Bastien Vivès: In meinen Augen
06.01.2011
In die Augen, in den Sinn
Nachdem Der Geschmack von Chlor bereits die Achtung erfahren hat, die ihm zweifelsohne gebührt, legt Reprodukt nach und veröffentlicht mit In meinen Augen bereits das nächste Meisterwerk von Bastien Vivès. CHRISTIAN NEUBERT ist nachhaltig begeistert.
Es beginnt so, wie es meistens beginnt: Mit einem Blick. Es ist kein Zufall, dass sich die Blicke der beiden Protagonisten am Anfang der Geschichte in der Universitätsbibliothek kreuzen. Woher man das weiß? Man selbst ist es, dem die schöne junge Frau, eine rothaarige Studentin um die 20, in die Augen sieht, nachdem man sie eine Zeit lang eindringlich gemustert hat.
In seinem zweiten nun in deutscher Sprache vorliegenden Comic ist dem gerade mal 26-jährigen Bastien Vivès – wieder mal, muss man sagen – eine Glanzleistung geglückt. Nach seinem bezaubernden Liebesreigen Der Geschmack von Chlor führt der junge Franzose diesmal auf eindrucksvolle Weise vor, welche narrativen Finessen Comics als erzählerisches Medium besitzen können.
Mittendrin, statt nur dabei
In meinen Augen macht den Leser selbst zur zweiten Hauptperson der erzählten Handlung. Vivès gelingt dieses Kunststück, indem er die Geschichte so inszeniert, dass man in direktem Augenkontakt und im persönlichen Zwiegespräch mit der weiblichen Hauptrolle der Erzählung steht. Und das ist vollkommen wörtlich zu verstehen – die Geschichte hat keine herkömmliche Erzählerfigur, sie spielt sich, nomen est omen, praktisch »live« vor den Augen des Lesers ab.
Dieses Experiment wird von Vivés konsequent durchexerziert – erklärende Worte gibt es keine, nur eine Dialogstruktur. Oder zumindest, um genau zu sein, die Hälfte davon, nämlich die Worte der jungen Frau. Damit die Gespräche – und somit die gesamte Geschichte – zur Entfaltung kommt, ist man eben nicht nur als Leser, sondern viel mehr als Teilnehmer und Handlungsträger gefordert. Mit In meinen Augen nötigt Vivés einem ein Verliebtsein auf! Das darf man ruhig unglaublich finden.
Experiment geglückt
Man braucht dabei im übrigen nicht zu befürchten, dass man eventuell kein Interesse für sein weibliches Gegenüber aufbringt. Dafür ist man viel zu schnell viel zu eingenommen von der schönen Rothaarigen. Man geht gern mit ihr ins Kino, man genießt es, ihr beim Tanzen zuzusehen. Verantwortlich dafür sind – neben der originellen Erzählform – vor allem die weichen, aber kräftigen Buntstiftzeichnungen, in denen der Comic gehalten ist. Diese fangen die unterschiedlichen Stimmungen der Geschichte gekonnt ein und verschaffen der sich langsam anbahnenden Love Story mehr als nur einen angemessenen Rahmen. Spärlich eingesetzte Outlines verleihen der ständig in den Fokus gerückten Studentin dabei gerade mal die nötigsten Konturen, um sie vor den verschwimmenden Hintergründen abzuheben.
Da das Vorgängerwerk Der Geschmack von Chlor graphisch gänzlich anders aufgemacht ist, bezeugen die Zeichnungen darüber hinaus die stilistische Vielfalt des Künstlers. Daneben beweist Vivès auch bei diesem Comic wieder ein großartiges Gespür beim Einsatz von Körpersprache. Jeder Blick, jede Bewegung scheint nicht nur mit Bedeutung, sondern mit Leben aufgeladen zu sein.
Rätselhaft und lebendig
Auch wenn man der schönen Rothaarigen im Verlauf der Geschichte sehr nahe kommt und obwohl man selbst es ist, der ihr nach und nach immer mehr Identität verleiht, bleibt sie für den Leser insgesamt ein Geheimnis, ihre Beweggründe sind rätselhaft. Daher bleibt es einem als Mitinitiator der Erzählung schließlich selbst überlassen, ob In meinen Augen bis zu seinem Ende die Geschichte einer aufkeimenden Liebe schildert oder vielmehr eine bereits gescheiterte Romanze beschreibt.
Insgesamt kommt man nicht umhin zu sagen, dass Vivés mit diesem Comic ein erstaunliches Leseerlebnis geschaffen hat, bei dem er die Grenzen und Möglichkeiten des Mediums auf eine Weise auslotet, wie man es bisher vielleicht nur von Marc-Antoine Mathieu kennt. Schön, dass Reprodukt uns nun auch diesen Künstler zugänglich gemacht hat – und hoffentlich bald noch mehr von ihm präsentiert.
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