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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 18:04

Lev Kulesov: Po zakonu. Edition filmmuseum 63

13.01.2011

Schuld und Sühne: Stummfilmkunst

Alles starrt auf neue Kunstformen, die sich in der Regel technologischen Entwicklungen verdanken. Dass Kunstformen auch wieder verschwinden können, wird gemeinhin vergessen. So ist der Stummfilm nach einer nur 35-jährigen Geschichte gestorben und weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Der Stummfilm verhält sich zum Tonfilm wie die Pantomime zum Sprechtheater, mit dem Unterschied freilich, dass er über viel mehr Möglichkeiten und ein weitaus elaborierteres Zeichensystem verfügte als diese. Wenn man sich die Meisterwerke der Stummfilmepoche ansieht, erkennt man, welchen Verlust ihr Ende bedeutet. Béla Balázs und andere, die das schon in den ersten Jahren des Tonfilms konstatierten, haben Recht behalten.

 

Lew Kulešov ist in erster Linie für den nach ihm benannten »Effekt« bekannt, mit dem er nachwies, dass das Einzelbild im Film je nach seiner Umgebung, die in der Montage hergestellt wird, seine Bedeutung verändert. Po zakonu (Nach dem Gesetz), sein Spielfilm, den das Österreichische Filmmuseum jetzt als DVD herausgebracht hat, macht aus einem Sujet, das Charlie Chaplin ein Jahr zuvor in Goldrush als Komödie behandelt hat – der Goldsuche im arktischen Nordamerika –, einen Abenteuerfilm nach Jack Londons Erzählung The Unexpected. Das Drehbuch hat Viktor Šklovskij, der Chefdenker des Russischen Formalismus und ein bedeutender Filmtheoretiker, geschrieben.

 

Nicht wirklich stumm

Es geht um eine Gruppe von vier Russen und einer Russin – der grandiosen, keineswegs hübschen, dafür aber umso ausdrucksvolleren, Augen rollenden Aleksandra Chochlova –, die am Yukon River Gold gefunden haben. Der Ire Michael Dennin, der sich von den Partnern übergangen fühlt, erschießt zwei von ihnen. Der Überlebende Hans Nelson will ihn seinerseits erschießen. Seine Frau Edith aber besteht darauf, dass Dennin „nach dem Gesetz“ bestraft wird. Es entwickelt sich ein zermürbenden Katz- und Maus-Spiel in einer kleinen Hütte, die vom zunächst zugefrorenen Fluss, dann von anschwellendem Wasser eingeschlossen ist. Das Bild der aufbrechenden Eisschollen, das im frühen sowjetischen Film gerne als Metapher verwendet wird, hat hier einen ganz realen Hintergrund. Überhaupt zeichnet sich Po zakonu durch einen dokumentarischen Stil aus, der die dramatische Handlung eher steigert als versachlicht. Gezielt setzt  Kulešov expressionistische Großaufnahmen von Gesichtern ein, auch Detailaufnahmen von Gegenständen, die den sparsamen Einsatz von Zwischentiteln ermöglichen. Die Lichtregie ist atemberaubend und macht einmal mehr bewusst, wie avantgardistisch der russische Film in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution war, als noch keine Dogmen seine Ästhetik einschränkten. Kulešovs Name muss gleichberechtigt neben den bekannteren Namen Eisenstein, Pudovkin und Dovzenko genannt werden.

 

Stummfilme wurden nicht wirklich »stumm«, sondern mit Musik vorgeführt. Leider ist die von Franz Reisecker, der auch schon für Panzerkreuzer Potemkin eine Untermalung beigesteuert hat, komponierte elektronische Musik, mit der die DVD den Film Kulešovs unterlegt, ziemlich nervig. Auch konnte die Verfasserin der deutschen Untertitel ihre dichterische Ader nicht zähmen. Wo die russischen Zwischentitel äußerst knapp gehalten sind, fühlt sie sich immer wieder bemüßigt, auszuschmücken. Dabei hätte sie erkennen müssen, dass Reduktionismus ein ästhetisches Prinzip dieses Kammerspiels ist. Zum Glück hat sie nicht die Bilder »übersetzt«.

 

Zahlreiche Querbezüge

Als Bonusmaterial enthält die DVD das Fragment eines weiteren Films Kulešovs, in dem man Aleksandra Chochlova in einer völlig anderen Rolle bestaunen kann. Und damit ist ein grundsätzliches Thema angesprochen. Die erschreckende filmgeschichtliche Unbildung, auch und gerade bei jungen Filmemachern, wurde in den vergangenen Jahrzehnten damit entschuldigt, dass man, jedenfalls außerhalb einiger privilegierter Großstädte wie Paris, Berlin oder Wien, kaum die Möglichkeit habe, alte Filme zu sehen. Die Lage hat sich verändert. Zwar ist die DVD – wir schrieben das schon mehrmals – kein Ersatz für die Projektion auf die große Leinwand. Aber immerhin hat sie eine ganze Reihe scheinbar verschollener Filme allgemein und überall zugänglich gemacht, darunter auch viele legendäre Stummfilme und oftmals in bewundernswerten, mühsam restaurierten Fassungen. Die Arbeit, die da von den Filmmuseen geleistet wird, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie ist nicht weniger lobenswert als die Rekonstruktion von historischen Schlossfassaden oder Kirchen. Jedenfalls macht sie Ausreden obsolet. Wer behauptet, er habe keine Möglichkeit, sich mit der Geschichte der Filmkunst vertraut zu machen, ist so glaubwürdig wie ein Architekt, der erklärt, er könne sich nicht vorstellen, wie die Dresdner Frauenkirche aussieht. Beide sind schlicht bequem und letzten Endes – dumm.

 

Wer aber den Stummfilm liebt und kennt, wie ein wirklicher Musikliebhaber nicht nur Rihm und Zimmermann, sondern auch Monteverdi und Bach kennt, weil er so Rihm und Zimmermann besser versteht, der wird in Po zakonu zahlreiche Querbezüge zu anderen Filmen jener Zeit entdecken, Zitate und Analogien, parodistische Elemente und Koinzidenzen. Mehr noch: Po zakonu verweist weit voraus in die Zukunft. Wer wollte gegen Schluss, ehe der erhängte Dennin bei Unwetter und Sturm die Hütte betritt, nicht an Tarkovskij denken. Der Stummfilm als eigenständige Kunstform ist tot. Aber er wirkt weiter, subkutan, wie das Theater der Antike in den Chören eines Einar Schleef.


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Hier ein Ausschnitt der ''ziemlich nervigen'' Musik: www.youtube.com/watch?v=h5zX09BC5rk
| von Franz Reisecker, 17.01.2011

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

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