit einer guten Ausbildung. An der Marburger Philipps-Universität studieren Jacob und Wilhelm auf Wunsch der Eltern Jura. In der Hausbibliothek ihres Professors Friedrich Carl von Savigny stoßen sie auf deutsche Literatur der vergangenen Jahrhunderte – von Minnesang bis Sturm und Drang. Ihr Interesse an der deutschen Sprache und ihrer Entwicklung ist geweckt.

 

Das ererbte Familienvermögen und einige Sponsoren wie Kurfürstin Wilhelmine Karoline von Hessen ermöglichten es den Grimms, die angedachte Karriere als Anwalt oder Richter für die damals wie heute nicht ganz so lukrative literaturwissenschaftliche Studien aufzugeben. Nebenbei jobbten sie als Bibliothekar (Jacob) bzw. Bibliothekssekretär (Wilhelm). Das war praktisch, konnten sie doch auf diese Weise Broterwerb und Forschungstätigkeit effizient miteinander verbinden. Ihre wissenschaftliche Arbeit wird 1819 von der Uni Marburg mit der Ehrendoktorwürde honoriert.

 

Als ihre Hauptschriften, die Märchen- und Sagensammlungen, verlegt waren, und der »Dr. h.c.« die Visitenkarte zierte, sind Jacob und Wilhelm gerade Anfang 30. Zu jung, um sich zur Ruhe zu setzen. Sie widmen sich fortan der Theorie, genauer: der Grammatik. In diese kreative und erfolgreiche Zeit der 1810er Jahre fielen die ersten Arbeiten an der Deutschen Grammatik, die zwischen 1819 und 1837 in vier Bänden erschien. Federführend war dabei Jacob Grimm, der nicht bloß über Beugungs- und Wortbildungsregeln des Deutschen informieren will, sondern sämtliche germanische Sprachen, ihre Zusammenhänge und ihre historische Entwicklung behandelt, ausgehend von ihrem gemeinsamen Ursprung im Sanskrit.

 

Ein Projekt von 123 Jahren

Durch den Vergleich von Schriften verschiedener Kulturkreise hatten die Grimms schon im Rahmen ihrer Arbeit zu den Märchen und Sagen festgestellt, dass es Verbindungen zwischen den wichtigsten europäischen Sprachen gibt. Diese ließen sich bis zum Sanskrit zurückverfolgen. Aus dieser »indogermanischen (besser: indoeuropäischen) Hypothese« gewinnen sie die Gesetze des Lautwechsels bei Vokalen und Konsonanten, in der Linguistik als »Grimm’s law« bekannt. Mit dieser bahnbrechenden Erkenntnis einer systematischen Entwicklung der modernen europäischen Sprachen aus einem gemeinsamen Ursprung wird ihre Deutsche Grammatik zum Grundstein der Etymologie.

 

1838 begannen Jacob und Wilhelm Grimm ihr letztes großes gemeinsames Projekt, das Deutsche Wörterbuch, dessen letzter Band heute vor 50 Jahren erschien – 123 Jahre nach Projektbeginn. In Grimms’ Wörterbuch steht weniger die Vereinheitlichung der Schreibweise im Mittelpunkt, wie sie später Konrad Duden zu seinem Vollständigen Orthographischen Wörterbuch (1880) motivierte, sondern – als Nachhall und Ergänzung der Deutschen Grammatik – die Bedeutungsgeschichte des jeweiligen Wortes. Die historische Verwendung der Begriffe wird anhand von zahlreichen Zitaten aus der Literatur, aber auch aus Fachsprache und Alltagsgebrauch nachvollzogen – eine kenntnisreiche Fleißleistung, die nur mit tatkräftiger Unterstützung zahlreicher Assistenten für Recherche- und Archivarbeiten bewerkstelligt werden konnte.

 

Um ihnen dafür optimale Bedingungen zu bieten, holte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. die Gebrüder Grimm 1841 nach Berlin, wo sie unbelastet von finanziellen Sorgen die zeit- und kraftraubende Arbeit am Wörterbuchprojekt vorantreiben konnten. Aus dem letzten Lebensabschnitt der Grimms sind des weiteren einige kleinere Abhandlungen (zum Teil mit autobiographischer Note) sowie die Geschichte der deutschen Sprache bekannt, in der versucht wird, Sprach- und Sozialgeschichte aufeinander zu beziehen. Als sie 1859 (Wilhelm) bzw. 1863 (Jacob) verstarben, waren sie in ganz Europa bekannt.

 

Das soll auch künftig so bleiben. Bis 2013, bis zum 150. Todestag von Jacob Grimm, soll das Geburtshaus des wohl berühmtesten Bruderpaars der deutschen Geistesgeschichte in Hanau zu einem modernen Kulturzentrum umgebaut werden. Kein Märchen.


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| von flachköpper, 06.01.2011
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| von Redaktion, 06.01.2011

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