Entdeckungslust und Verständnishilfe
Was zeichnet Jungheinrich gegenüber einem großen Teil seiner Berufskollegen aus? Zunächst seine Neugier, seine Aufgeschlossenheit. Ihm war der Einsatz für zeitgenössische Musik, die Förderung lebender Komponisten stets wichtiger als die minutiöse Auseinandersetzung mit der vierhundertsiebenundsechzigsten Aufführung oder Aufnahme eines Repertoirestücks. Ähnlich wie sein Kollege Wolfram Schütte gegenüber dem Film, hatte Jungheinrich gegenüber der Musik keine Scheu vor kulturpolitischer Einmischung. Eine esoterische Stilkritik war seine Sache nicht, obwohl er die Partituren – das konnte man seinen Rezensionen ablesen – genau studiert hatte und dafür durchaus das Zeug gehabt hätte.
Aber ein guter Musikkritiker muss nicht nur von Musik und – mit einem Wort Hanns Eislers – von sehr viel mehr etwas verstehen, er muss auch schreiben können. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Die sprachliche Armseligkeit des Musikjournalismus, die Unfähigkeit, für die Beschreibung von Kompositionen und Interpretationen mehr als nur vage Adjektive zu finden, die bloße Auskunft über Befindlichkeiten, die sich vom Rockjournalismus mehr und mehr in die gesamte Musikkritik verbreitet hat, ist erschreckend.
Hans-Klaus Jungheinrich vermag nicht nur plastisch und nachvollziehbar zu beschreiben und zu analysieren, er verfügt auch über einen Stil, der das Lesen zum Vergnügen macht, zu einem Vergnügen der Erkenntnis und zu einem ästhetischen Vergnügen. Der Begriff »Feuilleton« wird, insbesondere von Universitätslehrern, gerne abschätzig verwendet. Sie verwechseln die Unlesbarkeit ihrer Texte mit Wissenschaftlichkeit. Dem gegenüber schreibt Jungheinrich feuilletonistisch im besten Sinn des Wortes. Die Eleganz seines Stils geht nie auf Kosten der Genauigkeit, der Überprüfbarkeit. Wenn er mit Wörtern spielt, dann niemals nur um einer Pointe willen, sondern um Einsichten zu befördern.
Jungheinrich, der 1938 geboren wurde, ist seit ein paar Jahren »im Ruhestand«, aber er schreibt nach wie vor für die Frankfurter Rundschau, die sich bei aller interner Konkurrenz gerne mit ihm schmückt. Redaktionelle Arbeit war sowieso nicht die besondere Leidenschaft Jungheinrichs. Lieber reiste er den Uraufführungen von neuen Musikstücken und Opern nach. Im Übrigen waren auch seine seltenen Theaterkritiken nichts weniger als amateurhaft. Seine Analyse von Regiekonzeptionen im Musiktheater kann so manchen Kollegen aus dem Schauspielressort beschämen.
Die Covertexte, die Jungheinrich etwa für das Plattenlabel ECM schrieb, gehören zum Gescheitesten, was in diesem Genre verfasst wurde, und haben dank der Offenheit Manfred Eichers nichts mit jenen unappetitlichen PR-Texten gemeinsam, für die sich manche Journalisten prostituieren. Wenn man Jungheinrich etwas »vorwerfen« kann, das ist es seine Freundlichkeit, nicht erst bei Covertexten, sondern mehr noch als Kritiker. Verrisse machen ihm offenbar keine Freude. Das dürfte nicht an mangelnder Konfliktfähigkeit liegen, sondern eher an der Auffassung, dass der Kritiker Kunst zu ermöglichen, nicht zu verhindern, dass er sich als Partner der Künstler zu verstehen habe. Jungheinrich hat offenbar Respekt vor der schöpferischen Arbeit. Man sollte das nicht verwechseln mit jener Verbandelung von Kritikern und Künstlern, die sich auf Premierenfeiern spreizt. Jungheinrich ist kein Snob. Er sucht nicht den öffentlichen Auftritt. Eher schon wirkt er scheu.
Von Hans-Klaus Jungheinrich liegen mehrere Bücher vor. Zuletzt ist im Salzburger Verlag Jung und Jung Hohes C und tiefe Liebe: 33 Versuche, (k)einen Opernführer zu schreiben erschienen. Jungheinrich kann hier einmal mehr für Komponisten und Werke werben, die er liebt und die im üblichen Kanon zum Teil eher marginalisiert werden. Er macht Lust auf Entdeckungen und hilft nach bei deren Verständnis.
Nun also ehrt ihn die Stadt Frankfurt. Wir wissen es besser. Sie ehrt sich selbst.

