Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) von Michael Ebmeyer David Small: Stiche. Erinnerungen Eli Pariser: Filter Bubble Kennzeichen T - 28.04.2012
Donnerstag, 24. Mai 2012 | 17:59

Bastien Vivès: In meinen Augen

06.01.2011

In die Augen, in den Sinn

Nachdem Der Geschmack von Chlor bereits die Achtung erfahren hat, die ihm zweifelsohne gebührt, legt Reprodukt nach und veröffentlicht mit In meinen Augen bereits das nächste Meisterwerk von Bastien Vivès. CHRISTIAN NEUBERT ist nachhaltig begeistert.

 

Es beginnt so, wie es meistens beginnt: Mit einem Blick. Es ist kein Zufall, dass sich die Blicke der beiden Protagonisten am Anfang der Geschichte in der Universitätsbibliothek kreuzen. Woher man das weiß? Man selbst ist es, dem die schöne junge Frau, eine rothaarige Studentin um die 20, in die Augen sieht, nachdem man sie eine Zeit lang eindringlich gemustert hat.

 

In seinem zweiten nun in deutscher Sprache vorliegenden Comic ist dem gerade mal 26-jährigen Bastien Vivès – wieder mal, muss man sagen – eine Glanzleistung geglückt. Nach seinem bezaubernden Liebesreigen Der Geschmack von Chlor führt der junge Franzose diesmal auf eindrucksvolle Weise vor, welche narrativen Finessen Comics als erzählerisches Medium besitzen können.

 

Mittendrin, statt nur dabei

In meinen Augen macht den Leser selbst zur zweiten Hauptperson der erzählten Handlung. Vivès gelingt dieses Kunststück, indem er die Geschichte so inszeniert, dass man in direktem Augenkontakt und im persönlichen Zwiegespräch mit der weiblichen Hauptrolle der Erzählung steht. Und das ist vollkommen wörtlich zu verstehen – die Geschichte hat keine herkömmliche Erzählerfigur, sie spielt sich, nomen est omen, praktisch »live« vor den Augen des Lesers ab.

 

Dieses Experiment wird von Vivés konsequent durchexerziert – erklärende Worte gibt es keine, nur eine Dialogstruktur. Oder zumindest, um genau zu sein, die Hälfte davon, nämlich die Worte der jungen Frau. Damit die Gespräche – und somit die gesamte Geschichte – zur Entfaltung kommt, ist man eben nicht nur als Leser, sondern viel mehr als Teilnehmer und Handlungsträger gefordert. Mit In meinen Augen nötigt Vivés einem ein Verliebtsein auf! Das darf man ruhig unglaublich finden.

 

Experiment geglückt

Man braucht dabei im übrigen nicht zu befürchten, dass man eventuell kein Interesse für sein weibliches Gegenüber aufbringt. Dafür ist man viel zu schnell viel zu eingenommen von der schönen Rothaarigen. Man geht gern mit ihr ins Kino, man genießt es, ihr beim Tanzen zuzusehen. Verantwortlich dafür sind – neben der originellen Erzählform – vor allem die weichen, aber kräftigen Buntstiftzeichnungen, in denen der Comic gehalten ist. Diese fangen die unterschiedlichen Stimmungen der Geschichte gekonnt ein und verschaffen der sich langsam anbahnenden Love Story mehr als nur einen angemessenen Rahmen. Spärlich eingesetzte Outlines verleihen der ständig in den Fokus gerückten Studentin dabei gerade mal die nötigsten Konturen, um sie vor den verschwimmenden Hintergründen abzuheben.

 

Da das Vorgängerwerk Der Geschmack von Chlor graphisch gänzlich anders aufgemacht ist, bezeugen die Zeichnungen darüber hinaus die stilistische Vielfalt des Künstlers. Daneben beweist Vivès auch bei diesem Comic wieder ein großartiges Gespür beim Einsatz von Körpersprache. Jeder Blick, jede Bewegung scheint nicht nur mit Bedeutung, sondern mit Leben aufgeladen zu sein.

 

Rätselhaft und lebendig

Auch wenn man der schönen Rothaarigen im Verlauf der Geschichte sehr nahe kommt und obwohl man selbst es ist, der ihr nach und nach immer mehr Identität verleiht, bleibt sie für den Leser insgesamt ein Geheimnis, ihre Beweggründe sind rätselhaft. Daher bleibt es einem als Mitinitiator der Erzählung schließlich selbst überlassen, ob In meinen Augen bis zu seinem Ende die Geschichte einer aufkeimenden Liebe schildert oder vielmehr eine bereits gescheiterte Romanze beschreibt.

 

Insgesamt kommt man nicht umhin zu sagen, dass Vivés mit diesem Comic ein erstaunliches Leseerlebnis geschaffen hat, bei dem er die Grenzen und Möglichkeiten des Mediums auf eine Weise auslotet, wie man es bisher vielleicht nur von Marc-Antoine Mathieu kennt. Schön, dass Reprodukt uns nun auch diesen Künstler zugänglich gemacht hat – und hoffentlich bald noch mehr von ihm präsentiert.

 

Der Sidekick von Jerry Spring heißt ...

(6)Pancho
(7)Juanito
(0)Sancho

Die EHAPA-Verlosung

Heute verlost TITEL im dritten Teil drei Bände von EHAPA:

 

 

Croci / Pauly: Dracula (All In One!)


Jije: Jerry Spring (Gesamtausgabe!)


Disney: Die Ducks - eine Familienchronik

 

 

Beantworten Sie dazu nur die Frage links im Kasten - viel Glück! 


Flattr this

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Feier der Tonalität

Bei den großen Musikfestivals, in Salzburg, Luzern oder Verbier, kommt Jazz, wenn überhaupt, allenfalls als Kuriosität am Rande vor, am ehesten noch in der Gestalt des »Third ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Augenblicke des »alten Europa«

Tony Judts literarischer Gang durch sein Chalet der Erinnerungen.

 

Von WOLFRAM SCHÜTTE

Gegen die Dominanz des Beliebten

Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...

Galgenmännchen auf Finnisch

Freiheitsdrang und Träume können riskant sein. Wie riskant, muss der 12jährige Taifun erfahren, der zu seinem eigenen Besten in eine besondere Schule geschickt wird, dem Haus der ...

Kind sein, der moderne Vollzeitjob

Nur das Beste für das Kind, wer wünscht sich das nicht? Vorhalten soll das Beste auch, vorzugsweise ein Leben lang. Dafür müssen Grundlagen gelegt, das Kind rundum ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Garten Eden vor der Haustüre

Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...