»Sprache ist ein Ort«
Ein Satz der Autorin, der in diversen Medien immer wieder zitiert wird. Ist dieser Ort einer, der Gedanken und Erinnerungen beinhaltet?
»Wenn ich in der Lage bin, Sätze zu schreiben in einer Sprache, ist es, wie als würde ich ein Haus einrichten, einen Ort, mit einem bestimmten Raum und Klang, einem Raumklang.«
Jede Sprache habe ihren eigenen Raumklang, egal, ob es das Portugiesische, das Englische, Persische oder Deutsche sei. Jede der Sprachen habe darüber hinaus ihre eigene Mitteilungsabsicht.
»In diesem Sinne ist Sprache ein Raum, ein Ort. Sprache ist etwas, in dem ich mich gerne aufhalte und bewege, sowie für andere das Meer.«
Als Kind war sie begeistert von Karl-May. Heute gehören zu ihren literarischen Vorbildern zum Beispiel Christa Wolf oder Virginia Woolf. Von Marguerite Duras habe sie alles gelesen und eine Zeit lang komplett in sich aufgesogen. Imre Kertész begeistert sie nicht nur, weil er traumhaft mit Sprache umgehe, sondern auch durch seine literarische Durchdringung von totalen Systemen und was diese mit Menschen machten – gerade, wenn Gewalt im Spiel sei und gerade in Diktaturen wie Nationalsozialismus oder Stalinismus. So finde er Worte und Sprache für das Fremd-Sein in der Welt. Fremd hat sie sich nicht nur beruflich gefühlt. Zuerst wollte sie nicht Schriftstellerin werden, sondern Lehrerin.
»Ich bin aber nicht mit dem Regelschulsystem klar gekommen, mit dem Notensystem, dem Frontalunterricht usw. Das wäre nicht mein Leben gewesen.«
Das war es auch nicht auf Dauer als Mitarbeiterin eines autonomen Frauenhauses in Berlin. Hier war sie dank ihres Studiums der Erziehungswissenschaften jahrelang aktiv. Außerdem in weiteren Nichtregierungsorganisationen wie kleinen Vereinen in Berlin/Kreuzberg, zum Beispiel in der Gesundheitsfürsorge für Migranten. Weil sie selbst keinen ausschließlich deutschen Hintergrund besitzt, waren Sprach- und kulturelle Barrieren dementsprechend fühlbar nicht so hoch. Die eigene Barriere gegenüber den Gewalterlebnissen im Frauenhaus wuchs dafür umso mehr. Irgendwann nahm sie Frauen nur noch als Opfer, und Männer nur noch als Täter wahr. Das war für sie der Zeitpunkt, um zu sich zu sagen: Jetzt musst du aufhören, so kannst du nicht mehr helfen!
Dass Frauen nicht einseitig als Opfer dargestellt werden, darum geht es ihr einerseits. So hat sie in ihrem Text Das Heinrichshaus (aus ihrem Roman Gespräch in Meeresnähe) eine Frau zitiert, die sich der Dominanz ihres Mannes hingibt: »Sie hat weitergemacht, sich gewöhnt. Sie hat sich an das Kind gewöhnt, das tagelang auf dem Bett gegessen hat. Sie hat weitergemacht.« Nicht die Eltern, sondern das Kind steht im Fokus ihres Schreibens. Eine große Rolle spielt dabei die Liebe.
»Liebe ist ein Ausweg aus der Gewalt und aus gewalttätigem Handeln. An erster Stelle stehen Liebe und Selbstliebe. Wenn ich mich selbst liebe, werde ich mich aus Situationen entfernen, in denen Gewalt das Sagen hat.«
Liebe sei ihr Hauptthema, sagt sie. Bei einer ihrer Lieblingsautorinnen, Marguerite Duras, werde Begierde als eine Form von Verbundenheit dargestellt, die auf frustrierende Art in Nicht-Verbundenheit münde. Ihr aktueller Roman brennt handelt davon, wie ein Wohnungsbrand das Leben der Protagonistin Mané durcheinanderbringt. Sie hört seit dem Vorfall ständig Stimmen. Am Ende stehen das Hin- und Ankommen in Verbundenheit.
Was tat Mohafez, als sie aber merkte, dass sie ihre Arbeit im Frauenhaus nicht mehr ausüben möchte? Sie dachte sich: Eigentlich wollte ich ja Schriftstellerin werden. Sie hat es einfach probiert und 1999, mit 36 Jahren, einzelne Erzählungen veröffentlicht – teilweise Texte, die Tagebucheinträge waren: Texte wie Das Haus oder Der Zeitlupenschrei (aus ihrem Erzählungsband Wüstenhimmel, Sternenland). Diese hatte sie als Tagebucheinträge verfasst und 22 Jahre zuvor geschrieben sowie rechtzeitig zur Veröffentlichung ein wenig überarbeitet.
Wie gestaltet sich so ein Schreibprozess, frage ich.
»Wenn man viel schreibt, beginnt man gestaltend zu schreiben, ohne dass man es bewusst tut, und kommt so zu einem gestaltendem Ende und Schluss. Man schreibt erzählend, in Ansätzen.« Auch das Lesen habe ihre Lust am Schreiben gefördert.
Die Frage, ob sie risikofreudig sei, bejaht sie, schaut dabei aber doch ein wenig besorgt drein.
»Tendenziell ja, auch wenn ich Angst habe, dass meine Schriftstellerkarriere schief gehen könnte. Aber das weiß man erst, wenn man es probiert hat. Man muss in diesem Beruf viele Unsicherheiten ertragen. Ich bin schon froh, wenn die nächsten fünf Monate gesichert sind.«
Anmerkung der Redaktion:
Sudabeh Mohafez gehört zu denen, die neben Björn Kern und Patrick Findeis mit einem der drei Literaturstipendien des Landes Baden-Württemberg 2010 ausgezeichnet worden sind. Ein Jahr lang erhält sie die monatliche Summe von 1000 Euro. Der Preis soll die Arbeit herausragender Autoren oder junger Autoren mit Entwicklungspotenzial fördern. Er wird jährlich an drei Schriftsteller vergeben, die damit eine größere Arbeit durchführen oder abschließen können.

